Nach dem Brexit-Schock sind viele Fragen offen. Wann und wie soll Großbritannien aus der EU austreten? In London, Berlin und Brüssel verfolgt man eigene Interessen. Der Überblick.

"Niemand muss sich sorgen wegen unserer Entscheidung, die EU zu verlassen." Ob Andrea Leadsom selbst glaubte, was sie den Briten am Donnerstag versprach, darf bezweifelt werden. Nun will Leadsom Premierministerin werden, da ist Optimismus Pflicht. Doch dass die Mehrheit der britischen Bürger für den EU-Austritt ihres Landes gestimmt hat, hat Europa nachhaltig schockiert.

Die Korrespondenten von SPIEGEL ONLINE beschreiben die Lage.

London

Zerreißprobe - selten trifft dieses Wort die Situation in einem westlichen Staat so präzise wie derzeit in Großbritannien. Wo man nur hinschaut, zwei Wochen nach dem Brexit-Schock herrscht überall Spaltung: In der Bevölkerung, in den Parteien, in der politischen Architektur des Königreichs.

Innenministerin baut Favoritenrolle im Kampf um Cameron-Nachfolge aus.

52 Prozent der Wähler haben für den Ausstieg aus der EU gestimmt. Einige scheinen das mittlerweile zu bereuen. In Wales zum Beispiel würde laut einer YouGov-Umfrage jetzt eine Mehrheit für den Verbleib in der Europäischen Union votieren - anders als noch beim Referendum Ende Juni. In London gingen Zehntausende aus Protest gegen den möglichen Ausstieg auf die Straße.

Übergriffe auf Migranten nehmen zu

Andere wiederum nehmen das Ergebnis der Abstimmung zum Anlass, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit freien Lauf zu lassen. Nach der Volksbefragung nahmen Übergriffe, vor allem auf Migranten, zu. Die Polizei berichtet in den ersten Tagen von einer Verfünffachung der registrierten Hassverbrechen.

In Schottland sorgt das für noch mehr Befremden, als es mit Blick auf England ohnehin schon gibt. Viele Menschen im Norden der Insel begreifen sich als tolerant, integrationswillig, proeuropäisch. Eine klare Mehrheit hat sich gegen den Brexit ausgesprochen. Die Regionalregierung lotet nun aus, wie Schottland in der EU bleiben könnte. Die Forderung vieler: ein zweites Unabhängigkeitsreferendum.

Nigel Farage hinterlässt ein Machtvakuum

Und Westminster? Noch hat sich der Rauch nicht gelegt. Labour-Chef Jeremy Corbyn steht parteiintern unter Druck, Rechtspopulist Nigel Farage hinterlässt nach seiner Rücktrittsankündigung bei Ukip ein Machtvakuum - und die regierenden Tories suchen nach Tagen voller Intrigen und Zankereien einen neuen Parteichef und Premier. Der muss vor allem eines können: vereinen.

Im September fällt die Parteibasis eine endgültige Entscheidung. Egal ob Brexit-Befürworter oder -Gegner, alle Kandidaten hatten erklärt, das Abstimmungsergebnis befolgen zu wollen. Allerdings haben es nicht alle besonders eilig damit. Zwei Politikerinnen sind noch im Rennen. Während Andrea Leadsom für einen schnellen Brexit steht, will Theresa May sich auf keinen Zeitpunkt für Verhandlungen festlegen.

So ist die Zukunft Großbritanniens weiter unklar. Theoretisch ist das Parlament nicht an das Referendum gebunden. Schnelle Verhandlungen, eine monate- oder gar jahrelange Hängepartei mit ungewissem Ausgang: Nichts scheint ausgeschlossen.

Brüssel

Kaum jemand in der EU hatte ernsthaft damit gerechnet, dass die Briten wirklich für den Austritt stimmen würden. Der Schock war groß. Bald aber fand man in Brüssel in den üblichen Modus zurück. Und der lautet: Es gibt für alles ein Verfahren.

So auch hier. Artikel 50 des Vertrags von Lissabon regelt den Austritt eines Mitgliedslandes. Und die Staats- und Regierungschefs waren sich auf ihrem Post-Brexit-Gipfel am 28. und 29. Juni schnell einig, sich daran zu halten. Großbritannien muss daher zunächst das offizielle Austrittsgesuch stellen, erst dann beginnen die Verhandlungen über ein Austrittsabkommen. Und nicht andersherum, wie manche britische Politiker gehofft haben mögen.

Ball liegt bei den Briten

Die Rückzieher von Nigel Farage und Boris Johnson werfen Fragen auf.

