Einer der wichtigsten Gefangenen Deutschlands erhängt sich in seiner Zelle. Die sächsische Justiz erklärt, bei der Überwachung sei alles nach Vorschrift gelaufen. Die Medien üben nach dem Selbstmord von Dschaber al-Bakr scharfe Kritik.

So kommentiert die Presse die Geschehnisse im Fall Al-Bakr:

  • Spiegel Online: "Fragen über Fragen über Fragen"

    Der Fall Albakr ist in seiner Brisanz wohl nur mit dem Prozess gegen die Rechtsterroristin Beate Zschäpe vergleichbar, die seit Jahren in U-Haft in München sitzt. Trotzdem behandelte die Leitung der Justizvollzugsanstalt Leipzig Al-Bakr, der am Wochenende noch der meistgesuchte Mann Deutschlands war, wie einen Kleinkriminellen. Deshalb konnte er in seiner Zelle Suizid begehen. (zum Artikel)
  • Sz-Online.de: "Selbstmitleid ist fehl am Platz"

    Besserwisserei kann ausgesprochen nervig sein. Schlimmer als die ewigen Bescheidwisser und Schnell-Kommentierer sind aber die Sturköpfe, die stets darauf beharren, alles richtig gemacht zu haben. Sie weisen Kritik als "Pauschalvorwurf" zurück, verbitten sich Einmischung und igeln sich ein. Sachsens Regierung handelt seit geraumer Zeit nach diesem Muster. Je größer die Erklärungsnot, desto stärker das Selbstmitleid. Aber wenn das Ergebnis der Korrektheit dann wieder mal ein Desaster ist, genügt es nicht, sich nur an die Vorschriften zu halten. Die Landesregierung kann nach diesem Vorfall nicht zur Tagesordnung übergehen. Regieren ist, das gilt für den Ministerpräsidenten, aber auch für jeden seiner Minister, mehr als nur das Bestehende verwalten. Ein personeller Neuanfang darf kein Tabu sein. (zum Artikel)
  • Süddeutsche.de: "Wenn Verständigung nicht möglich ist"

    Die Frage, wer wie viel Schuld an diesem Tod trägt, muss nun eine eingehende Untersuchung klären. Einige Fragen kann man schon jetzt beantworten: Etwa die, wie Justizvollzugsanstalten in Sachsen mit ihren Häftlingen umgehen. Insbesondere mit jenen, die kein Deutsch sprechen und möglicherweise suizidgefährdet sind. Zunächst hat Sachsen, wie fast alle deutschen Bundesländer, mit einem erheblichen Personalmangel im Justizvollzug zu kämpfen. Das Problem ist altbekannt, lange wurde nichts unternommen. (zum Artikel)
  • Bild.de: "Wer hat alles versagt?"

    Al-Bakr meldete am Dienstag mit Zeichensprache eine abgerissene Deckenlampe in seiner Zelle – sie wurde samt Dübeln herausgerissen. Später sei bemerkt worden, dass auch eine Steckdose manipuliert gewesen sei. Die Elektrizität wurde zunächst abgestellt, die Steckdose und die Lampe repariert. In einer Teamsitzung mit Mitarbeitern der JVA-Abteilung, darunter der stellvertretende Direktor der JVA und die Psychologin, kam auch Al-Bakrs jüngste Aktion zur Sprache, doch auch das wird nicht als Hinweis auf einen möglichen Suizidversuch gedeutet, sagte Jacob. Die Verantwortlichen sehen sich in ihrer Einschätzung bestätigt, dass der Bombenbauer nicht selbstmordgefährdet ist. Al Bakr wird deshalb – dem Vorschlag der Psychologin folgend – nur noch alle 30 Minuten kontrolliert. (zum Artikel)
  • Augsburger Allgemeine: "Justizversagen Sachsen"

    In Berlin herrschen Fassungslosigkeit und Entsetzen über die Vorgänge im Freistaat, erfahrene Kriminologen werfen den sächsischen Behörden vor, "blauäugig" gewesen zu sein. Denn der 22-jährige Syrer war kein harmloser Taschendieb, sondern ein radikalisierter und zu allem entschlossener Islamist und Anhänger der Terrormiliz IS, die nach Erkenntnissen des Bundesamtes für Verfassungsschutz kurz davorstand, einen Anschlag auf einen Berliner Flughafen zu verüben - mit verheerenden Folgen. Dutzende, möglicherweise hunderte unschuldige Menschen wären dabei ums Leben gekommen oder schwer verletzt worden. Alles spricht dafür, dass Dschaber al-Bakr sich dabei selbst in die Luft sprengen und als Märtyrer sterben wollte. Wer so etwas plant, hat mit seinem Leben längst abgeschlossen. (zum Artikel)

(rs)