Sie haben voller Überzeugung für den Austritt aus der Europäischen Union gekämpft. Jetzt ist der Brexit beschlossene Sache, doch die Befürworter der Leave-Kampagne haben anscheinend keine genauen Vorstellungen, wie es nach dem Ausstieg weitergehen soll. Wie ist das möglich?

Laut Experte könnte dies daran liegen, dass die EU-Gegner bisher nur auf Stimmungsmache gesetzt haben – und das realisieren auch immer mehr Briten.

Die Brexit-Befürworter haben erreicht, was sie wollten: Stand momentan wird Großbritannien die Europäische Union verlassen. Doch wie es dann weitergehen soll, darüber haben sich die EU-Gegner bislang offenbar zu wenige Gedanken gemacht.

Wie die "Huffington Post" berichtet, soll ein Politiker des Brexit-Lagers auf Nachfrage eines britischen Reporters erklärt haben, es gebe keinen konkreten Plan für die Zeit nach dem Ausstieg.

Seine Worte von Mitte Mai dürfte Nigel Farage nun bereuen.

Kopfschütteln auch nach der Anne-Will-Sendung in der ARD. Brexit-Aktivistin und -Mitinitiatorin Anna Firth ließ ebenfalls durchsickern, es gebe keinen wirklichen Fahrplan für die kommenden Monate.

Der Studiogast und ehemalige englische Botschafter Sir Peter Torry war bestürzt: "Ich bin sehr traurig für meine Kinder und Enkel, denen ihre Zukunft von verängstigten Menschen genommen wird, die glauben, mit einer Protestwahl aus dem sich immer schneller drehenden Globalisierungskarussell aussteigen zu können."

Auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen war entsetzt: "Das erschüttert mich jetzt. Wenn Sie so eine Kampagne durchführen, müssen Sie doch auch einen Plan mitbringen, wie es weitergeht, wenn Sie gewonnen haben."

Brexit-Befürworter fühlen sich getäuscht

Für Politikberater Prof. Werner Weidenfeld ist der fehlende Plan nicht verwunderlich: "Das liegt daran, dass die Leave-Kampagne bisher nur auf Stimmungsaktivitäten gesetzt hat – und jetzt reicht die alte Stimmungsmache eben nicht mehr", sagt er in einem Gespräch mit unserer Redaktion.

Was jetzt vor allem wichtig sei: "Die Menschen sollten nun über alle Dimensionen der Wirklichkeit informiert werden. Aus dieser Falle kommt nach jetzigem Stand niemand raus, das müssen jetzt alle ausbaden", so Weidenfeld.

Einigen Briten dämmert es bereits. Sie erkennen die Tragweite des Brexit scheinbar erst jetzt und bereuen ihre abgegebenen Stimmen. Am Wochenende erklärten zahlreiche Brexit-Wähler, sie hätten nur eine Proteststimme gegen die eigene Regierung abgeben wollen. Nun fühlen sie sich durch falsche Versprechungen der Brexit-Aktivisten getäuscht.

Stimmen für Wiederholung des Referendums offenbar gefälscht.

Kann das Parlament den Brexit noch verhindern?

Einige britische Politiker riefen ihre Parteien und rebellischen Landsleute zum offenen Widerstand gegen die Brexit-Entscheidung auf. Der Labour-Abgeordnete für Tottenham, David Lammy, forderte ein Machtwort des zu drei Viertel pro-europäisch eingestellten Unterhauses. "Wir müssen das ja nicht tun. Noch können wir diesen Wahnsinn stoppen und diesem ganzen Albtraum durch einen Parlamentsentscheid ein Ende setzen", forderte Lammy in einer Rede vor seinen Parlamentskollegen.

Denn die britische Verfassung besagt: Hoheit über das, was passiert, hat nicht die Regierung, sondern das Parlament. Das britische Parlament könnte sich also gegen den Volkswillen stellen und den EU-Austritt noch verhindern. Zumal die Brexit-Abstimmung nicht rechtlich bindend ist – im Gegensatz zu anderen, dem Brexit vorangegangenen Volksabstimmungen. Darauf beruft sich auch der Abgeordnete Lammy.

Millionen unterschreiben Petition

Viele Briten – vor allem junge Menschen – versuchen nun, mit einer Online-Petition Druck auf das Parlament auszuüben und ein neues Referendum zu fordern. Bereits am Sonntag hatten mehr als drei Millionen Menschen diese Petition unterzeichnet. Normalerweise muss sich das Parlament mit dieser Petition beschäftigen, da mehr als die 100.000 benötigten Unterschriften zusammengekommen sind.

Für Dienstag ist zudem eine Anti-Brexit-Großkundgebung auf dem Trafalgar Square in London geplant. Am selben Tag findet ein EU-Gipfel in Brüssel statt. Dort werden die EU-Spitzen und die Gründerstaaten der Union (Deutschland, Frankreich, Italien, Niederlande, Belgien und Luxemburg) vermutlich weiter Druck auf London ausüben. Sie dürften schnellstmöglich einen Plan von den Briten haben wollen. Denn so sollen politische Instabilität und wirtschaftliche Turbulenzen verhindert werden.

London will sich jedoch nicht unter Zeitdruck setzen lassen und möchte bereits vor dem offiziellen Austritts-Antrag Vorgespräche mit Brüssel führen. Die Briten sollen nach Meinung des Brexit-Wortführers Boris Johnson auch weiterhin die Vorteile der EU nutzen können.

Möglicher Cameron-Nachfolger verspricht England weiter Privilegien.

Großbritannien will Plan noch nicht vorlegen

Trotz Drängen der EU hat der britische Finanzminister George Osborne aber bereits verkündet, die Austrittsverhandlungen würden erst mit dem Amtsantritt des neuen Premierministers beginnen. Das wäre im Oktober. Dann erst legt der jetzige Premier David Cameron sein Amt nieder.

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