Am 23. Juni stimmen die Briten über den Verbleib in der Europäischen Union ab. Die Folgen eines sogenannten "Brexits" könnten dramatische Ausmaße annehmen, behaupten Experten. Für Großbritannien, die Europäische Union - und auch für Deutschland.

Erst hatte die Euro- und Griechenlandkrise den Kontinent fest im Griff, dann setzte eine von vielen nicht für möglich gehaltene Flüchtlingsbewegung ein, und nun schwebt auch noch das Schreckgespenst des britischen EU-Austritts wie ein Damoklesschwert über Europa.

Wenn die Briten kommenden Monat zu den Wahlurnen gebeten werden, steht mehr als der Verbleib Großbritanniens in der Union auf dem Spiel.

Ein "Nein!" hätte wohl weitreichende Konsequenzen. Wirtschaftlich, politisch und schlimmstenfalls auch für den territorialen Zusammenhalt des Vereinigten Königreichs und der EU. Fünf mögliche Folgen im Überblick.

Mehr Bürokratie, mehr Kosten

Großbritannien ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der EU. Deutschland und die anderen Mitgliedsstaaten stellen mit Abstand die wichtigsten Handelspartner für London dar.

Sollten die Briten tatsächlich für den Austritt aus der EU votieren, droht der Ausschluss aus dem europäischen Binnenmarkt, der größten Freihandelszone der Welt. Ob die EU mit dem Königreich Freihandelsabkommen wie mit den Nicht-EU-Mitgliedern Norwegen oder Schweiz aushandelt, kann derzeit niemand abschätzen.

Falls nein, müssten die Briten mit jedem EU-Land separate Vertragswerke vereinbaren. Dies wäre ein riesiger Verwaltungsaufwand, Unternehmen würden mit Mehrkosten belastet.

Nach pessimistischen Schätzungen kämen auf die Wirtschaft im Königreich Exportverluste von bis zu 30 Milliarden Pfund (ca. 38 Mrd Euro) pro Jahr zu, falls London beim Austritt kein Freihandelsabkommen abschließt - das sind etwa acht Prozent der Exporte.

Aber auch EU-Unternehmen würden durch Zölle mit höheren Kosten belastet, wenn sie ihre Produkte auf der Insel verkaufen wollen.

Im Fall des Brexits könnte das britische Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 1,8 bis 2,3 Prozent zurückgehen, schätzt Neil Williams, Chefökonom bei Hermes Investment Management. London hätte mit einem Bedeutungsverlust als internationaler Finanzmarkt zu kämpfen. Denn auch für die Börsen wäre ein Brexit Gift.

Es liest sich wie ein Déjà-vu: Griechenland befindet sich erneut im Streit mit seinen Gläubigern. Es droht nach wie vor die Staatspleite. Ein Blick auf die Fakten zeigt, dass die Situation Parallelen zu der monatelangen Zitterpartie im Sommer 2015 aufweist. Pikant: Die sich jetzt abzeichnende neue Krise könnte eine unmittelbare Folge der damaligen Einigung sein.

Gewichtsverlust der EU

Auch wenn die wirtschaftlichen Folgen des Brexits unterschiedlich prognostiziert werden, scheint eines klar: Die EU würde nicht nur 13 Prozent ihrer Einwohner und 17 Prozent ihrer Wirtschaftskraft verlieren, sondern auch internationales Gewicht.

Verhandlungen auf Augenhöhe mit den USA, Russland oder China würden ohne das G7- und Nato-Mitglied Großbritannien erschwert. In einer Zeit der europäischen Krise, mit einem Mangel an Solidarität zwischen den Mitgliedstaaten, käme ein Brexit einer weiteren Schwächung des Zusammenhalts gleich.

Zudem würde in der EU "die Solidaritätsfrage enorm verschärft", wie Michael Zürn, Professor für internationale Beziehungen an der Freien Universität Berlin, kürzlich im Gespräch mit unserer Redaktion erklärte.

Sprengzünder für die Union

Schließlich birgt ein Ausstieg Großbritanniens nach Ansicht des italienischen Finanzministers Pier Carlo Padoan sogar "politische Sprengkraft für die ganze Gemeinschaft".

Andere Länder könnten veranlasst werden, Brüssel ebenfalls den Rücken zu kehren, sagte Padoan am Mittwoch in einem Fernseh-Interview. Diese Perspektive sei wegen der Flüchtlingskrise und des schwachen Wirtschaftswachstums in der EU attraktiver geworden.

Nationalisten in Frankreich oder Osteuropa lauern nur darauf, die Union weiter zu schwächen und fabulieren davon, sie zu zerschlagen. "Ein Brexit kann wie ein Sprengzünder wirken", sagte der Italiener.

"Ein Ausscheiden des Vereinigten Königreichs würde nicht nur die britische Wirtschaft treffen, sondern hätte auch negative Folgen für das europäische Gefüge insgesamt", erklärte James Knightley, leitender Ökonom bei der niederländischen Großbank ING.

Das Ausscheiden des ersten Staates aus der EU könnte das gesamte europäische Projekt infrage stellen. Bisher war das Bündnis stets auf Zuwachs und Ausweitung ausgelegt.

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Endes des Vereinigten Königreichs?

Doch nicht nur die Grenzen Europas würden sich durch den britischen EU-Austritt verschieben. Auch im Königreich selbst könnte es territoriale Konsequenzen geben. Oder sogar dessen Ende?

Es gilt schon jetzt als ziemlich sicher, dass die EU-freundlichen Schotten nach einem Brexit ein neues Unabhängigkeits-Referendum anpeilen. War es 2015 noch gescheitert, könnte es nun gelingen. Dies wäre das Ende des Vereinigten Königreichs, wie wir es jetzt kennen - mit weiteren unkalkulierbaren Folgekosten.

Folgen für Deutschland

Auch Deutschland wäre wirtschaftlich und politisch enorm betroffen. Nicht umsonst wirbt Kanzlerin Angela Merkel vehement für den Verbleib in der Union.

"Ein Austritt Großbritanniens hätte viele negative wirtschaftliche Folgen für das Land, aber auch für die EU und Deutschland", erklärt Gabriel Felbermayr, Leiter des ifo-Zentrums für Außenwirtschaft, der Nachrichtenagentur dpa.

Der schlimmste Fall? Stopp des Freihandels, Verfall der Binnenmarktregeln, Errichtung von Zollschranken. Die Folgen wären Mehrkosten für die Unternehmen - und letztlich womöglich auch für die Verbraucher.

Neue finanzielle Belastungen würden Deutschland auch deswegen erwarten, weil die Wirtschaftsmacht Großbritannien einer der wenigen Nettozahler in der EU ist. Im Falle des Austritts müsste Berlin einige der britischen Beiträge auffangen.

Zudem verlöre Berlin einen wichtigen strategischen Partner. Die Gewichte innerhalb der EU würden sich südwärts verlagern - in Richtung einer "linkslastigen Umverteilungspolitik der Südeuropäer", wie das Handelsblatt analysiert.

"Mit dem Brexit", so die Schlussfolgerung, "hängt ein Damoklesschwert über Europa."