Sie waren die beiden Gesichter der Brexit-Befürworter - jetzt hat sich nach Boris Johnson auch Rechtspopulist Nigel Farage zurückgezogen. Um den EU-Schlamassel der Briten müssen sich andere kümmern.

Nigel Farage weiß, wie Bilder wirken. Er weiß, wann er sich als Kumpeltyp und wann als Hardliner präsentieren muss. Und er weiß, wie er einen Rücktritt als Triumph inszeniert. Er habe seinen Teil beigetragen, sagt Farage am Montagvormittag in London, als er seinen Abgang als Parteichef der rechtspopulistischen Ukip bekannt gibt.

Dann setzt er ein schelmisches Grinsen auf. "Ich könnte unmöglich noch mehr erreichen als das, was wir im Referendum bekommen haben."

Die Volksabstimmung war sein größter Erfolg. Wegen Farages Druck von rechts sah sich Premier David Cameron zu dem Referendum genötigt. Am Ende geschah das, was viele nicht für möglich gehalten hatten: 52 Prozent der Briten stimmten für den Ausstieg aus der Europäischen Union.

Seitdem herrscht Chaos im Londoner Parlamentsviertel Westminster. Labour und Tories streiten über ihr Personal und den Umgang mit dem Votum. Völlig unklar ist, ob und wie Großbritannien die EU tatsächlich verlassen soll. Intrigen werden gesponnen, Machtkämpfe ausgefochten.

Queen Elizabeth rät ihrem Volk "ruhig und gefasst" zu bleiben.

Und Farage? Auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere gibt er die Ukip-Führung ab. "Ich will mein Leben zurück", sagt der 52-Jährige in Anspielung auf den Kampagnen-Slogan "Wir wollen unser Land zurück". Sollen den Rest jetzt andere erledigen.

Damit zieht sich kurz nach der Abstimmung auch das zweite Gesicht der Brexit-Kampagne zurück - in einer Zeit, in der die Kritik an dem Votum weiter zunimmt. Vor Farage hatte bereits Boris Johnson aufgegeben und seine Ambitionen auf das Amt des Premierministers begraben.

Der Tory-Politiker hatte vergangene Woche auf eine Kandidatur für den Parteivorsitz der Konservativen verzichtet, nachdem ihm sein früherer Weggefährte Michael Gove in den Rücken gefallen war und seine eigene Kandidatur erklärt hatte.

Farage und Johnson, der Rechtspopulist und der Konservative: Beide hatten für den Ausstieg aus der EU geworben, Johnson als Frontmann der offiziellen "Leave"-Kampagne, Farage als prominenter Unterstützer. Monatelang bestimmte der Ukip-Politiker im Wahlkampf mit ausländerfeindlichen Botschaften den Ton.

Dass er nun zurücktritt, hatten viele Beobachter erwartet. Seit 1993 ist Farage Ukip-Mitglied, seit 2006 steht er den europafeindlichen Hardlinern vor. Der Brexit ist gewissermaßen seine Lebensaufgabe.

Farage war im Laufe der Jahre schon zweimal zurückgetreten, doch er kam immer wieder. Diesmal ist es möglicherweise etwas anderes. Nach dem Volksentscheid ist das Hauptziel der Ein-Themen-Partei erfüllt. Leichter wird es nun nicht.

Chaos müssen andere beseitigen

Das Chaos, das Farage und Johnson angerichtet haben, wollen sie nicht selbst beseitigen. Nach dem Abgang der beiden Zugpferde der Bewegung liegt es an anderen, die schwierigen Verhandlungen im Inland und in Brüssel zu begleiten oder zu führen.

Die Tories wollen nun entscheiden, wer anstelle von Johnson auf Premier David Cameron folgen wird. Es zeichnet sich ab, dass es Politiker sein werden, die bislang weniger für ihr lautes Gebrüll und mitunter auch nicht für ihre Brexit-Euphorie bekannt gewesen sind.

Aussichtsreichste Kandidatin ist die bisherige Innenministerin Theresa May. Die 59-Jährige hatte sich vor dem Referendum für den Verbleib in der EU ausgesprochen. Nun will sie jedoch den Brexit durchsetzen. Möglicherweise kommt es zu einem Duell um die Tory-Führung mit einer anderen Frau: Andrea Leadsom.

Bissige Reaktionen zum Rücktritt des EU-Gegners und Brexit-Wortführers.

Leadsom, eine frühere Bankerin, hatte in den vergangenen Jahren eng mit David Cameron zusammengearbeitet, um eine grundlegende EU-Reform in Brüssel durchzusetzen und Großbritannien in der Union zu halten. Als sie erkannte, dass die EU-Partner keine großen Zugeständnisse machen wollten, wechselte sie ins Brexit-Lager.

Nun drängt sie auf einen schnellen Austritt und verspricht, den Ausstiegsantrag nach Artikel 50 noch im September zu stellen.

Für Michael Gove könnte es dagegen eng werden. Nach seinem Manöver gegen Johnson hat er in der Partei viel Vertrauen eingebüßt. Ab Dienstag stimmt die Unterhausfraktion in mehreren Schritten über die fünf Tory-Kandidaten für den Parteivorsitz ab. Am Ende sollen zwei Kandidaten übrig bleiben, über die dann die Parteimitglieder abstimmen dürfen.

"Ich freue mich, dass er lächelt"

Und Ukip? Auch die Rechtspopulisten müssen nun eine neue Führung suchen. Nigel Farage will sich da jedoch - zumindest offiziell - nicht einmischen. Douglas Carswell, Farages ärgster parteiinterner Kritiker, twitterte nach dessen Ankündigung ein Smiley-Gesicht.

Farage sagte dazu: "Ich freue mich, dass er lächelt, denn das habe ich nicht sehr oft bei ihm gesehen." Carswell, einziger Unterhausabgeordneter von Ukip, will nicht selbst kandidieren.

Im EU-Parlament ist Farage seit 1999 Abgeordneter, dort will er die verbleibenden zwei Jahre seiner Amtszeit bleiben. Was er dort tun möchte, weiß er schon genau: Er werde den Verhandlungsprozess in Brüssel sehr genau beobachten, sagt er. "Vielleicht werde ich ihn ab und zu kommentieren."

Zusammengefasst: Nigel Farage will seinen Posten als Chef der rechtspopulistischen Ukip-Partei in Großbritannien abgeben. Damit zieht sich das zweite prominente Gesicht der Brexit-Bewegung zurück. Zuvor hatte bereits Boris Johnson überraschend auf die Kandidatur als Tory-Chef und Premierminister verzichtet. Das Chaos nach dem Volksentscheid müssen nun womöglich Politiker beseitigen, die eigentlich für einen Verbleib in der EU geworben hatten. © SPIEGEL ONLINE

Schottland will nach dem Brexit-Votum notfalls das Vereinigte Königreich verlassen, um in der EU zu bleiben. Der Widerstand anderer EU-Länder könnte geringer sein als gedacht.