Nicht nur in Europa, auch in den Herkunftsländern der Flüchtlinge wird kontrovers über die Ursachen und Folgen der Abwanderungswelle gestritten. In Syrien versucht die Assad-Regierung, das Thema für die eigene Propaganda zu missbrauchen. Wie wirkt sich der Exodus auf die Gesellschaft aus?

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Vor wenigen Tagen gab der syrische Diktator Baschar al-Assad im russischen Staatssender RT seine ganz eigene Deutung der Flüchtlingskrise zu Protokoll. Die Menschen seien nur auf der Flucht, weil der Westen den "Terrorismus" – gemeint ist die gemäßigte Opposition – in Syrien unterstütze. Die Aussagen vieler Flüchtlinge, dass sie der Willkür und den Luftangriffen des syrischen Regimes entkommen wollten, nannte Assad "westliche Propaganda". Im Hinblick auf eine Lösung des Bevölkerungsexodus behauptete er, es sei "unmöglich, etwas zu tun, solange das Blutvergießen nicht gestoppt ist."

Die Aussagen des Alleinherrschers stehen stellvertretend für die gestiegene Bedeutung des Themas auf der politischen Agenda. In Europa und in den Herkunftsländern der Migranten. Jene wirklichkeitsferne Verdrehung zeigt ferner, dass die Ursachen und Folgen der Flüchtlingskrise ganz unterschiedlich gedeutet werden. Und eben auch für die eigene Propaganda instrumentalisiert.

Massenflucht ist Niederlage für Assad

In irakischen und syrischen Medien gibt es derzeit so etwas wie einen Wettstreit um die bissigste Karikatur zum Thema Flüchtlingskrise, wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtet.

Wieso das westliche Bild von Syrien so nicht stimmt.

Während im irakischen Blatt "Al-Sabah Al-Jaded" ein Leuchtturm als Sinnbild für die EU mit einer davor gelagerten Insel aus Leichen abgebildet wird, rollt im syrischen Regierungsblatt "Al-Watan" eine bösartig grinsende Gaunerfigur – gemeint ist die EU – den Ankommenden einen roten Teppich aus und heißt sie willkommen. Das soll eine Anspielung darauf sein, dass Europa die Asylsuchenden angeblich nur ausbeuten wolle. Die syrische Regierung schiebt somit die Verantwortung der Europäischen Union in die Schuhe – und weit von sich weg. Erst unterstütze Europa den "Terrorismus", dann jammere es über die vielen Flüchtlinge, höhnte Assad im russischen Fernsehen.

Es scheint undenkbar, dass er die Massenflucht vieler junger Menschen als Konsequenz des eigenen, kriegerischen Handelns akzeptiert. Denn: Dies käme dem Eingeständnis einer Niederlage gleich. Die Fluchtwelle ist auch deshalb bedrohlich für das innere Gefüge des syrischen Rumpfstaates, weil sich viele junge Männer auf diese Weise der drohenden Einberufung zum Wehrdienst entziehen. Mit Folgen: Assad gehen allmählich die Soldaten aus

Irak erteilte jungen Männern Ausreisegenehmigungen

Im östlichen Nachbarland Irak wird die Situation etwas anders bewertet. Das irakische Ministerium für Migration und Vertriebene erteilte noch im Juli großzügig Ausreisegenehmigungen, wie die "FAZ" berichtet. Ausführliche Informationen über ihre Asylrechte konnten Interessierte in manch einer Bagdader Zeitung aufschnappen. Mittlerweile sei der Andrang aber so groß geworden, dass sich die Regierung gezwungen sah, unter Verweis auf Todesfälle unter irakischen Migranten auf der Flucht ausdrücklich vor einer Auswanderung zu warnen.

Auch prominente Religionsführer fordern die Bevölkerung auf, dem Land die Treue zu halten. Der schiitische Rechtsgelehrte Abdul Mahdi al-Kerbalai mahnte in einer Predigt Ende August, die Emigrationswelle drohe dem Land die Jugend zu rauben. Vor allem der Weggang kultivierter, gut ausgebildeter Akademiker sei ein Problem. Sie sollten an die Zukunft und an das Wohl des Landes denken und im Irak bleiben, forderte al-Kerbalai. Viele syrische Flüchtlinge verfügen ebenfalls über eine exzellente Ausbildung. Der Appell richtet sich genauso an die irakische Regierung. Seine Forderungen: Reformen, Arbeitsplätze und eine Perspektive für junge Menschen. Tatsächlich bringt Premierminister Haider al-Abadi gerade ein Reformpaket auf den Weg.

Der irakisch-schiitische Theologe Scheich Ali Jaghi betonte unterdessen, die Auswanderung für Muslime in nicht-islamische Länder sei eigentlich verboten – wegen möglicher Probleme bei der Religionsausübung. Wenn die Migranten nur vorübergehend im Ausland lebten und fest entschlossen seien zurückzukehren, wäre die Ausreise allerdings gestattet, erklärte er. Die chaotischen Zustände zwingen aber auch viele Minderheiten zur Flucht: Lebten vor zehn Jahren noch rund 1,5 Millionen Christen im Irak, sind es heute laut Schätzungen nur noch 200.000. Die gesellschaftliche Vielfalt des Landes ist durch die Abwanderung bedroht.

Wenn in Irak und Syrien weiter Perspektivlosigkeit herrscht, werden die jungen Leute, egal ob Muslime oder Christen, wohl kaum in ihre Heimat zurückkehren. Da können die Gelehrten und Politiker noch so wohl formulierte und schön klingende Reden halten. Sie müssen jetzt dringend handeln.