Seit dem Sommer hat der IS große Gebiete im Irak und in Syrien unter seiner Kontrolle. Doch nun ist der Kampf um die Rückeroberung einiger Städte entbrannt. Nach der Befreiung von Kobane fragen sich viele: Ist das der Beginn des Rückzugs der Terrormiliz? Ein Gespräch mit Magdalena Kirchner von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik über entscheidende Schlachten, verlorene Moral und fragwürdige Koalitionen.

Frau Kirchner, Sie sind Nahostexpertin und haben in den Gefechten der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in Syrien und dem Irak noch nicht den Überblick verloren. Welche Gebiete sind aktuell unter deren Kontrolle?

Magdalena Kirchner: Im Zuge des Bürgerkriegs operierte der "Islamische Staat" (IS) seit April 2013, damals noch unter dem Namen ISIS, in Syrien und konnte sich relativ schnell im Nordosten etablieren. Bevor er in den ersten Monaten 2014 von anderen Rebellengruppen zurückgedrängt worden war, waren IS-Kämpfer in allen nördlichen Provinzen und dem türkischen Grenzgebiet aktiv. Dort liegen auch die wichtigen Städte Aleppo und Rakka. Bei der Eroberung der Gebiete war man, wie auch im Westen des Iraks, wo es schon 2013 Kämpfe zum Beispiel um Falludscha gegeben hatte, strategisch vorgegangen, also vor allem entlang der Flüsse Euphrat und Tigris. Nach der Offensive im vergangenen Sommer im Irak konnte der IS wieder bis nach Aleppo vorrücken und stieß auf irakischer Seite bis kurz vor Bagdad vor.

Ist ein Angriff auf Bagdad für den IS überhaupt möglich?

Eine Einnahme Bagdads ist sehr unwahrscheinlich, auch weil bisherige Angriffe zum Beispiel auf den Flughafen auch mit Hilfe US-amerikanischer Kräfte erfolgreich abgewehrt wurden. Dennoch wird die Stadt immer wieder von Bombenanschlägen mit vielen Toten erschüttert, was zeigt, dass der IS dort durchaus eine gewisse Präsenz hat, beispielsweise durch sogenannte Schläfer.

Einige der Gebiete haben die kurdischen Peschmerga zurückerobert. So gelang etwa die Befreiung von Kobane. Ist der IS damit ein entscheidendes Stück zurückgedrängt?

Kobane war schon ein entscheidender Verlust. Die Befreiung der Stadt hat die Offensive des IS zum Stocken gebracht. Dass man zeigen konnte, dass der IS nicht unbesiegbar und unaufhaltsam ist, ist auch für die Moral der Peschmerga enorm wichtig. Deshalb war die Befreiung eine wichtige Botschaft für all diejenigen, die sich dem IS entgegen stellen. Zumal die Terrormiliz viele Ressourcen in den Kampf um Kobane investiert hat. Trotzdem darf man die Rückeroberungen nicht überbewerten. Das Territorium, das der IS bisher verloren hat, ist im Vergleich zu ihren Eroberungen immer noch sehr klein.

Trotzdem scheint der IS geschwächt. Denn die syrische Stadt Aleppo zu erobern, ist auch der Terrormiliz nicht gelungen. Wie wichtig ist die Stadt strategisch gesehen für den IS?

Aleppo gilt generell als entscheidende Stadt im syrischen Bürgerkrieg. Dort stehen einer Eroberung nicht nur die Freie Syrische Armee und kurdische Gruppen, sondern auch die Streitkräfte des Assad-Regimes im Wege. Hier ist auch die syrische Luftwaffe sehr aktiv. Aleppo militärisch vollständig zu erobern, ist bisher noch keiner Partei gelungen. Wegen der Grenznähe zur Türkei können die dort kämpfenden Rebellen immer wieder mit Nachschub versorgt werden, und man kämpft um jeden Stadtteil. Jüngste Initiativen versuchen, den Konflikt dort "einzufrieren" - wobei der IS dabei nicht Teil der Verhandlungen ist - um so ein Zeichen zu setzen, wie man den Bürgerkrieg dort lösen könnte.

