Nachdem ein Video einer angeblichen Enthauptung eines ukrainischen Gefangenen aufgetaucht war, meldet sich jetzt die UN-Mission zur Überwachung der Menschenrechte zu Wort und bezeichnet die Bilder als "grauenvoll". Präsident Selenskyj fordert eine sofortige Reaktion der anderen Staatsoberhäupter. Russland will die Echtheit des Videos überprüfen lassen.

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Ein Video von der mutmaßlichen Enthauptung eines ukrainischen Soldaten durch russische Truppen hat Entsetzen ausgelöst. Die UN-Mission zur Überwachung der Menschenrechte in der Ukraine nannte die Bilder am Mittwoch "grauenvoll", EU-Ratspräsident Charles Michel äußerte sich "schockiert". Die Bundesregierung nahm das Video "mit Bestürzung zur Kenntnis", betonte aber, sie habe keine eigenen Erkenntnisse über dessen Echtheit. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte, das Video zeige Russland, "wie es ist".

Selenskyi fordert schnelle Reaktionen auf den Terror

Es handle sich weder um einen Unfall noch um einen Einzelfall. Der Terror müsse verlieren. Niemand würde es verstehen, wenn die Staatsführer nicht auf das Video reagierten. "Es muss jetzt gehandelt werden!", forderte der 45-Jährige. Die Welt müsse sehen, "wie leichtfertig diese Bestien töten", sagte Selenskyj.

Wolodymyr Selenskyj
Wolodymyr Selenskyj fordert von der Welt deutliche Reaktionen auf ein Video, das die Enthauptung eines ukrainischen Kriegsgefangenen zeigen soll. © picture alliance/dpa/Christoph Soeder

Die Ukrainer müssten sich derweil auf die Front konzentrieren und die Besatzer aus dem Land vertreiben. "Die Zerschlagung des Besatzers, Urteile für die Mörder und ein Tribunal für den Staat des Bösen", sind laut Selenskyj jetzt die Hauptaufgaben.

Video soll Enthauptung eines ukrainischen Gefangenen zeigen

In der Nacht zum Mittwoch war in sozialen Netzwerken ein Video aufgetaucht, in dem mutmaßlich ein noch lebender ukrainischer Kriegsgefangener durch einen russischen Soldaten enthauptet wird. Aufgrund der grünen Blätter an den Bäumen im Hintergrund des Videos ist davon auszugehen, dass es bereits im vorigen Jahr aufgenommen wurde.

Der ukrainische Geheimdienst hat Ermittlungen dazu aufgenommen. "Wir finden diese Unmenschen. Wenn es notwendig ist, werden wir sie überall finden, wo sie auch sind: unter der Erde oder aus dem Jenseits", versprach der SBU-Chef Wassyl Maljuk.

Dmytro Kuleba: "Russland schlimmer als Islamischer Staat"

Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba nannte Russland angesichts des Enthauptungsvideos "schlimmer" als die Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS). Er forderte den Ausschluss Russlands aus den Vereinten Nationen.

Eine Regierungssprecherin sagte in Berlin, die Bundesregierung habe das Video "mit Bestürzung zur Kenntnis genommen". Allerdings habe die Regierung keine eigenen Erkenntnisse über dessen Echtheit.

Die UN-Mission zur Überwachung der Menschenrechte in der Ukraine äußerte sich "entsetzt über die grausamen Aufnahmen". Sie verwies auf ein weiteres Video, das im Internet kursiere und "verstümmelte Leichen" zeige, offenbar von ukrainischen Kriegsgefangenen. Die UN-Mission forderte Ermittlungen, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

Die EU-Kommission erklärte in Brüssel, sie habe keine Informationen über den Wahrheitsgehalt des Videos. Sollte es jedoch authentisch sein, wäre die Tötung eines Kriegsgefangenen "ein schwerwiegender Verstoß gegen die Genfer Konvention" und würde "einmal mehr die völlige Missachtung des Völkerrechts und insbesondere des humanitären Völkerrechts durch Russland" zeigen, sagte Kommissionssprecherin Nabila Massrali. Alle Täter und Komplizen von Kriegsverbrechen würden zur Rechenschaft gezogen.

Charles Michel zeigt sich "schockiert"

EU-Ratspräsident Charles Michel zeigte sich "schockiert von dem grausamen Video". "Rechenschaftspflicht und Gerechtigkeit müssen Vorrang vor Terror und Straflosigkeit haben. Die EU wird alles tun, um dies zu gewährleisten", schrieb Michel auf Twitter.

Russland fordert die Prüfung der Echtheit des Videos

Der Kreml zweifelt die Echtheit des Videos zur mutmaßlichen Enthauptung eines ukrainischen Kriegsgefangenen an. "Wir leben zunächst einmal in einer Welt der Fakes und müssen daher die Echtheit der Aufnahmen prüfen", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Mittwoch der Nachrichtenagentur Interfax zufolge.

Die ukrainische Regierung erklärte, sie versuche das Enthauptungsopfer zu identifizieren, dessen Uniformabzeichen in dem Video zu sehen sind. Präsident Selenskyj erneuerte seine Forderung nach einer Strafverfolgung der Verantwortlichen für Kriegsverbrechen in der Ukraine. Er verlangte "Gefängnisstrafen für die Mörder, ein Tribunal für den Verbrecherstaat".

Moskau und Kiew beschuldigen sich immer wieder gegenseitig, Kriegsgefangene zu töten. Anfang März war ein Video aufgetaucht, das die Erschießung eines unbewaffneten ukrainischen Kriegsgefangenen durch russische Soldaten in einem Schützengraben zeigen soll. Im November zeigte sich Moskau empört über Videos, die die Tötung von einem Dutzend russischer Soldaten zeigen sollen, die sich zuvor der ukrainischen Armee ergeben haben sollen.

Im März hatte die UNO sowohl Russland als auch der Ukraine vorgeworfen, seit Beginn des russischen Angriffskriegs im Februar 2022 Kriegsgefangene willkürlich ohne Gerichtsverfahren exekutiert zu haben. (dpa/afp/the)

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