Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan verstehe nur eine "klare Sprache" – so Cem Özdemir vor der Bundestagswahl im Gespräch mit unserer Redaktion. Wenige Wochen später ist der Grünen-Vorsitzende nun im Gespräch für das Amt des deutschen Außenministers. Wird Özdemir, wie deutsche Medien munkeln, zu "Erdogans Albtraum"? Eine Wissenschaftlerin rät zu mehr Gelassenheit auf beiden Seiten, die Türken in Deutschland wünschen sich Dialogbereitschaft.

Cem Özdemir gilt schon lange als einer der schärfsten Erdogan-Kritiker. Nur eine demokratische Türkei habe ihren Platz in Europa, sagte der Grünen-Chef noch im September im Interview mit unserer Redaktion - eine Erdogan-Türkei dagegen nicht.

Für den Fall, dass in der Türkei die Todesstrafe wieder eingeführt werde, plädierte er für einen sofortigen Stopp der EU-Beitrittsverhandlungen. Auch gegen die Inhaftierung mehrerer deutscher Bürger in der Türkei will Özdemir mit Schärfe vorgehen. Die Türkei, so sein Vorwurf, nehme Deutsche als "Geiseln".

Özdemir für viele AKP-Politiker ein rotes Tuch

Für viele türkische Politiker, vor allem aus Erdogans Partei AKP, ist der Grüne Özdemir ein rotes Tuch - seine Äußerungen sehen sie als Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten.

Özdemir wolle "türkische Innenpolitik betreiben", sagte etwa der AKP-Abgeordnete Mustafa Yeneroglu. Und die regierungsnahe Zeitung "Yeni Akit" nannte den 51-jährigen Deutschtürken noch kürzlich einen "Vaterlandsverräter".

Auch dass Özdemir und seine grüne Partei treibende Kraft waren bei der Armenienresolution des Deutschen Bundestages, haben ihm viele Türken nicht verziehen.

Im Juni 2016 hatte der Bundestag sein Bedauern darüber ausgesprochen, dass vor mehr als hundert Jahren die Taten der damaligen türkischen Regierung "zur fast vollständigen Vernichtung der Armenier im Osmanischen Reich geführt" hätten. Die ebenfalls regierungsnahe Zeitung "Yeni Safak" beschimpfte den Grünen-Chef daraufhin als "Abschaum".

Die Türkei will Normalisierung

Doch offensichtlich wollen nicht alle türkischen Politiker eine weitere Verschlechterung der Beziehungen zum wirtschaftlich wichtigen Nachbarn Deutschland riskieren.

Außenminister Mevlüt Cavusoglu etwa plädierte jüngst für eine "Normalisierung der Beziehungen": Wer auch immer als Außenminister in die Türkei kommen werde, "wir lassen ihm den gleichen Respekt zukommen, der uns entgegengebracht wird", betonte er im "Spiegel".

Zu Gelassenheit rät auch die Wissenschaftlerin Laura Lale Kabis-Kechrid von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin: "Außenpolitik wird nicht von einer Person allein gemacht", betont sie. "Das weiß Herr Özdemir, und das wissen auch die türkischen Politiker."

Noch habe die neue deutsche Regierung keine außenpolitischen Leitlinien entwickelt, es gebe auch noch keinen Koalitionsvertrag. "Wenn beides fertig ist, wird der künftige Außenminister sich danach richten müssen."

Özdemir, so Kabis-Kerchid, sei in der Vergangenheit ein Befürworter des EU-Beitritts der Türkei gewesen. Seither seien die Beziehungen "sehr dynamisch" geworden – jetzt komme es darauf an, ob sich Kräfte durchsetzen, "die schon immer ganz grundsätzlich gegen die Aufnahme der Türkei waren", oder ob man sich die Dialogbereitschaft erhalte – in der EU wie in Deutschland.

Ernsthafte Probleme auf der Tagesordnung

Auf Dialog wird der neue deutsche Außenminister – egal wie er heißt – nicht verzichten können. Denn einige Probleme mit der Türkei dulden keinen Aufschub.

An erster Stelle der Agenda sieht Kabis-Kechrid die Frage der inhaftierten Deutschen.

Man werde einer Lösung nur näher kommen, wenn man sich wieder um "normalen poltischen Dialog in diplomatischer Sprache" bemühe. Kabis-Kechrid meint, daran würden in nächster Zeit beide Seiten arbeiten.

Erdogan braucht Stabilität und Dialog

Möglicherweise sei Cem Özdemir dafür sogar sehr gut geeignet: "Er kennt das Land sehr gut, er spricht fließend türkisch." Wichtiger sei aber, dass beide Seiten ihr "großes Interesse an guten Beziehungen" wieder in den Vordergrund stellten.

Präsident Erdogan denke vor allem innenpolitisch und handle deshalb oft undiplomatisch. Aber auch für die innenpolitische Stabilität werde er wohl bald wieder "einen normalen außenpolitischen Dialog brauchen und die Eskalation beenden müssen".

Neue Zeiten für die Türken in Deutschland

Ähnlich sieht das auch die türkische Gemeinde in Deutschland. Deren Bundesvorsitzender Gökay Sofuoglu glaubt nicht, dass ein Außenminister Özdemir die deutsch-türkischen Beziehungen weiter strapazieren würde: "Es geht da ja nicht um die Politik von Cem Özdemir, sondern um die Politik Deutschlands. Die deutsche Außenpolitik ist stabil und das wird ein Cem Özdemir nicht ändern."

Als Sohn türkischer Einwanderer könne Özdemir aber zu einer Normalisierung der Beziehungen beitragen und habe dazu die Unterstützung der hiesigen Türken.

Für diese brechen in den Augen Sofuoglus neue Zeiten an: "Auch für die Türken in Deutschland ist es ein sehr, sehr wichtiger Schritt, wenn ein Gastarbeiterkind die Geschicke des Landes mit lenkt. Das ist ein riesiger Paradigmenwechsel! Wir fordern schon seit vielen Jahren, dass Migranten in politische Führungspositionen kommen und dort nicht nur für Migrationsprobleme zuständig sind."

Sofuoglus große Hoffnung: "Dass Cem Özdemir als Außenminister den verloren gegangenen Dialog wieder herstellen kann. Und dass in diesem Prozess dann auch die demokratische Situation in der Türkei wieder besser wird."