Es ist ein Schock für die EU - und auch für den britischen Fußball: Die Bürger Großbritanniens haben mehrheitlich für den Brexit gestimmt. Die Folgen für die englische Premier League könnten verheerend sein.

Der Brexit kommt und mit ihm weitreichende Konsequenzen für Politik, Gesellschaft, Wirtschaft - und auch Sport. Die englische Premier League, aktuell drittstärkste Liga Europas, droht erheblich an Anziehungskraft zu verlieren.

Denn bislang durften Spieler mit einem Pass eines EU-Mitglieds ohne Einschränkung für einen Klub aus dem Vereinigten Königreich arbeiten. Dies wird sich - zumindest nach jetzigem Stand - durch den anstehenden Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union ändern.

Komplizierte Regelung zur Arbeitserlaubnis

Nun werden die Spieler wie Akteure aus einem Nicht-EU-Staat behandelt. Aktuell richtet sich die Erteilung einer Arbeitserlaubnis für Spieler aus einem Nicht-EU-Land nach der Weltranglistenposition seines Herkunftslandes und seinen Länderspielen.

Nach dem Votum der Briten könnte die Ferienzeit kompliziert werden.

Ein Spieler aus einer Nation unter den Top 10 der Welt muss 30 Prozent der möglichen Länderspiele der vergangenen zwei Jahre bestritten haben. Von einem Profi aus einem Land der Plätze 11 bis 20 sind 45 Prozent aller Einsätze für sein Nationalteam gefordert - und so weiter. Diese Regeln wurden vom Innenministerium unter anderem auf Drängen des englischen Verbands FA zum Schutz einheimischer Spieler aufgestellt.

In der vergangenen Saison hätte rund eine dreistellige Zahl an Spielern aus EU-Ländern allein in der Premier League keine Arbeitserlaubnis erhalten. Der "Telegraph" kommt auf 95, die BBC rechnet mit gut 100, in den obersten beiden Ligen Englands und Schottlands seien insgesamt 332 Spieler betroffen.

Effekt auf englischen Fußball ist immens

Zwei Drittel der Spieler, die aus EU- bzw. EFTA-Mitgliedsstaaten (Island, Liechtenstein, Norwegen) kommen, hätten nach den nun neuen Regelungen nicht in die Premier League wechseln dürfen. Zu diesen gehört beispielsweise Dimitri Payet, der im Juli 2015 von Olympique Marseille wegging und sich West Ham United anschloss. Der 29-jährige Franzose sorgt aktuell bei der EM 2016 mit starken Leistungen für Furore.

Der Mann mit dem blonden Haarschopf gehört zu den Gewinnern des EU-Referendums. Der ehemalige Bürgermeister von London wird Spekulationen zufolge nach dem Rücktritt David Camerons wohl der nächste britische Premierminister.

Karren Brady, Parlamentsabgeordnete der Torys und Vereinsvize von Payets Klub West Ham, sagte bereits vor wenigen Tagen "verheerende Konsequenzen" voraus, sollte der Brexit kommen. Die angesehene Spieleragentin Rachel Anderson meinte: "Die EU zu verlassen, hätte einen viel größeren Effekt auf den Fußball, als die Leute denken."

Mesut Özil und auch Bastian Schweinsteiger, beide seit Jahren Stammspieler in der deutschen Nationalmannschaft, hätten anders als Payet eine Arbeitserlaubnis bekommen, weil sie die Quote an notwendigen Länderspielen erfüllen. Doch andere Profis wie Emre Can vom FC Liverpool oder Robert Huth von Meister Leicester City würden diese Quote nicht erfüllen. Ein Wechsel wie der von Ron-Robert Zieler nach Leicester wäre ebenfalls nicht möglich gewesen. Auch Stars wie David de Gea oder Anthony Martial (beide Manchester United) hätten nicht in die Premier League transferiert werden können.

Wie reagiert die Politik?

Möglicherweise reagiert das Innenministerium auf den Brexit und senkt die Bestimmungen für die Erteilung von Arbeitserlaubnissen wieder. "Die Premier League ist einer der größten Exporteure des Vereinigten Königreichs und generiert eine signifikante Summe", sagte Sportökonom Babatunde Buraimo von der Universität Liverpool dem "Telegraph" wenige Tage vor dem Referendum.

Professor Raymond Boyle von der University of Glasgow prophezeit im Gespräch mit der britischen BBC: "Ich wäre überrascht, wenn diese Regelungen des Arbeitsrechts nicht überarbeitet würden. Länder wie die Schweiz machen auch einfach ihre eigenen Regeln. Mein Gefühl ist, dass die Elite des kommerziellen Sports immer die Schlagkraft haben wird, Regeln so zu beeinflussen, dass sie davon profitieren." Allerdings könnten auch andere Wirtschaftszweige auf Sonderregelungen pochen, sollte es diese für den britischen Profi-Fußball geben.

Die Brexit-Befürworter schätzen die Folgen des EU-Austritts für den britischen Fußball hingegen nicht negativ, sondern vielmehr positiv ein. "Die EU-Regeln beeinträchtigen unsere Möglichkeiten, Spieler zu entwickeln und behindern den Zugang zum weltweiten Talente-Pool. Das ist das Schlechteste beider Welten", sagte EU-Gegner Robert Oxley.

Die englische Nationalmannschaft würde vom Brexit profitieren, weil Geld, das nun durch den EU-Austritt gespart werde, in die Basis gesteckt werden könne. (tfr/dpa)