Die Haltung der EU ist also klar: Der Ball liegt im Feld der Briten. Nachdem ein neuer Premierminister gefunden ist, soll das Austrittsgesuch so bald wie möglich in Brüssel eingehen. Vorher wird es keine Verhandlungen geben. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat nach eigener Aussage seinen Kommissaren sogar verboten, mit den Briten über den Austritt zu reden, ehe Artikel 50 aktiviert ist.

Auch bei anderen Fragen, die sich aus dem Brexit-Referendum ergeben, lautet das Motto der EU: nur nichts überstürzen. Eine Diskussion über eine Vertiefung der europäischen Integration, die etwa EU-Parlamentspräsident Martin Schulz und SPD-Chef Sigmar Gabriel fordern, wurde prompt abgewürgt.

Neuausrichtung gestaltet sich schwierig

Auch unter anderen Staats- und Regierungschefs der EU herrscht derzeit die Meinung vor, dass jetzt nicht der Zeitpunkt für eine solche Debatte ist. Ihre Befürchtung: Große Teile der Bevölkerung sehen in der EU derzeit eher das Problem als die Lösung.

Ohnehin wäre eine grundlegende Neuordnung der EU schwierig. Eine Änderung der EU-Verträge ist nur mit einstimmigem Beschluss aller Mitgliedstaaten zu machen - viele aber stemmen sich gegen eine weitere Machtverschiebung nach Brüssel. Vielmehr gibt es Forderungen, Kompetenzen in die Hauptstädte zurückzuverlagern.

Wie die EU in einigen Jahren aussehen wird, ist deshalb derzeit völlig offen.

Berlin

Brexit: Die junge Generation ist wütend - aber dürfte sich nicht beklagen.

Zwei Wochen nach der Brexit-Entscheidung hat sich die Debatte in Deutschland ein wenig beruhigt - dafür ist etwas anderes gewachsen: die Unsicherheit, wie es denn nun weitergehen soll. "Ratlos wie nie" titelt die "Zeit" in ihrer aktuellen Ausgabe.

Eine der wenigen Gewissheiten: Die Briten sind weit davon entfernt, rasch den EU-Austritt nach Artikel 50 zu erklären. Was aus deutscher Sicht allerdings bedeutet, dass sich so gut wie nichts planen lässt: Worauf hat sich die heimische Exportwirtschaft mit Blick auf den britischen Markt einzustellen? Was wird für die deutschen Banken aus dem Finanzplatz London? Und welche Art von politischer Partnerschaft gibt es künftig zwischen Berlin und London?

Deutschland hat Pläne

Mit Blick auf die künftige Gestalt der EU gibt es natürlich jede Menge Pläne in Berlin:

  • Die SPD will vor allem mit Hilfe der linken Regierungen in Rom und Paris endlich größere Flexibilität beim Stabilitäts- und Wachstumspakt durchsetzen, um mehr Investitionen in schwächelnden EU-Staaten zu ermöglichen.
  • Die Linke möchte die Europäische Zentralbank am besten gleich zu einer Art Förderbank umbauen.
  • Die Grünen fordern weitere Schritte zur europäischen Integration.
  • CDU-Chefin Merkel und ihre Partei setzen auf die Politik der kleinen Schritte und wollen die EU vor allem wieder bürgernäher machen - ohne allerdings zu sagen, wie das gehen soll.

Die Große Koalition ist sich in jedem Fall nicht einig in ihrer Antwort auf die Krise. Auch, weil die Union jegliche Vertragsänderungen für die EU ausschließt, während mancher in der SPD das für nötig hält. Damit treibt die Brexit-Entscheidung ein gutes Jahr vor der Bundestagswahl die ohnehin schon brüchige Koalition weiter auseinander.

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Brexit Debatte in Zitaten: "Ratten, die ein sinkendes Schiff verlassen"

Das Europaparlament hat am Dienstag über die Auswirkungen des britischen Brexit-Referendums auf die Staatengemeinschaft beraten. Ein Überblick der Debatte in Zitaten.

Zusammengefasst: Die Briten sollen ihr Austrittsgesuch rasch einreichen, fordern Brüssel und die anderen EU-Mitglieder. Auch die deutsche Regierung drängt darauf. Nach dem Brexit-Votum diskutiert man in Berlin zudem über die von der SPD geforderte neue Europapolitik - die die Union ablehnt. Das belastet die Große Koalition. Auch in London sind die großen Parteien mit sich selbst beschäftigt, die Tories suchen einen neuen Parteichef und Nachfolger von Premier David Cameron. © SPIEGEL ONLINE