Die Überraschung war perfekt: Der ehemalige Londoner Bürgermeister Boris Johnson hat angekündigt, auf eine Kandidatur für die die Nachfolge des scheidenden Premierministers David Cameron zu verzichten. Die internationalen Medien legen ihm das als Feigheit und mangelndes Verantwortungsgefühl aus.

Nach seiner Ankündigung, sich nicht zur Wahl für das Amt des Premierministers zu stellen, steht Londons ehemaliger Bürgermeister und Brexit-Befürworter Brian Johnson in der Kritik der internationalen Presse.

Die liberale dänische Tageszeitung "Politiken" (Kopenhagen): "Nichts auf der Welt ist so einfach, wie dagegen zu sein, und der Widerstand gegen die EU hat im Moment breite Anziehungskraft in der Bevölkerung. Die Europäische Union ist derzeit nicht in einem demokratischen Idealzustand, und deshalb ist eine Kritik der Macht, die von Brüssel ausgeübt wird, legitim und notwendig.

Brexit-Vorkämpfer als neuer britischer Premierminister? Daraus wird nichts.

Die Verantwortungslosigkeit der Nein-Sager erreichte in Großbritannien einen neuen Tiefpunkt, als die konservative Frontfigur in einer stark manipulativen Brexit-Kampagne, Boris Johnson, sich gestern entschied, sich der Verantwortung für das Nein zu entziehen, zu dem er selbst stark beigetragen hat."

Die Londoner "Times" sieht am Freitag Justizminister Michael Gove und Innenministerin Theresa May als Favoriten im Ringen um das Amt des britischen Premierministers:

"May ist bekannt für ihre Standfestigkeit, die ebenso wie ihr Geschlecht an Margaret Thatcher erinnert. Sie wird wegen ihrer Beständigkeit mit Angela Merkel verglichen. Das würde ihr in der Downing Street zugute kommen, aber sie müsste größeres Talent für strategisches Denken zeigen als die deutsche Kanzlerin, deren Bilanz in den vergangenen zwei Jahren von kurzfristigen Erwägungen getrübt wurde."

Die belgische Zeitung "De Tijd": "Unterstützung aus dem Lager der EU-Befürworter bei den Konservativen hatte er ohnehin schon lange nicht mehr. ... In den vergangenen Wochen ist klar geworden, was für ein Politiker Johnson wirklich ist: ein wortgewandter Lackaffe, dem es zwar gelingt, viele Menschen vor seinen Karren zu spannen, der sich aber nicht um die Interessen der Allgemeinheit kümmert, sondern sich einzig und allein von seinen persönlichen Ambitionen leiten lässt."

Flüchtlingskrise belastet EU-Haushalt weiterhin enorm.

Die französische Regionalzeitung "L'Alsace": "In der britischen Meisterschaft der Mittelmäßigkeit hat David Cameron den Tanz eröffnet, indem er die Idee eines Referendums aus der Tasche holte, die 2014 kein anderes Ziel hatte, als ihn an der Macht zu halten. ... (Der frühere Londoner Bürgermeister und Brexit-Wortführer) Boris Johnson ... ist gestern desertiert und hat dabei Argumente vorgebracht, die niemanden überzeugen werden.

Unter den Favoriten für (den Amtssitz des britischen Premierministers) Number 10 Downing Street bleiben eine Europaskeptikerin, die gegen den Brexit gestimmt hat, und ein Anhänger des Ausstiegs aus der EU, der Boris Johnson verraten hat. Letztlich gibt die britische politische Klasse ein Bild ab, wie sie es gestern noch von den Verantwortlichen der Europäischen Union zeichnete."© dpa