Boris Johnson und Jeremy Hunt wollen Vorsitzender der britischen Konservativen werden. Auch wenn sie beim Brexit ähnliche Positionen vertreten, gibt es Streitthemen. Die Unterschiede liegen im Detail - und im Auftreten.

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Skandalnudel trifft auf Technokrat: Boris Johnson und Jeremy Hunt buhlen um die Nachfolge der britischen Premierministerin Theresa May. Beide wollen den Vorsitz der britischen Konservativen übernehmen.

Die 160.000 Mitglieder der Tories müssen sich bis zum 22. Juli per Briefwahl zwischen dem Favoriten Johnson und dem Außenseiter Hunt entscheiden.

TV-Duell Johnson gegen Hunt: Hier sehen Sie die Debatte im TV

Am Dienstag, 9. Juli, um 20:00 Uhr diskutieren die Kandidaten live vor Studiopublikum auf dem Sender ITV.

Spannend wird, wie sich die beiden beim Thema Brexit voneinander abzugrenzen versuchen. Denn inhaltlich liegen sie nicht weit auseinander. Deswegen rechnet Klaus Stolz, Professor für britische und amerikanische Kultur- und Länderstudien an der Technischen Universität Chemnitz, auch nicht damit, dass es in der TV-Debatte am Abend zwischen den beiden wirklich krachen wird.

Die Aussagen der Kandidaten zum EU-Ausstieg fallen bislang wenig konkret aus: Beide wollen neu mit der Europäischen Union darüber verhandeln - und beide sagen, dass Großbritannien die EU im Zweifel auch ohne Deal verlassen wird. "Johnson vertritt diese Ansicht allerdings offensiver", sagt Stolz.

Das sind die potenziellen Streitthemen in der TV-Debatte:

Der Austrittstermin

Ex-Außenminister Boris Johnson behauptet, Großbritannien werde die EU unter seiner Führung bis zum 31. Oktober verlassen. Und zwar "komme, was wolle", wie er unter anderem in einem offenen Brief an Jeremy Hunt betont.

Der hält nicht so streng an dem Datum fest wie sein Rivale. Den Austrittstermin würde er notfalls noch einmal verschieben – sofern eine Lösung in greifbarer Nähe ist, einen harten Brexit zu verhindern.

Auf Twitter forderte Boris Johnson Jeremy Hunt deswegen heraus: "Wir müssen unsere Versprechen an das britische Volk halten und den Brexit umsetzen, ohne Wenn und Aber und ohne zweites Referendum."

Das No-Deal-Szenario

Wenn sich Großbritannien und die EU in den kommenden Monaten nicht auf einen Austrittsvertrag einigen, würde das Königreich die EU ungeregelt verlassen. Ein solcher No-Deal-Austritt hätte weitreichende Folgen für die britische Wirtschaft und die Bürger im Land.

Johnson versucht, die Briten zu beruhigen, und spricht von einem Stillstandsabkommen für diesen Fall: Nach seiner Vorstellung würden Großbritannien und die EU ihre Handelsbeziehungen unverändert weiterführen. Johnson behauptet, dass das internationale Handelsabkommen GATT eine solche Lösung zulasse.

Experten sehen das jedoch anders – darauf weist Hunt seinen Kontrahenten in einem öffentlichen Brief hin und sagt: "Wir müssen uns den Tatsachen stellen."

Die Ausstiegszahlungen

Auch wenn es um die mit der EU vereinbarten Ausstiegszahlungen von 39 Milliarden Pfund, knapp 44 Milliarden Euro, geht, gehen die Meinungen der beiden Kandidaten auseinander.

Boris Johnson droht damit, das Geld zurückzuhalten. Damit will er den Druck bei den Verhandlungen erhöhen.

Hunt hingegen will die vereinbarte Summe nach Brüssel überweisen. Großbritannien sei ein Land, das seine Rechnungen zahle, betonte er im Gespräch mit Sky News. Das Königreich müsse seinen gesetzlichen Verpflichtungen nachkommen, um das Vertrauen der Nachbarn zu halten.

Außerdem streitbar: die Politiker selbst

Auch wenn es um ihre Person geht, bieten beide Kandidaten Angriffsfläche: Jeremy Hunt hatte beim Referendum 2016 noch für den Verbleib in der EU gestimmt. Und auch wenn er den Ausstieg inzwischen befürwortet, hat er es als ehemaliger "Remainer" bei den Brexit-Hardlinern schwer.

Als Außenminister ist er außerdem Teil der Regierung – und somit aus Sicht seines Rivalen mit verantwortlich für das Brexit-Fiasko der vergangenen Monate. Tory und Johnson-Unterstützer Daniel Kawczynski etwa bezeichnete Hunt Ende Juni öffentlich als "Theresa May in Hosen".

