Nach dem Brexit-Votum der Briten werden Stimmen laut, die der Flüchtlingspolitik von Angela Merkel die Mitschuld am EU-Verdruss der Bevölkerung Großbritanniens geben.

Österreichs Außenminister Sebastian Kurz hat angesichts der Flüchtlingskrise vor einem Auseinanderbrechen Europas gewarnt. Kurz bezeichnete die von der deutschen Bundeskanzlerin maßgeblich vorangetriebene Flüchtlingspolitik als "dramatischsten Fehler" der EU. Das Thema habe die Menschen emotionalisiert und sei am Ende entscheidend für den Ausgang des Brexit-Referendums gewesen, sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Mittwoch).

Auch in Österreich erwarte man "mehr von Europa", und das Thema Bewältigung der Flüchtlingsströme stehe "für die Bürger ganz oben auf der Agenda". Viele Probleme seien in Europa nicht gelöst und die Bürger mit "Durchhalteparolen ruhiggestellt" worden.

Kurz verteidigt Österreichs Haltung

Zugleich verteidigte Kurz die österreichische Haltung in der Flüchtlingsfrage. "Ich würde mir mehr Verständnis in Deutschland für unsere Positionen wünschen, zumal Deutschland mit Kontrollen an der österreichisch-deutschen Grenze kein Problem hat", sagte er.

Der Außenminister bekräftigte seine Forderung, Migranten konsequent abzufangen, die über den Seeweg kommen. "Wenn sich jemand illegal auf den Weg nach Europa macht, muss er an der EU-Außengrenze gestoppt werden und am besten in das Transit- oder Herkunftsland zurückgebracht werden. Solange wir das nicht tun, unterstützen wir indirekt die Schlepper, weil sich dann immer mehr auf den Weg machen, und dann werden auch mehr Menschen ertrinken."

Viele wollen einen Austritt aus der EU verhindern: Mögliche Szenarien.

Merkels Politik in der Flüchtlingskrise

Zuvor hatte auch Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban die Flüchtlingskrise als den entscheidenden Faktor beim Votum der Briten für einen Austritt aus der Europäischen Union. Die Briten seien mit der EU-Flüchtlingspolitik, in der Deutschland unter Angela Merkel federführend war, unzufrieden.

Sie hätten eine Antwort auf die Frage gesucht, wie man die "moderne Völkerwanderung" aufhalten und wie sie "ihre Insel erhalten" könnten. Man müsse die Entscheidung der Briten respektieren, denn jedes Volk habe das Recht, über das eigene Schicksal zu bestimmen.

"Europa ist nur dann stark, wenn es auf so bedeutende Fragen wie die Einwanderung Antworten geben kann, die es nicht schwächen, sondern stärker machen. Diese Antworten hat die EU nicht gegeben, im Gegenteil", sagte Orban. Ungarn sei Mitglied der EU, "weil wir an ein starkes Europa glauben."© dpa