Seit mehr als 15 Jahren herrscht Krieg in Afghanistan. Drei Tage lang halten Taliban und Regierung eine Feuerpause ein - mit ungeahnten Folgen: Landesweit gibt es fast surreale Szenen der Verbrüderung. Verlängern wollen die Taliban die Feuerpause nicht. Dennoch: Der kurze Frieden hat sie moralisch in die Enge getrieben.

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Die erste landesweite Feuerpause in Afghanistan seit mehr als 15 Jahren hat auch am dritten Tag weitgehend gehalten. Sie wurde von Millionen Afghanen begeistert gefeiert.

Dabei kam es auch am Sonntag zu nachgerade surrealen Szenen der Verbrüderung von Taliban und Staatsvertretern, die in krassem Kontrast standen zu Monaten äußerst blutiger Auseinandersetzungen.

Allein seit Mai starben pro Woche oft mehr als 100 Menschen

Allein seit Beginn ihrer Frühjahrsoffensive im Mai hatten es die Taliban geschafft, kurz eine Provinzhauptstadt einzunehmen, mehrere Bezirke zu erobern und pro Woche mitunter mehr als 100 Soldaten und Polizisten zu töten.

Auf zwei Treffen von Taliban und Regierungsvertretern zur Feier des Waffenstillstandes wurden am Samstag und Sonntag in der Provinz Nangarhar allerdings Anschläge verübt.

Mindestens 54 Menschen wurden getötet und 114 weitere verletzt. Zum Anschlag vom Samstag bekannte sich die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Nangarhar ist ihre Hauptbasis.

Terrormiliz IS ist mit den Taliban verfeindet

Der IS ist mit den Taliban verfeindet und wollte die erfolgreiche Friedensinitiative zum Abschluss des Fastenmonats Ramadan offenbar sabotieren.

Taliban und Regierung aber hielten sich an ihre Versprechen, nicht zu kämpfen. In der westafghanischen Provinz Herat traf der Polizeichef am Wochenende Taliban für eine freundliche Unterhaltung.

In Kabul und anderen Städten fuhren zerrupft aussehende, langhaarige Kämpfer mit schwarzen Turbanen auf Motorrädern durch die Straßen und hielten für Fotos und Unterhaltungen mit strahlenden Anwohnern.

Eine auf sozialen Medien viel verbreitete Geschichte war die von Taliban, die in Kabul nach dem Weg zu den Eisdielen von Baharistan fragten. Die Eismacher aus diesen Viertel sind berühmt im Land.

Chancen auf Frieden sind dennoch dünn

Die Chancen, dass das Blutvergießen ganz aufhört oder dass der Waffenstillstand zu Friedensverhandlungen führen könnte, erscheinen aber dünn.

Ermutigt vom Erfolg der ersten zwei Tage hatte Präsident Aschraf Ghani noch am Samstagabend die Feuerpause der Regierung einseitig verlängert und Verhandlungen angeboten. Die USA, die EU, die UN und viele Regierungen begrüßten die Geste sofort.

"Was für ein bemerkenswerter Tag und was für ein mutiges Angebot von Aschraf Ghani", twitterten Angehörige der deutschen Botschaft in Kabul in der Nacht. "Wir erwarten von den Taliban, dasselbe zu tun."

Taliban lehnen Verlängerung der Feuerpause ab

Aber die Taliban lehnten am Sonntag ab. Ein Sprecher sagte: "Wir planen keine Verlängerung des Waffenstillstandes. Er endet heute."

Der ehemalige Taliban-Beamte Wahid Muschda sagte der Deutschen Presse-Agentur, die Feuerpause habe an der generellen Haltung der Taliban nichts geändert. "Sie halten die afghanische Regierung für eine Einrichtung von Ausländern, und sie haben ja in ihrer Erklärung zum Eid-Fest schon gesagt, dass sie immer noch nur mit den USA sprechen wollen."

Die sehen die Taliban als den Hauptverantwortlichen für die "Besatzung".

Interessant war eine Anweisung der Taliban-Chefetage an die Kämpfer, nicht mehr in die Städte zu gehen und sich mit Soldaten oder Zivilisten zu treffen. Begründung war der Anschlag auf eine Friedensfeier am Samstag.

Es gab auch Kritik am Waffenstillstand

Einige Beobachter lasen da am Sonntag angesichts der sichtlichen beiderseitigen Freude an dieser Kampfpause auch Sorge vor einer Demoralisierung der Fußsoldaten heraus. "Je näher sich die Menschen kommen, desto schwieriger wird es, grausam zu sein", twitterte einer.

Aber auch aufseiten der Regierung und der Bevölkerung gab es Kritik am Waffenstillstand - ein Hinweis darauf, wie kompliziert es ist, in Afghanistan einen Konsens für Wege Richtung Frieden zu finden.

Der einflussreiche ehemalige Geheimdienstchef Amrullah Saleh und der bekannte politische Analyst Dschawed Kohistani warnten angesichts der Taliban-Besucher in den sonst abgeschotteten Städten vor einer "Masseninfiltrierung". Das könne gefährlich werden, sobald der Waffenstillstand ende.

Der erste Hoffnungsschimmer seit einem Jahrzehnt

In der Bevölkerung haben aber drei Tage Frieden eine riesigen Appetit auf mehr geschaffen. "Es ist das erste Mal in zehn Jahren, dass ich Hoffnung habe", schrieb ein prominenter Journalist.

Hunderte verlangten in Medien und sozialen Netzwerken nach einem Ende des Blutvergießens.

Die Taliban sind moralisch schon in der Defensive, seitdem Präsident Ghani ihnen im Februar ein umfassendes Friedensangebot gemacht und sie ihre Offensiven daraufhin noch intensiviert hatten. Die drei Tage Frieden zum Eid-Fest haben den Druck erhöht, sich doch noch zu bewegen.

Deutschland regt Gespräche mit Taliban an

Deutschlands Außenminister Heiko Maas rief angesichts der Reaktion der afghanischen Bevölkerung zu Friedensgesprächen mit den radikalislamischen Taliban auf.

"Aus Afghanistan erreichen uns aufsehenerregende Bilder vom Fest des Fastenbrechens", erklärte Heiko Maas dem Außenministerum zufolge am Sonntag.

"Taliban und Regierungssoldaten beten gemeinsam, umarmen sich unter dem Applaus der Bevölkerung. Ein von jahrzehntelanger Gewalt gezeichnetes Land fasst Hoffnung, dass Frieden möglich ist."

Präsident Aschraf Ghani hatte am Samstag die Feuerpause von Regierungsseite um neun Tage verlängert. Dies bezeichnete Maas mutigen Schritt, der Unterstützung der internationalen Gemeinschaft verdiene.

Er rufe nun beide Seiten auf, "in unmittelbare Friedensgespräche einzutreten", erklärte Maas. "Alle Themen liegen auf dem Tisch: Auch die künftige zivile und militärische Rolle der internationalen Partner Afghanistans." Deutschland werde den Friedensprozess nach Kräften unterstützen.(ank/dpa)

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