Kurdische Kämpfer planen nun offenbar die Befreiung von Tal Abjad, eine der Hochburgen des IS. Kann dieser Feldzug überhaupt gelingen?

Es lässt sich noch nicht abschätzen, wie groß die Anstrengungen des IS angesichts der vielen Fronten sein wird, die Stadt zu halten. Wahrscheinlich wird man auch wie bei Kobane nicht ohne unterstützende Luftangriffe auskommen können und die große Nähe zur Türkei ist natürlich nicht unproblematisch. Es wird sicher zu einem Angriff kommen, weil die Kurden ihre zuvor verlorenen Gebiete um jeden Preis befreien wollen und in Tal Abjad sind viele von ihnen gestorben oder vertrieben worden. Ob sie dabei erfolgreich sein werden, hängt auch von der internationalen Unterstützung ab.

Die irakische Armee plant eine Großoffensive gegen Mossul, in den vergangenen Tagen stand die Stadt unter schwerem Luftbeschuss. Wie lange kann der IS die Stadt noch halten? Und was würde ihr Verlust für den IS bedeuten?

Mossul ist eine wichtige Stadt für den IS, repräsentiert sie doch den ersten großen militärischen Sieg der Miliz. Unterstützung fanden sie damals jedoch durch Oppositionsbewegungen, vor allem einige sunnitische Stämme, gegen die Regierung in Bagdad. Im Umkehrschluss kann Mossul also nur erobert werden, wenn diese Allianz bricht. Dies ist unwahrscheinlich, wenn man also mit schiitischen und kurdischen Streitkräften gegen die Stadt zieht und die Bevölkerung dort Angst vor Rachefeldzügen haben muss. Natürlich ist es militärisch möglich, Mossul mit geballter Kraft zurückzuerobern. Das ginge aber mit zivilen Opfern einher, was wiederum die Unterstützung für den IS erhöhen könnte.

Kann man angesichts dieser Pläne und der bereits zurückeroberten Städte von einem Rückzug oder gar einer Niederlage des IS sprechen?

Militärisch gesehen befindet sich der IS momentan in einer Schwächephase. Auch zeigen jüngste Erscheinungen wie Hinrichtungen in den eigenen Reihen, dass es Risse innerhalb der Organisation gibt. Aber es wäre zu früh, von einer Niederlage zu sprechen. Der IS ist längst noch nicht besiegt. Außerdem geht die Ideologie des globalen Dschihadismus von zwei Fronten aus: Wenn der IS auf regionaler Ebene zurückgedrängt wird, könnte der Druck auf die Zellen in Europa erhöht werden, Einzelanschläge außerhalb der Region auszuführen. Die Folge wären weitere Anschläge, wie wir sie in Brüssel und jüngst in Paris erlebt haben.

Wo könnte man den IS am empfindlichsten treffen?

Wichtig wäre jetzt vor allem, dass die militärische Kampagne nicht abgebrochen wird und politische Strategien entwickelt und umgesetzt werden. Mit Kobane ist es nicht getan. Weitere Städte müssen befreit werden, um unsere Ernsthaftigkeit zu demonstrieren. Doch nicht nur militärisch gilt es, die Anziehung, die der IS auf so viele junge Menschen ausübt, zu verringern. Hier können wir auch in Europa ansetzen. Viele IS-Kämpfer aus Europa kehren desillusioniert und traumatisiert zurück. Deren Geschichten könnte man beispielsweise als Fehlschläge des IS öffentlich machen und ihm so das Momentum nehmen. Bislang ist der IS mit der Veröffentlichung seiner grausamen Videos der handelnde Akteur und zwingt uns zur Reaktion. Dem können wir entgegenwirken und die Geschichte wieder in unsere Hände nehmen.

Magdalena Kirchner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Deutschen Atlantischen Gesellschaft sowie Redakteurin des Readers Sicherheitspolitik, der im Auftrag des Verteidigungsministeriums und des Generalinspekteurs der Bundeswehr erscheint. Sie promovierte zu Ursachen und Ausprägung staatlicher Allianzpolitiken mit terroristischen Organisationen im Nahen und Mittleren Osten.