Das Ja der britischen Wähler zum Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union hat viele negative Reaktionen hervorgerufen. Aber es gibt auch Stimmen, die den Brexit als Chance begreifen. Könnte er sogar ein Segen für Europa sein?

Seit seinem EU-Beitritt 1973 war Großbritannien als Mahner und Bremser verschrien. Die einstige Weltmacht wollte sich nicht mehr Regeln als nötig durch die EU-Zentrale vorschreiben lassen und handelte Sonderkonditionen aus - wie den sogenannten Britenrabatt bei den Beitragszahlungen. An der Eurozone oder dem Schengenraum, der den schrankenlosen Grenzübertritt ermöglicht, wollte Großbritannien ebenfalls nicht teilhaben.

Insofern wird der EU-Austritt der ständig nörgelnden Briten von einigen Beobachtern nur als folgerichtig kommentiert, wenn er auch mit unkalkulierbaren Risiken verbunden ist. Inmitten negativer Reaktionen und Schreckensszenarien gibt es jedoch einzelne Stimmen, die in den kommenden Jahren eine Stärkung der EU für möglich halten. Wie könnte die Union vom Brexit profitieren?

"Rest-EU würde harmonischer miteinander umgehen"

Die Londoner Analysten des US-Informationsdienstes IHS stellten die These auf, dass die EU gestärkt aus dem Brexit hervorgehen könnte. Zumindest im Wirtschaftssektor. Sollten weitere Mitgliedsstaaten die Union verlassen, würde die Rest-EU harmonischer miteinander umgehen, heißt es. Krisen würden schneller gelöst, geringere Transaktionskosten, weniger Bürokratie, geringere finanzielle Risiken fielen an.

Dr. Katrin Böttger vom Institut für Europäische Politik (IEP) in Berlin hält die Studie für seriös. Sie weißt aber darauf hin, dass darin lediglich Vorteile im ökonomischen Bereich thematisiert werden. Außenpolitische Aspekte sowie die Prägung der EU durch Geschichte, Tradition und Erfahrung der Briten seien außen vor, genauso wie der Wert Europas als "gesamteuropäisches Friedens- und Integrationsprojekt". "Ich würde insgesamt sagen, dass die Nachteile die Vorteile bei weitem überwiegen", sagt die stellvertretender IEP-Direktorin im Gespräch mit unserer Redaktion.

Expertin: Mangel an Nicht-Europa beseitigen

Doch selbst die Brexit-kritische Politologin hält positive Folgen des Votums für möglich. Das Abstimmungsergebnis könne als Chance begriffen werden, die EU fortzuentwickeln und enger zusammenzurücken. "Der Mangel an Nicht-Europa, wie er durch die Staatsschuldenkrise und auch die Flüchtlingsproblematik für Millionen EU-Bürger spürbar wurde" könnte beseitigt werden, etwa durch eine effizientere Rechtsetzung oder verstärkte Zusammenarbeit für ein besseres Funktionieren der EU. Das Ziel sei, "zentrifugalen Kräften entgegenzuwirken und stattdessen den Zusammenhalt der EU zu festigen."

Der Wirtschafts- und Finanzexperte Prof. Max Otte vertritt eine vergleichbare Haltung. "Der Brexit ist für die Europäischen Union eine Riesenchance", schrieb der Ökonom in der Huffington Post, "ihre falschen und dysfunktionalen Strukturen zu reformieren."

Ein Kerneuropa, wie von Wolfgang Schäuble 1994 vorschlagen und von Helmut Kohl abgelehnt, hätte viele Vorteile, so Otte. Der Rest der EU könnte endlich enger zusammenwachsen, Deutschlands Position würde gestärkt. "Mittelfristig", schrieb dagegen die Neue Zürcher Zeitung, "ist ein solcher Integrationsschub angesichts starker euroskeptischer Strömungen in mehreren EU-Staaten aber so oder so wenig wahrscheinlich."

Katrin Böttger hält es zumindest für möglich, dass "viele der grundsätzlich integrationistisch eingestellten Mitgliedstaaten wie Frankreich und Deutschland sich nun mit ihren Forderungen zurückhalten, um das große Ganze nicht zu gefährden." Wie ist das gemeint?
In Berlin und Paris wären vermutlich Ansprüche zur Neuverhandlung einzelner Elemente der Mitgliedschaft aufgekommen, wenn die Briten ihren ursprünglich geplanten EU-Deal umgesetzt hätten, so Böttger. Durch den Brexit ist dieser Deal, der den EU-Skeptikern auf der Insel entgegenkommen sollte, nun überflüssig geworden.

"Attraktivität zurückgewinnen"

Skeptisch betrachtet dagegen der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble die Hoffnung auf ein engeres Zusammenwachsen Europas. "Wir könnten als Antwort auf einen Brexit nicht einfach mehr Integration fordern", sagte er vor dem Votum auf der Insel dem Nachrichtenmagazin "Spiegel". Viele würden dann zu Recht fragen, so Schäuble, "ob wir Politiker noch immer nicht verstanden haben."

Fast wortgleich äußerte sich Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem. Beide gelten als entschiedene Brexit-Gegner. Entgegen ihrer Erwartungen steht der Austritt des Vereinigten Königreichs nun tatsächlich bevor. Aber womöglich sind die langfristigen Folgen für Rest-Europa gar nicht so dramatisch und nur negativ, wie von den meisten Beobachtern kommentiert. "Eine bescheidenere EU", schreiben die Analysten von IHS, "würde einiges an Attraktivität zurückgewinnen."

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