Der Tod Osama bin Ladens bedeutet aus Expertensicht nicht das Ende von Al-Kaida. Die Kernorganisation in Pakistan sei weiter handlungsfähig, wenn auch schwächer. Doch regionale Organisationen erleichterten Al-Kaida das Überleben, sagt ein Terrorismusexperte.

Berlin (dpa) - Nach dem Tod von Osama bin Laden lebt die Terrororganisation Al-Kaida weiter. Sie sei aber geschwächt, sagt der Terrorismusexperte Guido Steinberg. Er glaubt, dass von der jemenitischen Regionalorganisation, die im Namen von Al-Kaida handelt, eine größere Gefahr ausgeht. Steinberg arbeitet bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

Welche Auswirkungen hat der Tod Osama bin Ladens auf Al-Kaida?

Steinberg: «Es ist ganz sicher nicht das Ende für Al-Kaida, aber der Tod Bin Ladens wird sich langfristig auswirken. Er hat zwar zuletzt auf die Operationen nur noch wenig Einfluss genommen. Aber Bin Laden ist eine wichtige Symbolfigur gewesen. Sein Charisma hat zwar in den letzten Jahren nicht mehr so gewirkt. Aber diese Person des charismatischen Führers kann Al-Kaida nicht adäquat ersetzen.»

Wie geht es weiter mit dem islamischen Terrorismus?

Steinberg: «Man muss unterscheiden zwischen der Kernorganisation Al-Kaida in Pakistan, die weiter handlungsfähig ist, aber durchaus geschwächt ist. Was Al-Kaida das Überleben erleichtert, ist, dass in ihrem Namen drei große Regionalorganisationen handeln, von denen eine zu einer Art Avantgarde geworden ist. Das ist die jemenitische Al-Kaida, die mit die besten Zukunftsaussichten hat. Der jemenitische Staat ist nur eingeschränkt in der Lage, sie zu bekämpfen. Was die jemenitische Al-Kaida zudem auszeichnet, ist, dass sie Saudis in ihren Reihen hat. Wenn die Gesamtorganisation Al-Kaida überleben will, muss sie den saudischen Zweig pflegen, um ihre Finanzierung und den Zulauf von Rekruten aus der Golfregion zu sichern.»

Was ist mit den beiden anderen Regionalorganisationen?

Steinberg: «Al-Kaida im Irak ist weiterhin aktiv, allerdings als eher kleinere Terrorgruppe. Sie kann durchaus über Jahre hinweg noch ein Sicherheitsrisiko darstellen, aber nicht mehr die Stabilität des irakischen Staates gefährden. Ähnliches gilt für die algerische Al-Kaida, die Al-Kaida im islamischen Maghreb. Sie ist weiter präsent und stellt auch eine gewisse Gefahr für Europa dar. Sie hat es aber nicht geschafft, nachhaltig außerhalb von Algerien aktiv zu werden.»

Und die kleineren islamistischen Gruppen in Deutschland und Europa?

Steinberg: «Es gibt eine sehr große Szene, die den Anschluss an die großen Organisationen sucht. Das letzte große Beispiel in Deutschland war die Düsseldorfer Gruppe. Das Operationsschema der letzten Jahre sah so aus, dass man Leute, die aus eigener Initiative aus Europa kommen, in Pakistan ausbildet und auf Anschläge vorbereitet.»

Werden die kleinen Gruppen langfristig überleben?

Steinberg: «Es wird für einige Zeit anhalten, dass in Pakistan ausgebildet wird und versucht wird, über diese Rekruten Anschläge zu verüben, vor allem in Europa. Es hat bereits viele Versuche gegeben. Es ist schwer zu sagen, ob ein Anschlag gelingen wird. Es sieht so aus, als hätten unsere Sicherheitskräfte dieses Phänomen jetzt besser im Griff als früher.»