Weltweit sind mehr als 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Einige von ihnen hoffen auf ein besseres Leben in Europa und wagen dafür gefährliche Reisen. Aus welchen Ländern kommen die Flüchtlinge zu uns und warum fliehen sie aus ihrer Heimat?

Grenzzäune in Ungarn, klapprige Boote auf dem Mittelmeer, erstickte Menschen in einem Lastwagen – die Flüchtlingskrise dominiert Europa in diesen Tagen mehr als jedes andere Thema. Aber aus welchen Ländern kommen derzeit die meisten Menschen in die Europäische Union (EU)? Und warum verlassen sie ihre Heimat? Ein Überblick zu den Top 10 der Herkunftsländern – die Daten dafür stammen vom Statistischen Amt der Europäischen Union (Eurostat) und beschreiben das erste Quartal 2015:

Die Flüchtlinge in Budapest haben nur ein Ziel: den Westen.

#1: Kosovo

In den ersten drei Monaten des Jahres stellten 48.900 Kosovaren in der EU einen Asylantrag – das sind 26 Prozent aller Anträge. Mit den Flüchtlingsströmen der vergangenen Wochen dürfte diese Zahl noch einmal gewachsen sein. Manfred Schmidt, Präsident des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF), sprach im Interview mit dem "Bayerischen Rundfunk" von Zehntausenden Kosovaren, die innerhalb weniger Wochen allein nach Deutschland gekommen seien. Insgesamt hat das Kosovo nur rund 1,8 Millionen Einwohner. Die Flüchtlinge von dort berichten von Elend, von Armut – davon, dass sie keine Perspektive in ihrer Heimat sehen. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 40 Prozent der Menschen arbeitslos sind, unter den Jugendlichen sogar 70 Prozent. Nach UN-Angaben lebt jeder Fünfte unter extremer Armut; das heißt, ihm stehen weniger als 0,94 Euro pro Tag zur Verfügung.

#2: Syrien

Die Menschen in Syrien leiden doppelt: Erstens kämpfen seit Anfang 2011 die Truppen von Präsident Baschar al-Assad und mehrere Rebellengruppen in einem Bürgerkrieg gegeneinander. Zweitens verbreitet auch die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) seit Sommer 2014 Angst und Schrecken. Laut den Vereinten Nationen ist deshalb inzwischen jeder zweite Syrer auf der Flucht, also etwa zehn der 20 Millionen Einwohner. Im ersten Quartal beantragten rund 29.000 Syrer Asyl in Europa (16 Prozent aller Anträge). Im vergangenen Jahr waren sie mit Abstand die größte Gruppe: 122.000 der rund 625.000 Anträge entfielen auf syrische Staatsbürger. Im Vergleich zu anderen Staaten ist das jedoch noch immer eine sehr kleine Zahl. Allein in der Türkei leben laut UN-Statistik fast zwei Millionen syrische Flüchtlinge.

#3: Afghanistan

Mehr als zehn Jahre ist es her, dass die US-Armee in Afghanistan einmarschierte. Doch noch immer kommt das Land nicht zur Ruhe, Regierungstruppen und islamistische Taliban bekämpfen sich fortwährend. Fast wöchentlich tauchen neue Meldungen über Anschläge und Tote auf, 2014 starben laut UN rund 3700 Zivilisten, 6800 wurden verletzt. Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht oder leben in Slums und Zeltstädten. "Es fehlt an medizinischer Hilfe, Versorgung mit Lebensmitteln, sauberem Trinkwasser und Unterbringungsmöglichkeiten", schreibt die Flüchtlingsorganisation Pro Asyl. All diese Faktoren führen dazu, dass im ersten Quartal rund 13.000 Afghanen einen Asylantrag in Europa stellten (sieben Prozent aller Anträge).

Lösen Angriffe gegen den IS das große Zuwanderungsproblem?

#4 Albanien

Das BAMF hatte schon im Mai darauf hingewiesen: "Wegen der unverändert schlechten wirtschaftlichen und sozialen Lage in Albanien [...] ist auch für die Zukunft von einem hohen Migrationspotenzial auszugehen." Im ersten Quartal belegte das Land mit rund 8.000 Anträgen den vierten Platz in der EU (vier Prozent aller Anträge). In der deutschen Statistik, die bis Juli geht, rangiert Albanien inzwischen schon auf Platz drei. Ähnlich wie im Fall des Kosovo hoffen auch viele Albaner in Europa auf ein besseres Leben für sich und ihre Kinder – auch wenn ihre Anträge dort kaum Chancen auf Anerkennung haben.

