Die Griechen stecken in der Krise. Einige Wirtschaftswissenschaftler und Politiker erwägen den Austritt Griechenlands aus dem Euro. Welche Konsequenzen ein solcher "Grexit" für das Land selbst, aber auch Deutschland hätte, erklärt Ökonom Dr. Jens Boysen-Hogrefe vom Kieler Institut für Weltwirtschaft.

Die Debatte um den Verbleib Griechenlands im Eurosystem bekommt immer mehr Aufwind. Welche Folgen hätte dieser Schritt für das Land selbst?

Dr. Jens Boysen-Hogrefe: Für Griechenland wäre ein Ausstieg aus dem Euroraum extrem problematisch. In dem Moment, in dem Griechenland zu seiner eigenen Währung, der Drachme, zurückkehren würde, würde diese sehr abgewertet werden oder starken Wechselkursschwankungen ausgesetzt sein. Die griechische Ökonomie könnte sich am internationalen Kapitalmarkt kaum noch bewegen.

Was bedeutet das konkret?

Das heißt, es würde kaum noch Gläubiger geben, die dem griechischen Staat zu sinnvollen Konditionen Geld leihen würden. Auch Unternehmen hätten erhebliche Probleme, an Investorengelder zu kommen. Die Folge wäre eine große Verunsicherung. Zudem würde die Inflation stark anwachsen, sodass die negativen Konsequenzen für Griechenland immens wären.

Warum schätzen Befürworter eines "Grexits" dann die positiven Auswirkungen höher ein?

Griechenland könnte an preislicher Wettbewerbsfähigkeit gewinnen, weil griechische Exporte preiswerter werden würden. Das ist der einzige positive Aspekt. Die Risiken aufwiegen könnte er allerdings nicht. Deswegen will in Griechenland auch niemand aus dem Euro raus.

Inwiefern wäre Deutschland von den Nachwehen eines "Grexits" betroffen?

Wenn der "Grexit" kooperativ verläuft, also ohne dass sich die Beziehungen zwischen den Zentralbanken negativ gestaltet, würden wir das hier in Deutschland kaum merken. Viele Ansteckungskanäle, die es 2010 etwa mit der damals engen Verknüpfung des Finanzsektors noch gab, sind nicht mehr da. Allerdings wäre ein Großteil der Rettungsmilliarden verloren und auch die Absprachen der Zentralbanken werden nicht ganz einfach. Denn für einen solchen Schritt gibt es kein Regelwerk. Keiner weiß, wie das alles genau funktionieren soll. Die Folgen des "Grexit" wären also unkalkulierbare Risken für alle Seiten.

Und wenn das Ganze unkooperativ verläuft?

Dann kann vieles passieren. Die griechische Zentralbank könnte sich entscheiden, eine große Menge an Euros abfließen zu lassen und ihre Schulden in Drachme oder gar nicht zurückzuzahlen. Das käme das Eurosystem insgesamt sehr teuer zu stehen. Immerhin hat über die Rettungskredite und die Zentralbankbilanzen nicht nur Deutschland Milliarden im Feuer stehen, sondern auch ein angeschlagenes Land wie Italien.

Welches Signal ginge von einem "Grexit" an die Euroskeptiker aus?

Da ist allein die Debatte, die wir jetzt führen, problematisch. Euroskeptiker stellen die Zugehörigkeit ihrer Länder zum Euroraum längst in Frage. Entweder, weil sie freiwillig aus der Währung raus wollen oder sich – wie in Portugal – fragen, wann es dauert, bis sie aus dem Euroraum fliegen. In Italien und auch in Frankreich gibt es bereits solche Bewegungen, die aus einem "Grexit" politisches Kapital schlagen könnten.

Gäbe es weitere Profiteure, wie etwa der Ökonom Hans-Werner Sinn behauptet?

Wenn man die Zuspitzung einer solchen Krise richtig erahnt, kann man natürlich an den Finanzmärkten durch entsprechende Geschäfte Gewinne machen. Aber wer das sein soll, lässt sich nicht bestimmen. Dass die Griechen die Gewinner eines solchen Szenarios sein sollen, halte ich aber für überzogen. Weil damit das Argument des preislichen Wettbewerbs über alle anderen Argumente und Bedenken gestellt wird.

Inwiefern?

Wenn die Drachme an Kaufkraft verliert und eine starke Inflation die Folge ist, weil keiner mehr weiß, was diese Währung wert ist, geraten Investitionen ins Stocken. Schauen wir uns Russland an. Russland leidet momentan deutlich unter der Abwertung des Rubels. Und so würde es Griechenland gehen. Denn, was eine billige Drachme fördern würde, nämlich eine Zunahme des Tourismus, braucht es zur Zeit nicht. Der boomt auch so schon.

Falls Griechenland den Euroraum verlassen sollte, wie würde der Vorgang ablaufen?

Das ist völlig unklar. Man müsste politisches Neuland beschreiten, wenn man Griechenland in irgendeiner Weise vor die Tür setzen wollte. Egal, ob mit seiner Zustimmung, was ich derzeit nicht sehe, oder ohne. Ich halte einen "Grexit" deshalb nicht für realistisch. Aber sollte es wider Erwarten doch dazu kommen, wird sich Griechenland wahrscheinlich unkooperativ verhalten.

Aber wäre der Euro ohne Griechenland nicht besser aufgestellt?

Das halte ich für eine fragwürdige These. Letztlich hatten wir eine Krise, weil Griechenland überschuldet war. Das Problem dieser Altschulden ist da, egal ob Griechenland im Euro ist oder nicht. Neue Schulden großen Ausmaßes kann das Land in der jetzigen Situation kaum machen. Das heißt, das ursprüngliche Problem wird sich so die nächsten Jahre nicht wiederholen.

Welchen Zweck erfüllt dann die Diskussion über den möglichen Ausstieg?

Für die zukünftige Krisenabwehr hilft es nicht, Griechenland loszuwerden. Dass man jetzt über den "Grexit" diskutiert, hängt im Wesentlichen damit zusammen, dass man eine Drohkulisse für anstehende Verhandlungen über einen Schuldenschnitt aufbauen will. Ich glaube nicht, dass irgendjemand ernsthaft Interesse an einem "Grexit" hat.