Nach dem Brexit-Votum berät Europa über die Folgen. Boris Johnson, der als nächster britischer Premier gehandelt wird, gibt sich gelassen. Sein Land habe keine Eile. Der Konservative verspricht weiter Privilegien - auch ohne EU.

Ihm werden große Ambitionen auf das Amt des Premiers nachgesagt: Boris Johnson. Der Konservative führte die Brexit-Befürworter an, forderte den schnellen Austritt Großbritanniens aus der EU.

Rechtspopulist überzeugt, dass weitere Austritts-Referenden folgen.

Nun nach dem Erfolg beim Referendum hat es Johnson nicht mehr so eilig. Er schreibt in einem Beitrag für die Zeitung "Daily Telegraph", es bestehe keine große Eile für das Vereinigte Königreich, seinen Austritt aus der Europäischen Union zu erklären. Zudem würden die negativen Folgen eines Austritts aus der EU weit übertrieben.

Johnson versucht in seinem Artikel zudem zu beruhigen. Seiner Einschätzung nach wird Großbritannien auch nach dem Votum für einen Austritt aus der EU Zugang zum europäischen Binnenmarkt haben: "Es wird weiterhin freien Handel und Zugang zum Binnenmarkt geben."

Und weiter heißt es in Johnsons Kolumne: "Die Wirtschaft ist in guten Händen." Damit lobt der ehemalige Bürgermeister von London seine Parteifreunde David Cameron und Finanzminister George Osborne. Notenbankchef Mark Carney, der vor dem Referendum vor den Risiken eines Brexits gewarnt hatte und deshalb in die Kritik geriet, solle auf seinem Posten bleiben, empfiehlt Johnson. Carney habe großartige Arbeit geleistet.

Johnson spielt damit nun erst einmal auf Zeit. Er ist ein Rivale von Cameron, der sich für einen Verbleib in der EU ausgesprochen hatte. Nach dem Referendum hatte der konservative Premier seinen Rücktritt für Oktober angekündigt.

An den Finanzmärkten ist die Spannung groß, ob Johnson tatsächlich neuer Regierungschef wird - und vor allem, wie seine Pläne für die Zeit nach einem Austritt Großbritanniens aus der EU aussehen werden.

EU fordert schnelle Verhandlungen

Der Präsident des Europäischen Parlamentes, Martin Schulz, forderte die britische Regierung erneut zu schnellen Verhandlungen über den Austritt aus der EU auf. "Wir haben über viele Jahre Unsicherheit gehabt, weil Großbritannien sich nicht entscheiden konnte, was seine Rolle in Europa ist", sagte er der "Passauer Neuen Presse". "Nun herrscht Klarheit - und die gilt."

Auch Frankreich will eine schnelle Scheidung - anders als Polen. Der französische Finanzminister Michel Sapin erklärte, Großbritannien solle den EU-Austrittsprozess rasch einleiten. Dies unterstützt EU-Digitalkommissar Günther Oettinger: "Der nächste Schritt muss von London aus kommen", sagte er im Deutschlandfunk. Jeder Tag Unklarheit schrecke Investoren in aller Welt ab, in Großbritannien, aber auch Europa ihr Geld einzusetzen.

Der britische Finanzminister George Osborne wandte sich am Montagmorgen vor Handelsbeginn mit einer Rede an die Finanzmärkte. "Die britische Wirtschaft ist von Grund auf stark, hochgradig wettbewerbsfähig und offen für Investitionen", versuchte er zu beruhigen. Am Montag stehen verschiedene Termine zum Brexit-Referendum an.

Alle Informationen zum Brexit

Zusammengefasst: In mehreren Runden kommen am Dienstag europäische Regierungschefs und Minister zusammen, um über das Brexit-Referendum zu beraten. Boris Johnson, der als künftiger Premier Großbritanniens gehandelt wird, meldet sich zu Wort. Er sagt, er glaube an den Binnenmarkt. Er habe keine Eile mit dem Brexit.

© SPIEGEL ONLINE