Boris Johnson fällt derweil regelmäßig mit peinlichen Ausrutschern oder gar Skandalen auf: Erst vergangene Woche hatte ein Nachbar die Polizei wegen eines lautstarken Streits zwischen Johnson und seiner Lebensgefährtin gerufen.

2015 bezeichnete Johnson, damals amtierender Londoner Bürgermeister, IS-Kämpfer als "sexuell frustriert". Im selben Jahr soll er einen Londoner Taxifahrer, der wegen der starken Konkurrenz durch den Fahrdienst Uber sauer auf ihn war, angeschrien haben: "Verpiss dich und stirb".

Wegen der Brexit-Kampagne drohten ihm bis vor wenigen Wochen sogar juristische Folgen: Im Vorfeld des Referendums hatte er behauptet, dass Großbritannien wöchentlich 350 Millionen Pfund - das sind etwa 400 Millionen Euro - an die EU zahle. Diese Summe könne stattdessen in den staatlichen Gesundheitsdienst fließen.

Dass Großbritannien im Gegenzug einen erheblichen Teil des Betrags als Fördergelder zurückerhält, verschwieg er. Ein privater Kläger hatte Johnson vorgeworfen, gezielt falsche Behauptungen gestreut zu haben. Im Juni entschied der Londoner High Court, dass der Politiker sich dafür nicht vor Gericht verantworten muss.

Boris Johnson deutlicher Favorit

Trotz derartiger Vorfälle gilt Johnson als Favorit auf den Posten als Tory-Chef und nächster Premier. Auch in Umfragen liegt er immer noch vorn.

Großbritannien-Experte Stolz zufolge halten ihn viele in der Parlamentsfraktion für den besseren Wahlkämpfer. "Sie glauben, dass er ihnen ihren Wahlkreis rettet – und damit auch ihre Jobs." Bei den Wählern habe Johnson eher mit seiner populistischen Art Erfolg: "Einer, der sagt, was er denkt und der sich als einfacher Brite - als man of the people - verkauft", argumentiert der Amerikanistik-Professor.

Die beiden Politiker dürften in der TV-Debatte auf unterschiedliche Strategien setzen. "Johnson wird den Brexit in den Vordergrund stellen, denn da bewegt er sich auf sicherem Terrain", sagt Klaus Stolz. Hunt sei auf diesem Gebiet hingegen "eher etwas wackelig".

Der Außenminister werde den Fokus stattdessen auf die Charakterfrage legen: "Er wird betonen, dass das Land gerade jetzt einen verantwortungsbewussten Premierminister braucht." Hunt sei "ein Technokrat, der versucht, mit Sachkenntnissen und Professionalität zu überzeugen".

Seit 2010 ist Hunt Teil der britischen Regierung: Er war erst Minister für Kultur, Medien und Sport, dann ab 2012 Gesundheitsminister. Seit einem Jahr ist er Außenminister.

Johnson ist in Schottland unbeliebt

Welche Konsequenzen hat die Entscheidung der Tories? Johnson werde es in Verhandlungen mit der EU "ungleich schwerer haben", sagt Stolz. Der Brexit-Hardliner habe schon zu viel verbrannte Erde hinterlassen. Hinzu kommt, dass Johnson in Schottland extrem unbeliebt ist, auch bei den Konservativen. "Für den Zusammenhalt des UK wäre Johnson eine deutlich größere Gefahr als Hunt."

Der UK-Experte ist überzeugt davon, dass das britische Parlament einen No-Deal-Brexit nicht zulassen wird. Die Konservativen haben keine Mehrheit im Parlament und auch von ihnen würden sich einige gegen einen Austritt ohne Abkommen aussprechen.

Je klarer es auf einen solchen zugehe, desto wahrscheinlicher werde ein Misstrauensvotum – egal welcher Kandidat die Wahl für sich entscheidet. Stolz: "Es könnte die kürzeste Amtszeit eines britischen Premierministers werden."

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Klaus Stolz, Professor für britische und amerikanische Kultur- und Länderstudien an der Technischen Universität Chemnitz
  • BBC: Tory leadership candidates compared: Johnson v Hunt
  • BBC: Tory leadership: Backstop 'has to change or go', says Hunt
  • BBC: Brexit: What are Johnson and Hunt's plans?
  • Itv.com: Britain's Next Prime Minister: The ITV Debate
  • Boris Johnson auf Twitter
  • Jeremy Hunt auf Twitter
  • Bloomberg.com: Contenders to Lead U.K. Clash Over Parliament, Brexit and Trust
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Die Folgen eines harten Brexit

Die britische Premierministerin Theresa May hat vor dem Auftakt des informellen EU-Gipfels in Salzburg Entgegenkommen der EU bei den Brexit-Verhandlungen gefordert. Bis zum geplanten Ausstieg Großbritanniens ist nur noch ein halbes Jahr Zeit. Und noch immer gibt es dafür kein Abkommen. London hat zahlreiche Folgen skizziert, die ein sogenannter harter Brexit für die Bürger haben könnte. (ank/afp)