#5: Irak

Wie im Fall von Syrien wüten die Krieger des IS auch im Norden des Irak. Sie haben es dort insbesondere auf Kurden und alle Andersgläubigen wie Christen, Jesiden oder Schiiten abgesehen. Die Vereinten Nationen sprechen von "Völkermord". Der IS-Terror trifft den Irak auch deshalb besonders hart, weil er nur wenige Jahre nach dem Irakkrieg kommt, der Chaos und Zerstörung im Land hinterließ. Aus diesem Grund kamen im ersten Quartal rund 7.300 Menschen aus dem Irak nach Europa (vier Prozent aller Anträge).

#6: Serbien

Seit Herbst 2014 gilt Serbien in Deutschland als "sicherer Herkunftsstaat". Das BAMF erklärt dazu: "Wer aus einem sicheren Herkunftsstaat kommt, dessen Asylantrag wird regelmäßig als 'offensichtlich unbegründet' abgelehnt." Die Aussicht auf Misserfolg hält viele Serben jedoch nicht davon ab, ihr Land zu verlassen, um in Deutschland nach Arbeit und einer Perspektive zu suchen – oder in einem anderen Teil der EU. Denn im ersten Quartal stammten rund 6.300 Asylanträge von ihnen (drei Prozent aller Anträge).

#7: Pakistan

In den vergangenen Jahren zählte Pakistan immer wieder zu den Ländern mit den meisten Asylsuchenden. Ähnlich wie in Afghanistan dominiert auch im Nachbarstaat die politische Instabilität. Regierung und Taliban liefern sich seit Jahren einen erbitterten Kampf, regelmäßig werden außerdem Menschenrechte verletzt. "Die Taliban überziehen das Land mit Repression und Gewalt, die die innere Sicherheit Pakistans bedrohen", schreibt die Migrationsforscherin Vera Hanewinkel in einem Beitrag für die "Bundeszentrale für politische Bildung". Die Folge: 5.300 Menschen aus Pakistan, die im ersten Quartal nach Europa wollten (drei Prozent aller Anträge).

#8: Ukraine

Nicht nur aus dem Nahen Osten oder Afrika fliehen die Menschen vor Gewalt und Krieg. Auch im Osten der Ukraine bleibt die Bevölkerung seit dem Frühjahr 2014 nicht von diesem Schicksal verschont. Allen politischen Vermittlungen zum Trotz liefern sich pro-russische Rebellen und die ukrainische noch immer Gefechte, der Konflikte kann jederzeit wieder eskalieren. 4.700 Ukrainer beantragten deshalb im ersten Quartal in der EU Asyl (drei Prozent aller Anträge).

#9: Nigeria

Nigeria gilt als einer der Wirtschaftsmotoren Afrikas. Doch viele Menschen leiden unter den Islamisten von Boko Haram, die einen Gottesstaat errichten wollen. Seit Jahren terrorisiert die Gruppe das Land, verübt Selbstmordanschläge, überrollt ganze Dörfer, versklavt und verschleppt Kinder und Frauen, richtet die Männer hin. Die UN schätzt, dass inzwischen mehr als 1,5 Millionen Menschen heimatlos geworden sind. Viele Nigerianer fliehen in die Nachbarstaaten – aber auch in die EU. Hier stellten im ersten Quartal rund 4.200 von ihnen einen Asylantrag (zwei Prozent aller Anträge).

#10: Somalia

Das Auswärtige Amt warnt eindringlich: "Wer sich in Somalia aufhält, muss sich der Gefährdung durch Kampfhandlungen, Piraterie sowie terroristisch oder kriminell motivierte Gewaltakte bewusst sein." Viele Jahre war Somalia vor allem als "gescheiterter Staat" bekannt. Zwar gibt es seit 2012 wieder eine Regierung, doch die Al-Shabaab-Miliz und andere regionale Gruppen halten das Land weiter in Atem. Neben der Gewalt fliehen die Menschen auch vor Dürren, die Somalia immer wieder treffen. 3.400 Somalier suchten deshalb im ersten Quartal Asyl in Europa (zwei Prozent aller Anträge).