Für Premierministerin Theresa May ist das Wahlergebnis in Großbritannien ein Debakel. Viele Vertreter der britischen Politik und der internationalen Presse sehen das ähnlich. Die Reaktionen zur Großbritannien-Wahl im Überblick.

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Die Gewinner und Verlierer der Wahl in Großbritannien stehen fest.

Während die Konservative Partei von Theresa May eine schwere Niederlage akzeptieren muss, legt die Labour-Partei um Jeremy Corbyn stark zu.

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz gratulierte Corbyn zu seinem Wahlerfolg. Zudem verkündete Schulz, dass bereits ein Treffen mit dem Vorsitzenden der Labour-Partei geplant sei.

Bernd Riexinger zeigte sich auf Twitter begeistert von dem Wahlergebnis. Der Vorsitzende der Linken nutzte seinen Tweet zudem als Seitenhieb an die SPD.

Michael Roth, SPD-Politiker und Staatsminister für Europa, schrieb auf dem Kurznachrichtendienst: "Ich bin so stolz auf die jungen Briten, die für Europa, soziale Gerechtigkeit und Solidarität gewählt haben".

Bärbel Höhn von den Grünen bezeichnete die Wahlschlappe von Theresa May und ihrer Partei als Ergebnis der betriebenen Politik. Diese sei "überheblich" und "abgehoben".

Der stellvertretende Vorsitzende der SPD, Thorsten Schäfer-Gümbel, kommentierte das Ergebnis der Wahl mit ähnlichen Worten.

Der Bundestagsabgeordnete Kai Whittager (CDU) sieht den "harten Brexit" Großbritanniens nach dem Wahlergebnis als gescheitert an.

Der französische Politiker Michal Barnier, Hauptbeauftragte für die Austrittsverhandlungen zwischen der EU und Großbritannien, sprach sich auf Twitter für eine neue Strategie bei den Gesprächen aus. "Die Brexit-Verhandlungen sollten beginnen, wenn Großbritannien bereit ist." Nun solle man "die Köpfe zusammenstecken und einen Deal aushandeln".

Der bekannte Brexit-Unterstützer Nigel Farage (UKIP) forderte hingegen den Rücktritt von Premierministerin May.

Labour-Politiker Ed Miliband erklärte in seinem Tweet, dass man nun wüsste "dass Theresa May die Brexit-Verhandlungen für Großbritannien nicht führen könne".

Miliband bezog sich dabei auf eine Aussage der Premierministerin aus dem Mai, dass der Verlust der Mehrheit im Parlament ihre Autorität zerstören würde.


Pressestimmen

  • "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (Deutschland)

Welches Desaster! Es ist ein Desaster für Theresa May, die den Wählern doch Stärke und Festigkeit versprochen hatte, und für die Partei.

Vor einem Jahr hatte David Cameron mit der Abstimmung über einen Brexit aufs falsche Pferd gesetzt; der Ausgang ist bekannt, er verlor und musste zurücktreten.

Jetzt könnte seine Nachfolgerin derselbe politische Schicksalsschlag treffen. Die Entscheidung für Neuwahlen trifft sie in jedem Fall wie ein Bumerang!

Keine gute Idee! Zwei Premierminister, zwei Entscheidungen, die ihnen den Boden unter den Füßen wegzogen.


May versuchte, die Wähler mit Slogans abzuspeisen. Sie behandelte sie nicht wie Erwachsene.

Bezüglich der Verhandlungen mit Brüssel über den Austritt aus der EU hat May gesagt: "Kein Deal ist besser als ein schlechter Deal."

Ein Leser der "Financial Times" griff diese Aussage auf, als er den wohl treffendsten Leserbrief des Jahres formulierte: "Sir, ich befinde mich in meinem achten Lebensjahrzehnt und finde, dass dieser Wahlkampf der erste ist, der Grund zur Erwägung eines neuen Slogans gibt: ,Kein Premierminister ist besser als ein schlechter Premierminister.' Stehe ich damit allein?" Die Antwort lautet: nein.

  • "The Times" (Großbritannien)

Die Hoffnungen der Konservativen auf eine substanziell vergrößerte Mehrheit im Parlament sind in der vergangenen Nacht mit einer überwältigenden Zurückweisung durch Wähler in Universitätsstädten bis hin zu Labour-Hochburgen zerschlagen worden.

Mit dieser Wahl sollte Theresa Mays Führung ihrer Partei und des Landes zementiert werden, und der Europäischen Union sollte versichert werden, dass sie es bei den bevorstehenden Brexit-Verhandlungen mit einem starken und stabilen Partner zu tun hat. Doch nichts dergleichen wurde erreicht.

Nun steht eine Periode des Durcheinanders bevor. Die Märkte werden entsprechend negativ reagieren.

