Getötet, festgenommen, desillusioniert: Die Reihen der deutschen Gotteskrieger haben sich gelichtet. Doch die Gefahr islamistischer Anschläge in Deutschland ist bei weitem nicht gebannt.

Berlin (dpa) - Ein Jahr lang harrte der aus Deutschland stammende Rami M. in einem Berg-Camp von Al-Kaida in Pakistan aus. Diese Erfahrung war ganz anders als sich der heute 26-Jährige vorgestellt hatte. Die Zeit in den Bergen sei anstrengend gewesen, gab er bei seinem Prozess im Mai zu: «Ich komme aus Frankfurt. Ich bin ein Stadtmensch.»

Wie ihm geht es einigen Islamisten, die aus Deutschland in das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet reisten. «Einige kommen desillusioniert aus Pakistan zurück», sagt der Terrorexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, Guido Steinberg. «Aber es gibt auch andere, die gefährlich bleiben.»

Nach Einschätzung Steinbergs ist die islamistische Szene in Deutschland in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. «Seit 2005 wissen die Dschihadisten, wie man in die Trainingslager nach Pakistan kommt», sagt er. «Es gibt mehrere hundert Anhänger, von denen sich maximal 40 noch in Pakistan und Afghanistan aufhalten - im Trainingslager, im Kampf oder auf dem Weg dahin.»

Mittlerweile gebe es so viele Dschihadisten in Deutschland, dass es schwer sein dürfte, sie hinreichend zu überwachen, meint Steinberg. «Die Gefahr eines Anschlags in Deutschland steigt, weil die kritische Masse da ist.»

Von 37.470 Islamisten in Deutschland geht der Verfassungsschutz in seinem Bericht für das Jahr 2010 aus. Darunter sollen 220 Islamisten sein, die seit den 1990er Jahren in Terror-Camps ausgebildet wurden oder immerhin planten, solch eine Ausbildung zu absolvieren. Darunter wiederum sind 70 Verdächtige, bei denen es nach Angaben der Verfassungsschützer Hinweise darauf gibt, dass sie tatsächlich eine paramilitärische Ausbildung erhalten haben.

Insgesamt reiche das islamistisch-terroristische Spektrum in Deutschland von Gruppen mit engen Beziehungen zu islamistischen Organisationen im Ausland bis hin zu Kleinstgruppen und Einzeltätern. «Eine organisatorische Anbindung an "Al-Kaida" ist in den wenigstens Fällen gegeben», heißt es.

Das macht sie aber nicht minder gefährlich. Vor allem zunächst unauffällige Einzeltäter machen den deutschen Sicherheitsbehörden Sorgen - junge Männer wie Arid Uka. Dieser erschoss Anfang März am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten und verübte somit den ersten erfolgreichen islamistischen Anschlag auf deutschem Boden. Ihn hatten die Fahnder nicht im Visier. Die Bundesanwaltschaft ist sicher, dass Uka die Tat alleine plante und im Internet durch dschihadistische Propaganda angestachelt wurde.

Ende April wurden drei mutmaßliche Islamisten in Düsseldorf festgenommen. Die deutschen Sicherheitsbehörden geben daher keine Entwarnung. Die Gefahr von Anschlägen sei unverändert hoch, hieß es wiederholt.

Zahlreiche deutsche Gotteskrieger ließen aber auch ihr Leben. So der Konvertit Eric Breininger, der seit Anfang 2008 in einer Reihe von Propagandavideos im Internet aufgetreten war und im April 2010 bei einem Gefecht mit pakistanischen Sicherheitskräften getötet wurde. Breininger hinterließ eine Art Autobiografie im Internet und gilt unter deutschen Dschihadisten als Märtyrer.

Andere Dschihadisten wurden auf dem Heimweg aus Pakistan/Afghanistan oder zurück in Deutschland festgenommen. «Wir haben in Deutschland mittlerweile eine recht große Szene in den Gefängnissen», sagt Steinberg.

Nach seiner Einschätzung ist Deutschland aber auch aus einem anderen Grund wichtig für dschihadistische Organisationen. In der Bundesrepublik sitzen wichtige Logistikzellen. «Sie liefern zum Beispiel Pässe, sammeln Spenden und schleusen Personal nach Pakistan», erklärt Steinberg. Und aus solchen Logistikzellen seien in der Vergangenheit immer wieder auch Anschlagszellen geworden.