In Afghanistan hat die Bundeswehr bei der Auswahl "gezielter Tötungen" eine größere Rolle gespielt, als bisher angenommen. Das berichtete das Nachrichtenportal "Bild".

Die Informationen gehen aus geheimen Dokumenten der Bundeswehr hervor. Der deutsche Generalmajor Markus Kneip, 2011 Kommandeur in Afghanistan und heute Leiter der Abteilung "Strategie und Einsatz" im Verteidigungsministerium und einer der engsten Berater von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, wählte nach "Bild"-Informationen persönlich "Personenziele" aus. Geheim eingestufte Organigramme (Nato/Isaf Secret) belegen, dass es im deutschen Hauptquartier in Mazar-e-Sharif eine sogenannte "Target Support Cell" gab, die von einem deutschen Oberstleutnant geführt wurde. Laut dem der "Bild" vorliegenden Dokument sollten dort "Informationen für die Nominierung möglicher Personenziele gesammelt werden".

Das Protokoll einer Besprechung aus dem Mai 2011 an der auch Kneip teilnahm, belegt, wie über "Nominierungen" für die Todesliste gesprochen wurde. In dem Protokoll (Codierung: NA­TO/ISAF SECRET) heißt es über mehrere Taliban-Anführer: "Ihre Anti-ISAF-Haltung und ihre Unterstützung der Aufständischen mit Waffen und Geld machen sie zu idealen Kandidaten für eine Nominierung auf der JPEL. Allerdings geht es in ihrem Fall um so viel Drogen, Waffen, Macht, Einfluss und Geld, dass ihre Beseitigung ein Machtvakuum hinterlassen würde."​

Gezielte Tötung unter bestimmten Umständen

Auch der Bundesnachrichtendienst (BND) hat schriftlich genehmigt, dass von ihm gesammelte Informationen unter bestimmten Umständen zur gezielten Tötung von "Personenzielen" in Afghanistan eingesetzt werden. Geheimdokumente belegen unter anderem, dass der BND am 26. August 2011 einen auf Englisch verfassten Bericht an die NATO-Partner übermittelte, in dem es um den gesuchten Taliban-Führer Qari Yusuf ging. Auf der Todesliste trug Yusuf die Nummer IS4238. Die Nummer ist in dem Bericht genannt. Der BND wusste zu diesem Zeitpunkt, dass Yusuf gezielt getötet werden könnte. Trotzdem übermittelt der BND Telefonnummern, mit denen Yusuf geortet werden konnte. Eine gezielte Tötung wurde laut BILD in dem BND-Bericht – unter Bedingungen – sogar erlaubt: "Eine Verwendung zum Zwecke des Einsatzes tödlicher Gewalt ist nur dann zulässig, solange und soweit ein gegenwärtiger Angriff vorliegt oder unmittelbar droht." Dass der BND gezielte Tötungen zur Verhinderung von Anschlägen ausdrücklich zuließ, war bisher nicht bekannt. (she)