Der ägyptische Übergangspräsident Mansur hat wegen der schweren Unruhen den Notstand ausgerufen. Bei Straßenschlachten sind landesweit fast 150 Menschen ums Leben gekommen. Über 1.400 wurden verletzt. Nach Angaben der Muslimbrüder sollen sogar 250 Menschen ums Leben gekommen sein.

Nach Beginn der Räumung von Camps der Muslimbrüder kam es in mehreren Provinzen zu gewalttätigen Übergriffen radikaler Islamisten. Auf dem Sinai stürmten bewaffnete Männer mehrere öffentliche Gebäude. In Oberägypten griffen Islamisten nach Darstellung christlicher Aktivisten drei Kirchen an. In der Innenstadt der Touristenstadt Luxor protestierten rund 300 Demonstranten gegen die Polizeigewalt.

Das Innenministerium ordnete die Einstellung des Zugverkehrs in ganz Ägypten an. Augenzeugen berichteten, die Polizei habe in Kairo Tränengas-Granaten und Gummigeschosse abgefeuert. Die Islamisten hätten Steine und Flaschen auf die Polizei geworfen. Ein dpa-Reporter sah, wie Demonstranten im Nasr-City-Viertel auf Polizisten feuerten.

Das Innenministerium teilte drei Stunden nach Beginn der Operation mit, die Polizei habe den Al-Nahdha-Platz im Stadtteil Giza unter Kontrolle gebracht. Rund um die Rabea-al-Adawija-Moschee in Nasr-City hielten sich zu dem Zeitpunkt noch zahlreiche Demonstranten auf. Die Muslimbruderschaft sprach von einem "Massaker". Die Übergangsregierung hatte der Polizei vergangene Woche grünes Licht für die Räumung der beiden Lager gegeben. Die Islamisten hatten die Zeltlager errichtet, um zu erzwingen, dass Präsident Mohammed Mursi wieder als Staatschef eingesetzt wird.

Eiszeit statt Arabischer Frühling

Das Militär hatte Ägyptens Präsident am 3. Juli nach nach nur einem Jahr Amtszeit gestürzt. Seitdem stehen sich seine Anhänger und Gegner unversöhnlich gegenüber. Die Hoffnungen der westlich geprägten Oberschicht und weiter Teile der Jugend auf eine Demokratie nach westlichem Vorbild haben sich ebenso wenig erfüllt wie der Wunsch der Muslimbrüder nach einem liberalen Gottesstaat.

Ein Ausgleich zwischen diesen beiden Zukunftsvisionen ist kaum mehr vorstellbar: Es ist zu befürchten, dass das Militär in Ägypten dauerhaft an der Macht bleiben wird - der Aufbau einer Zivilgesellschaft wird so lange ebenfalls nicht in Gang kommen. Was einst hoffnungsvoll als Arabischer Frühling begann, droht in einer langen Eiszeit zwischen den verfeindeten gesellschaftlichen Gruppen zu enden. (jfi)