Europa wird mit Bestürzung zuschauen. (...) Die Folgen für die politische Stabilität, die Großbritannien dringend bräuchte und für die Brexit-Verhandlungen, die in zehn Tagen starten sollen, können kaum überschätzt werden.

So ist es nun zum Beispiel wenig wahrscheinlich, dass es im Parlament noch eine Mehrheit dafür gibt, dass Großbritannien den gemeinsamen europäischen Binnenmarkt verlässt.

  • "Le Figaro" (Frankreich)

"Es ist nunmehr klar, dass die von der Premierministerin geführte konservative Partei keine absolute Mehrheit im Parlament haben wird.

Ihre Fähigkeit, eine "feste" Regierung zu leiten, wird bezweifelt. Und dieses persönliche Scheitern stellt ihre Position in Frage."

  • "De Tijd" (Belgien)

Mit der schmerzhaften Wahlniederlage streut die britische Premierministerin Zweifel nicht nur an ihrer Zukunft, sondern auch hinsichtlich der Brexit-Verhandlungen mit Brüssel.

Der Ruf nach ihrem Rücktritt wird laut. Zum zweiten Mal in Folge verpassen sich die britischen Konservativen ein Eigentor.

2016 schoss sich David Cameron in den Fuß, indem er das Referendum über die EU-Mitgliedschaft ansetzte und es dann verlor.

Ein Jahr später setzte Theresa May vorgezogene Neuwahlen in der Hoffnung an, eine große Mehrheit als Rückendeckung für die Brexit-Verhandlungen mit Brüssel zu bekommen.

Die wäre erforderlich, damit sie nicht zur Geisel von ein paar Dutzend radikal anti-europäischer Tories wird, für die jedweder Kompromiss unannehmbar ist. Auch dieses Vorhaben ist missglückt.

  • "Dagens Nyheter" (Schweden)

Oh, oh, oh. Welch schrecklicher Fehler von Theresa May, eine völlig unnötige Wahl auszurufen. Jetzt schon schärfen ihre Parteifreunde die Messer und spekulieren darüber, wer die Führung übernehmen soll.

Auf Großbritannien wartet eine chaotische politische Zukunft.

  • "Sydsvenskan" (Schweden)

Die Wahl ist noch nicht fertig ausgezählt, aber mit nur noch wenigen zu verteilenden Sitzen ist nun klar, dass Theresa Mays konservative Tories die (absolute) Mehrheit unmöglich erreichen können.

Das ist eine Katastrophenwahl für May und bedeutet, dass ihr Versuch, die Unterstützung der Bevölkerung für den EU-Austritt, den Brexit, zu sichern, misslungen ist.

  • "Jyllands-Posten" (Dänemark)

Am Freitagmorgen zeichnet sich ein Bild von einem britischen Wahlergebnis, das zunächst mehr politische Verlierer als Gewinner bedeutet.

Jedenfalls sind - neben dem großen konservativen Rückgang - mehrere politische Zusammenbrüche in Großbritannien auf dem Weg.

  • "Rzeczpospolita" (Polen)

Theresa May hat einen spektakulären Fehler begangen. Obwohl sie bis 2019 hätte regieren und die Verhandlungen zur Trennung von Brüssel beenden können, ist sie der Versuchung erlegen, vorzeitige Wahlen auszuschreiben, um die Mehrheit im Parlament zu festigen. (...) Jetzt könnte sie, wie die Exit Polls zeigen, ohne alleinige Mehrheit der Konservativen an der Spitze einer wackeligen Koalition landen oder sogar in die Opposition übergehen. (...)

So wie ihr Vorgänger David Cameron, der sicher war, das Referendum zum EU-Verbleib zu gewinnen, hat May ihr Ziel verfehlt.

Sie hat vergessen, dass sie nicht die neue Margaret Thatcher ist, sondern eher Premierministerin aus Zufall: Als die Brexit-Befürworter mit Boris Johnson an der Spitze im vergangenen Jahr nicht die Verantwortung für das Land übernehmen wollten, griffen die Konservativen nach May, weil sie keine eindeutigen Meinungen vertrat und niemandem übermäßig im Weg stand.

  • "Dennik N" (Slowakei)

Theresa May befürwortete vor dem Referendum einen Verbleib des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union.

Dennoch akzeptierte sie dann aber nicht nur den Posten einer Premierministerin, die den Brexit vorbereiten und aushandeln sollte, sondern machte sogar Druck für die harte Version des Ausstiegs.

Aus professioneller Sicht lässt sich das anerkennen, es ist aber sehr wahrscheinlich, dass zumindest ein Teil der Wähler darin Scheinheiligkeit, Berechnung und Gier nach Macht sieht.

Also einen Mangel an Authentizität - gerade etwas, über das man sich bei ihrem Rivalen von der Labour-Partei nicht beschweren kann."

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(dpa/thp)