Die Union führt eine lebhafte Debatte über die Gleichstellung von eingetragenen Lebenspartnerschaften mit der herkömmlichen Ehe. In der Talksendung von Günter Jauch sorgte am Sonntag die CDU-Politikerin Katherina Reiche mit ihren konservativen Ansichten für Aufsehen. Bei ihrem homosexuellen Parteikollegen Dr. Stefan Kaufmann stößt sie dabei auf Widerspruch.

Die Bundestagsabgeordnete Katherina Reiche ist für ihre ablehnende Haltung in Bezug auf die Homo-Ehe bekannt. Sie begründet das mit der Sorge um "bürgerliche Werte" und dem Schutz von Ehe und Familie und trat dafür auch am Sonntag bei Günter Jauch ein.

Ihr Sitznachbar Dr. Kaufmann war mit dieser Haltung nicht einverstanden: "Die Homo-Ehe hat nichts mit dem Fortbestand der Familie zu tun, wir nehmen ihr nichts weg", entgegnete der 43-Jährige den Worten von Reiche. Im Interview äußert sich der 43-jährige Rechtsanwalt zur aktuellen Diskussion in der Union:

Herr Dr. Kaufmann, bemerken Sie einen Rückfall in alte Ressentiments in Teilen der Union?

Dr. Kaufmann: Nein, von einem Rückfall mag ich nicht sprechen. Es ist gerade meiner Meinung nach auch dem Vor-Wahlkampf bedingt, da in Bayern im Herbst Landtagswahlen anstehen. Da findet sicherlich eine Rückkehr zu alten Stammtischparolen statt. Aber insgesamt hat sich die Union in den letzten Jahren doch stark weiter entwickelt in dieser Hinsicht.

Hat Sie die Kehrtwende von Wolfgang Schäuble, der nun auch die Gleichstellung der Homo-Ehe unterstützt, überrascht?

Dr. Kaufmann: Ich denke, er hat sich die Zeit genommen, seine Position zu durchdenken. Über seine neue Haltung war ich doch ein wenig überrascht, aber auch erfreut.

Können Sie die Sorge um "bürgerliche Werte" und die Gesellschaft von konservativen Politikern wie Katherina Reiche nachempfinden?

Dr. Kaufmann: Die grundsätzlichen Sorgen kann ich schon verstehen. Aber die Argumentation von Frau Reiche steht völlig auf tönernen Füßen. Es wird durch die Homo-Ehe und ihre Gleichstellung nicht eine einzige Hetero-Ehe weniger geschlossen und kein einziges Kind weniger geboren. Der Fortbestand unserer Gesellschaft ist durch die Gleichstellung nicht gefährdet.

Laut einer Umfrage des "Stern"-Magazins befürworten 74 Prozent der Deutschen und 64 Prozent der CDU-Wähler die Gleichstellung der eingetragenen Lebenspartnerschaft mit der Ehe. Überrascht Sie das?

Dr. Kaufmann: Das Ergebnis bestätigt auch meinen Eindruck, dass sich die Union und die Gesellschaft insgesamt weiterentwickelt haben. Ich und meine Kollegen aus großstädtischen Wahlkreisen haben hier ähnliche Erfahrungen gemacht, nur in ländlichen Gebieten gibt es da wohl noch Zurückhaltung.

Wie haben Parteifreunde auf Ihr Outing reagiert?

Dr. Kaufmann: Ich hatte nie ein richtiges Outing. Seit Beginn meiner politischen Tätigkeit bin ich offen damit umgegangen, dass ich schwul bin, und habe auch nur selten Anfeindungen erlebt. Die meisten Parteikollegen und die Bürger aus meinem Wahlkreis sind da auch sehr gelassen geblieben.

Wie geht es in der Union weiter? Wird sie der Gleichstellung der Homo-Ehe zustimmen?

Dr. Kaufmann: Ich gehe von der Umsetzung aus. Es wäre für die Union als Rechtsstaatspartei auch sehr problematisch, ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu ignorieren. Vor diesem Hintergrund erscheinen mir die Aussagen von Kollegen, die die Urteile aus Karlsruhe anzweifeln, als nicht zielführend.

Wird die Union deswegen Wähler verlieren?

Dr. Kaufmann: Ich kann nicht ausschließen, dass die Union extrem kirchenverbundene oder erzkonservative Wähler verliert. Andererseits können wir damit aber auch Wähler gewinnen. Darum mache ich mir weniger Sorgen. Das Hauptproblem ist eigentlich die CSU, die mit ihrem Veto bei den bayerischen Landtagswahlen punkten möchte.

Dr. Stefan Kaufmann ist der erste bekennende schwule Bundestagsabgeordnete der CDU. Der Jurist war im Sommer 2012 eines von 13 CDU-Mitgliedern, die eine Initiative zur steuerlichen Gleichstellung homosexueller Partnerschaften gestartet haben. Zudem gehört der Stuttgarter dem Bildungs- und Verkehrsausschuss des deutschen Bundestages an.