Ali Mahlodji träumte von einem Handbuch mit Lebensgeschichten, um sich in der Arbeitswelt orientieren zu können. Er verwirklichte "Whatchado", um vor allem Jugendliche zu inspirieren.

An Selbstbewusstsein mangelt es Ali Mahlodji nicht: "Ich bin eigentlich ein Superheld. Ich hab' zwar keine Haare am Kopf und ein bisserl einen Bauch, aber ich wollte mein ganzes Leben lang die Welt retten!"

Der 36-Jährige mit Vollbart steht mit Jeans und Kappe auf der Bühne einer Innovations-Konferenz und will sein Publikum motivieren. Er hat nach mehr als 40 verschiedenen Jobs den Sprung zum erfolgreichen Unternehmer geschafft.

Berufsführer nach dem Dating-Prinzip

Mit seiner Firma will er Schülern Orientierung für die Berufswelt geben. Dabei greift er auf die Tricks von Dating-Apps zurück. Das 2012 von ihm in Österreich gegründete Portal "Whatchado" ist eine Art Video-Berufsführer mit vielen Lebensgeschichten aus der Arbeitswelt.

Interessierte können ähnlich wie bei Datingportalen persönliche Präferenzen angeben und bekommen dann eine individualisierte Auswahl aus mehr als 6000 Interviews ausgespuckt.

Dabei sind Geschäftsführer großer Firmen genauso wie U-Bahnfahrer und Pflegekräfte. Alle, selbst Promis und der ehemalige österreichische Bundespräsident Heinz Fischer, beantworten dieselben sieben Fragen.

Bis zu 140 neue Videos werden im Monat auf die Plattform hochgeladen. Für 800 bis 900 Euro pro Stück können Arbeitgeber Beiträge kaufen. Geschönte Unternehmenssprache ist verboten, sonst wird der Dreh abgebrochen.

Markennamen seien zwar oft bekannt - junge Menschen bewerben sich aber nicht, weil sie nicht wissen, was sie erwartet.

Einige Geschichten aus dem Arbeitsalltag

Auch fast 90 deutsche Unternehmen nutzen die Plattform aktuell. So lässt sich ein Berliner Polizist der Mordkommission in die Karten blicken. "Ermittlungen sind zwar manchmal schwierig, aber je schwieriger, desto schöner der Erfolg", sagt Guido Busch.

Negativ am Job sei, dass das Privatleben oft zu kurz komme. Seinem 14-jährigem Ich würde er raten: "Ein bisschen mehr für den Körper tun und weniger feiern."

Marcus Schmidt, ein Industriekletterer in einem Vergnügungspark, findet Gefallen am sportlichen Aspekt seines Berufs. "Das Coolste an meinem Job ist, dass man teilweise in 107 Metern Höhe arbeitet." Wegen der Tätigkeit in den Seilen würden allerdings oft die Beine einschlafen.

Die Leiterin einer Münchner Kinderkrippe, Ulrike Steiner, liebt die Vielfältigkeit im Zusammensein mit den Kleinsten. Negativer Punkt ist der Lohn: "Das ist, glaube ich, in allen sozialen Berufen so, dass die Bezahlung ein bisschen hinterherhinkt."

Mahlodji: "Ich war ein Fehler im System"

Die größte Motivation von Gründer Mahlodji: Jugendlichen, die sonst von allen abgeschrieben werden, zu einer eigenen Vision zu verhelfen. Denn er selbst steckte in ihren Schuhen: "Ich war ein Fehler im System", sagt er.

Er kam als zweijähriges Flüchtlingskind aus dem Iran nach Österreich. Nach der Scheidung der Eltern begann Mahlodji zu stottern, seine Noten verschlechterten sich. Ein halbes Jahr vor dem Abitur schmiss er die Schule hin.

"Vorname Ali, Nachname unaussprechlich, Flüchtling, Ausländer ... und jetzt auch noch der Titel "Schulabbrecher" in der Trophäensammlung", schreibt er in seinem Buch "Und was machst du so?" darüber.

Seine Mutter gab ihm einen Monat Zeit, um sich einen Job zu suchen und auf eigenen Beinen zu stehen. "Ich war mir für nichts zu schade und stolz darauf."

Er arbeitete auf dem Bau und im Supermarkt, im Kino und als Lehrer, trug Zeitungen aus und putzte. Wegen der steten Unsicherheit in seinem Leben kann er nach eigenen Aussagen deutlich besser mit Veränderung umgehen.

Diese Wandelbarkeit von Flüchtlingen sollte seiner Meinung nach von Arbeitgebern als Stärke viel besser genutzt werden. "Das Leben ist keine gerade Linie."

Er holte einen akademischen Abschluss im zweiten Bildungsweg nach - erlitt aber auch einen Burnout.

Das rät Mahlodji Jugendlichen

Jetzt ist er wieder voll in der Erfolgsspur. 40 Angestellte arbeiten aktuell für "Whatchado". Gute Stimmung, viel Verantwortung, bezahlte weiße Turnschuhe und gemeinsame Firmenurlaube seien im Job inbegriffen, wie es sich für ein gutes Start-up gehört.

Auch Mahlodji selbst ist nie um einen lockeren Spruch verlegen. Am Zeigefinger hat er einen Schnurrbart tätowiert - das wirkt gut auf Fotos. Auf sozialen Medien hält er seine Follower auf dem Laufenden.

Seinen Fokus setzt Mahlodji auf Vorträge im deutschsprachigen Raum. Er spricht vor ausgebrannten Lehrern genauso wie vor Konzernchefs. Mehr als 180 Reden waren es im Vorjahr, 70 Vorträge an sogenannten Problemschulen. Meist sind dabei nicht mal die Reisekosten gedeckt. Aber die Antworten der Schüler seien Belohnung genug.

"Dank dir habe ich endlich einen Karriereweg vor Augen, den ich voller Motivation auch gehen werde", heißt es in einer der zahlreichen Nachrichten an Mahlodji. Seine Vorträge in ungeschönter Sprache haben mit herkömmlicher, oft spröder Berufsberatung nur wenig zu tun.

Seine wichtigste Lektion an die Jugendlichen, die mit Startnachteilen zu kämpfen haben: "Sofort raus aus der Opferrolle und so bald wie möglich besser Deutsch sprechen als ein durchschnittlicher Österreicher."

Nutzt alles, was das neue Land euch zu bieten hat und seid froh, überlebt zu haben, laute seine Botschaft. Zeit für Selbstmitleid sei verschwendet.  © dpa

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