Schüsse des Militärs auf Demonstranten, Plünderer und offenbar gut organsierte Banden von Islamisten, die mit Maschinengewehren bewaffnet durch Kairo ziehen: Ägypten steht vor einem Bürgerkrieg. Übergangspräsident Mansur ruft wegen der Unruhen den Notstand aus.

Die Zahl der Toten bei den Unruhen in Ägypten steigt und steigt. Arabische Medien berichteten am Mittwochabend unter Berufung auf das Gesundheitsministerium, 278 Menschen seien landesweit ums Leben gekommen, darunter 43 Angehörige der Sicherheitskräfte.

2.001 Menschen sollen verletzt worden sein. Das Gesundheitsministerium hatte zuvor von mindestens 149 Toten gesprochen. Die Muslimbrüder gehen von deutlich mehr Opfern aus. Angaben, die kaum seriös überprüft werden können - die Opferzahlen dürften jedoch noch weiter steigen.

Szenen wie im Bürgerkrieg

Ägypten droht im Chaos zu versinken. Hunderte von Demonstranten fliehen, während die Polizei Tränengas-Granaten auf ein Zeltlager in Kairo abfeuert. Steine prasseln wie Hagelkörner auf die schwarzen Helme der Einsatzkräfte der Ordnungspolizei. Die ersten Schwerverletzten werden in ein Feldlazarett getragen. Die Polizei ist überrascht vom heftigen Widerstand der Islamisten, die auch Schusswaffen einsetzen. Sie erhält Unterstützung von der ägyptischen Armee, die das Geschehen in den Zeltlagern von Helikoptern aus beobachtet.

In den umliegenden Straßen formieren sich währenddessen Bürgerwehren von Anwohnern, die Holzlatten tragen. Sie wollen verhindern, dass ihre Geschäfte und Wohnhäuser bei den Zusammenstößen zwischen den Islamisten und Polizisten beschädigt werden. Sechs Stunden nach Beginn des Polizeieinsatzes in Kairo hat die Polizei den Al-Nahda-Platz im Stadtteil Giza geräumt. Das Protestlager in Nasr-City ist auf etwa 20 Prozent seiner bisherigen Größe zusammengeschrumpft. Hier errichten junge Männer in Windeseile neue Barrikaden aus Sandsäcken und Schrott.

Am Mittag greifen die gewaltsamen Proteste dann auf andere Landesteile über. In einigen Provinzstädten stürmen Islamisten öffentliche Gebäude. Ihre Aktionen wirken nicht spontan, sondern zentral organisiert. In Al-Arisch rücken die Islamisten sogar mit Waffen an. In Oberägypten brennen Kirchen.

Der Arabische Frühling ist weit weg

Seit dem Sturz von Präsident Mursi stehen sich Anhänger und Gegner der Muslimbrüder immer unversöhnlicher gegenüber. Die Hoffnungen auf demokratische Strukturen nach westlichem Vorbild haben sich ebenso wenig erfüllt wie der Wunsch der gemäßigten Islamisten nach einem liberalen Gottesstaat. Der radikalere Teil der Islamisten könnte sich bald in den Untergrund zurückziehen - Al Kaida steht auch am Nil schon in den Startlöchern. (jfi)