Wenn im Hauptausschuss des Bundestages an diesem Montag wieder einmal über den Familiennachzug diskutiert wird, geht es auch um die Zukunft von Amal. Ihre vier Kinder sind noch bei der Oma in Syrien.

Die deutschen Regeln zum Familiennachzug sind komplex. Ihre Logik erschließt sich den Betroffenen oft nicht.

Dalal (50) aus Syrien hat ihre eigenen Erfahrungen damit gemacht. Ihr älterer Sohn war 2010 nach Berlin gekommen, um zu studieren. Dass sie selbst eines Tages in das Land umsiedeln würde, von dem man immer hörte, seine Bewohner seien so verbissen, ahnte die Englischlehrerin aus Damaskus damals noch nicht.

Heute sagt die Neu-Berlinerin: "Die Deutschen sind ganz anders, als ich dachte. Sie geben einem ein gutes Gefühl, auch wenn man nicht so gut Deutsch kann."

Anfeindungen habe sie noch nie erlebt, "allerdings höre ich von Flüchtlingsfrauen, die Kopftuch tragen, dass es für sie anders sei". Dalal trägt das Haar halblang und offen, elegant frisiert, mit dezenten blonden Strähnen.

Auch in Syrien hat sie kein Kopftuch getragen. Vor dem Krieg lebte sie mit ihrem jüngeren Sohn und ihrem Mann, einem gebürtigen Palästinenser, im Jarmuk-Viertel.

Für die Ehefrau reichte das Geld nicht

Nach dem Sohn ging dann auch ihr Mann nach Deutschland. Er fand Arbeit in Forst, einer kleinen Stadt in der Niederlausitz. Als er schließlich einen Aufenthaltstitel, Wohnraum und genügend Einkommen (1.100 Euro netto im Monat) vorweisen konnte, durfte er im November 2011 den jüngeren, damals noch minderjährigen Sohn aus Syrien zu sich holen.

Für den Nachzug der Ehefrau reichte sein Gehalt nicht, denn mit seiner Aufenthaltsberechtigung hatte er kein Anrecht auf den sogenannten "privilegierten Familiennachzug", den auch Menschen in Anspruch nehmen können, die von staatlichen Leistungen abhängig sind.

Dalal will unbedingt erzählen, wie das damals war. Allerdings spricht sie schneller als sonst, wenn sie von den schwierigen Zeiten erzählt.

Sie sagt: "Eigentlich wollten wir, dass unser Sohn in Syrien erst das Abitur fertig macht, aber dann hatten wir so viel Angst um ihn. Mehrere seiner Mitschüler wurden getötet. Er hätte bald zur Armee gehen müssen, deshalb haben wir entschieden, dass er das Visum nehmen soll und nicht ich."

Kurz darauf verlässt auch Dalal das Palästinenser-Viertel Jarmuk, dessen Bewohner später heftige Kämpfe und Hungerkrisen erleben. "Ich bin gekommen wie so viele - illegal", sagt sie. Ihr Blick wirbt um Verständnis.

Dalal sucht "eine richtige Arbeit"

Seit 2013 lebt Dalal mit ihrer Familie in Berlin. Damit, dass sie in Deutschland als Englischlehrerin wohl keinen Job finden wird, hat sie sich abgefunden.

Sie hat Deutsch-Kurse belegt, Praktika gemacht. Dalal hat anderen Flüchtlingen geholfen, sich in Deutschland zu orientieren.

In einem Nachbarschaftszentrum war sie über den Bundesfreiwilligendienst ein Jahr beschäftigt. Jetzt arbeitet sie dort als Honorarkraft. "Ich bin zwar inzwischen schon Oma, aber ich bin aktiv. Ich suche eine richtige Arbeit", sagt sie.

Sie hofft auf einen Job als Erziehungshelferin, und dass ihr jüngerer Sohn es schafft, eine Ausbildung zu beenden. Die Erinnerung an seine getöteten Schulkameraden quält ihn bis heute.

Um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern, hat Dalal einen Kurs besucht, den das International Rescue Committee gemeinsam mit einem Pflegedienstleistungsvermittler organisiert hatte. Er soll Flüchtlingsfrauen Wege in den Arbeitsmarkt aufzeigen.

Durch den Kurs hat Dalal zwei andere Syrerinnen kennengelernt: Jumna (30) ist mit ihren beiden Töchtern im März 2016 über den Familiennachzug nach Deutschland gekommen, wo ihr Mann bereits als anerkannter Flüchtling lebte. Sie spricht gut Englisch, wirkt selbstbewusst.

Jumna sagt: "Die Deutschen haben diese Vorstellung, dass wir alle von Hilfszahlungen leben und dass wir das angeblich auch so wollen. Doch das stimmt gar nicht."

Amal (35) hat nach dem Kurs einen Job als Haushaltshilfe bei einer deutschen Familie angenommen. Ihr Einkommen reicht aber bei weitem nicht aus, um ihre vier Kinder zu sich zu holen, die noch in Syrien bei der Oma leben.

Visa zur Familienzusammenführung in Deutschland gibt es für Ehepartner, minderjährige Kinder und für die Eltern minderjähriger unbegleiteter Ausländer.

Subsidiärer Schutz bedeutet: Kein privilegierter Familiennachzug

Ein Anrecht auf privilegierten Familiennachzug hat Amal aber nicht. Denn sie gehört zur Gruppe der Flüchtlinge, denen nur der sogenannte subsidiäre Schutzstatus zuerkannt wurde.

Wann und in welchem Tempo auch diese Flüchtlinge künftig wieder ihre Angehörigen zu sich holen dürfen - ohne alleine für deren Lebensunterhalt aufkommen zu müssen - entscheidet sich wahrscheinlich bei den Koalitionsgesprächen zwischen CDU, CSU und SPD in den nächsten Tagen.

Für Amal ist auch die Zeit ein ganz wichtiger Faktor. Nicht nur, weil sie ihre Kinder vermisst. Sie hat auch Angst, dass es dauern könnte bis ihre Älteste volljährig ist. Dann müsste das Mädchen in Syrien zurückbleiben.

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© dpa