Nach dem mutmaßlichen Einsatz von Giftgas in Syrien blickt die Weltgemeinschaft gebannt auf Amerika und Präsident Barack Obama. Der Amerika-Experte Sebastian Feyock erklärt im Interview mit unserem Portal, warum nach seiner Einschätzung Präsident Obama auch ohne UN-Mandat einen Militärschlag gegen Syrien durchführen wird und welche Interessen die USA neben dem Schutz der Menschenrechte noch im Syrien-Konflikt verfolgen.

Herr Feyock, ein Giftgaseinsatz in Syrien scheint vielen Beobachtern erwiesen. Warum zögert Obama noch, militärisch einzugreifen?

Sebastian Feyock: Die US-Regierung ist darum bemüht, eine internationale Legitimierung für einen möglichen Militärschlag zu erhalten. Aus diesem Grund haben US-Diplomaten in den vergangenen Tagen sowohl bei den Vereinten Nationen als auch bei der Arabischen Liga um Unterstützung geworben. Allerdings sieht es derzeit nicht danach aus, dass der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen einem Einsatz gegen Assad zustimmen wird. Besonders die russische Regierung steht einem Eingriff der internationalen Gemeinschaft in Syrien weiterhin entgegen.

Wird Obama dennoch eingreifen?

Ich denke, dass Präsident Barack Obama auch ohne internationale Unterstützung einen begrenzten Militärschlag gegen das Assad-Regime durchführen wird. Ursprünglich hatte Obama mit einer kleinen Allianz aus Großbritannien, Frankreich und den USA geplant. Nachdem nun die britische Regierung von einem Militärschlag absehen will, bleibt abzuwarten, ob und falls ja welche Partner sich an einer Militärmission beteiligen wollen. Bereits im vergangenen Jahr hatte Obama den Einsatz chemischer Waffen als eine "rote Linie" und deren Überschreiten als "inakzeptabel" bezeichnet. Durch den Vorfall der vergangenen Woche sieht sich die US-Regierung nun zum Handeln gezwungen.

Ist die Situation mit der vor dem Irak-Krieg zu vergleichen, als der damalige Außenminister Colin Powell der Weltgemeinschaft angeblich erdrückende Beweise für Massenvernichtungswaffen präsentierte?

Die Assoziation mit den Ereignissen vor der Irak-Invasion von 2003 liegt natürlich auf der Hand. Allerdings handelt es sich diesmal um eine andere Situation. Während es damals vor allem darum ging, Saddam Hussein zu entmachten und die Kontrolle über vermutete Massenvernichtungswaffen zu erlangen, soll es diesmal nur darum gehen, Präsident Assad für den Einsatz chemischer Waffen zu bestrafen und ihn von einem erneuten Giftgaseinsatz abzuhalten. Der Sturz Assads ist diesmal nicht das Ziel der möglichen Militäroperation.

Welche Folgen hätten mögliche Angriffe auf Assads-Truppen. Könnte das den Rebellen schneller zum Sieg verhelfen? Würde die Koalition eventuell Assad direkt ins Visier nehmen?

Auch wenn eine Verschiebung der Machtbalance nicht das Ziel eines Militärschlags sein soll, so wird die Bombardierung militärischer Einrichtungen des Assad-Regimes natürlich nicht ohne Folgen für den weiteren Verlauf des Krieges bleiben. Einen schnellen Sieg der Rebellen als Resultat daraus sehe ich jedoch nicht. Dieser wäre auch nicht im Interesse der US-Regierung, da diese befürchten muss, dass radikale und anti-amerikanische Kräfte in einer Zeit nach Assad die Oberhand gewinnen könnten.

Welche Risiken stellt ein Militäreinsatz gegen Syrien für die USA da?

Präsident Obama wird alles daran setzen, nicht dauerhaft in Syrien zu intervenieren. Es soll bei einem möglichen Militärschlag um die Bestrafung und Abschreckung Assads gehen, jedoch nicht darum, die bestehende Machtbalance im syrischen Bürgerkrieg nachhaltig zu verändern. In dieses Bild passt der Ansatz einer auf zwei Tage begrenzten militärischen Aktion. Durch den Einsatz von see- und luftgestützten Marschflugkörpern sollen die syrische Luftabwehr sowie einzelne Einheiten der Marine-, Luft- und Landstreitkräfte und deren Kommando- und Logistikzentren angegriffen werden. Der Einsatz von US-Bodentruppen wird derzeit ausgeschlossen, um eigene Verluste zu verhindern und einem dauerhaften Engagement aus dem Weg zu gehen.

Gibt es nach Ihrer Einschätzung auch Interessen jenseits der Menschenrechte, die die USA mit einem Militäreinsatz verfolgen könnten?

Ein Rückzieher Obamas zum jetzigen Zeitpunkt würde dem Assad-Regime und seinem Unterstützer Iran in die Hände spielen. Die USA sind derzeit vor allem um den Erhalt Ihrer Glaubwürdigkeit bemüht. Präsident Obama hat sich durch die Nennung der "roten Linie" selbst unter Zugzwang gesetzt. Ein Rückzieher nach den vergangenen Tagen der Kriegsrhetorik würde die internationale Glaubwürdigkeit der USA als Ordnungsmacht beschädigen.

Sebastian Feyock (30) ist seit Februar 2012 Mitarbeiter im Programm USA / Transatlantische Beziehungen der Deutschen Gesellschaft für auswärtige Politik e.V.. Er ist als wissenschaftlicher Referent für den Gesprächskreis Transatlantische Beziehungen sowie für die Projektgruppe Nichtverbreitung von Massenvernichtungswaffen und sensitiven Technologien zuständig. Er studierte Politikwissenschaft und Philosophie an der Universität Greifswald und hält einen M.A. in Friedens- und Konfliktforschung der Philipps-Universität Marburg.