Ex-Bundespräsident Christian Wulff setzt in seinem Prozess auf einen Freispruch und auf eine vollständige Rehabilitation. Von den zahlreichen Vorwürfen ist aus strafrechtlicher Sicht nur noch einer übrig geblieben: Filmproduzent David Groenewold soll eine Hotelrechnung von Wulff in München und ein Essen auf dem Oktoberfest übernommen und dafür insgesamt 753 Euro gezahlt haben. Dafür habe sich Wulff revanchiert, indem er sich für die finanzielle Förderung eines Groenewold-Filmprojekts einsetzte. Egal wie der Prozess ausgeht: Es ist einsam geworden um den einstmals ersten Mann im Staat.

Vor ein paar Wochen auf einer Theaterpremiere in Hannover. Im Halbdunkel steht ein Mann, der einmal Bundespräsident war. Die Wangen sind eingefallen, die Haare ergraut. Der 54-Jährige wäre kaum wieder zu erkennen, wenn da nicht die Stimme wäre, die sofort auffällt, wenn Wulff an der Bar "ein Bier bitte" bestellt.

Wer sich verwundert umdreht, merkt schnell, wie alleine Wulff heute ist. Hätte der Besuch eines Bundespräsidenten im Theater noch vor zwei Jahren einen Menschenauflauf und eine Begrüßung durch die Theaterleitung nach sich gezogen, sind heute alle bestrebt, bloß nicht mit Wulff gesehen oder gar fotografiert zu werden.

"Seine Unabhängigkeit verloren"

Offenbar ist der Fall des Niedersachsen so groß, dass er anderen Angst macht. In einem Land, in dem auch mit nicht immer lupenreinen Demokraten verhandelt wird, ist das ehemalige Staatsoberhaupt zur persona non grata geworden. Dabei hatte alles so hoffnungsvoll begonnen. Nachdem Wulff zweimal vergeblich gegen den späteren Bundeskanzler Gerhard Schröder als Ministerpräsident kandidiert hatte, gewann er im Jahr 2003 gegen den heutigen SPD-Chef Sigmar Gabriel, der das Amt von Gerhard Glogowski übernommen hatte.

Pikant: Glogowski hatte nach einer Sponsoring-Affäre zurücktreten müssen, weil er „seine Unabhängigkeit und damit seine politische Handlungsfähigkeit“ verloren habe, wie Wulff damals betonte. Der Ministerpräsident Wulff ging noch weiter: Er forderte öffentlich, dem Gestürzten die Pension oder das Übergangsgeld zu kürzen.

Nicht genug, um den Lebensunterhalt zu bestreiten

Als Ministerpräsident gewann Wulff auch die Landtagswahl im Jahr 2008. Er war jetzt einer der mächtigsten Männer in der CDU und wurde bereits als ein möglicher Nachfolger von Kanzlerin Angela Merkel gehandelt. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere ging der Mann, dem immer wieder das Image eines braven Schwiegersohns nachgesagt wurde, auch privat neue Wege. Mit der Trennung von seiner Frau Christiane und der Heirat der attraktiven PR-Beraterin Bettina Körner mutierte der vormals biedere Wulff zu einem Liebling der Boulevard-Blätter. Eine Zuneigung, die auf Gegenseitigkeit beruhte: Bereitwillig versorgte das Glamour-Paar Bild und Consorten mit Foto-Terminen und Geschichten.

Im Rückblick muss das Leben an der Seite von Bettina Wulff teuer gewesen sein, zu teuer sogar für einen Ministerpräsidenten. Glaubt man Aussagen von Mitarbeitern der Sparkasse Osnabrück, hatte Wulff finanzielle Probleme: "Die Einnahmen reichen nicht, um den Lebensunterhalt zu bestreiten", heißt es in einer ARD-Dokumentation. In der Folge habe die Sparkasse Wulffs Dispokredit auf 90.000Euro erhöht.

In diese Zeit fällt auch der Eigenheimkredit mit Sonderkonditionen, über den Wulff später stürzte. Als er Anfang 2010 im niedersächsischen Landtag nach seinen privaten Geschäftsbeziehungen gefragt wurde, machte er den folgenschwersten Fehler seiner politischen Karriere: Indem er die Zahlung von 500.000 Euro für ein schmuckes Klinker-Haus in Großburgwedel unerwähnt ließ, machte er sich verdächtig, als Ministerpräsident für die Annahme von Vorteilen empfänglich gewesen zu sein. Ob der spätere Bundespräsident im strafrechtlich relevanten Rahmen kleine Gefälligkeiten annahm, soll die 2. Strafkammer des Landgerichts Hannover ab Donnerstag untersuchen.

Obwohl Wulff, wie sein Anwalt Michael Nagel in der ARD sagte, "Angst" davor hat, als erster ehemaliger Bundespräsident vor dem Richter und damit zurück in das Licht der Öffentlichkeit zu treten: Er selbst hat diesen Prozess gewollt. Einen Deal mit der Staatsanwaltschaft, das Verfahren gegen eine Geldstrafe einzustellen, lehnte Wulff Anfang des Jahres ab: „Die Rechts- und Tatsachenlage ist nach einem langen und mit beispielloser Intensität geführten Ermittlungsverfahren eindeutig: Das Verfahren war und ist ohne Wenn und Aber einzustellen“, forderten seine Anwälte in einer Erklärung. Jetzt setzt der Ex-Bundespräsident auf Freispruch, er will seine Ehre wiederherstellen.

Neustart im Exil?

Ein durchaus möglicher Freispruch könnte ein erster Schritt für einen Neustart Wulffs im Ausland sein, wo auch ein anderer großer Gefallener der deutschen Politik auf ein Abklingen der öffentlichen Empörungswellen wartet. Es ist anzunehmen, dass Wulff aufmerksam verfolgt hat, wie Ex-Verteidigungsminister und Ex-Polit-Star Karl-Theodor zu Guttenberg vor einigen Tagen ausgerechnet bei einem Kurzbesuch im Kanzleramt wieder aufgetaucht ist.

Ganz ähnlich wie die Wulffs sind auch die Guttenbergs eher als ein von der Presse gefeiertes Glamour Paar, denn als gestaltende politische Akteure in Erinnerung geblieben. Wer erinnert sich schon heute noch an konkrete politische Visionen des ehemaligen Verteidigungsministers? Nur dass Guttenberg seine Frau noch an seiner Seite hat, während Wulff seit Anfang 2013 in Trennung von Bettina lebt. Offenbar zu seinem Bedauern, "wir waren so ein schönes Präsidentenpaar", soll Wulff dem Stern gesagt haben. Und: "Ich liebe meine Frau noch immer."

Für den Prozess sind 22 Verhandlungstage angesetzt. Er könnte nach Ansicht von Beobachtern durchaus mit einem Freispruch enden. Wulffs Ehre wäre damit rechtlich wiederhergestellt. Über Wulffs privates Glück kann allerdings kein Richter entscheiden.