Die Hiobsbotschaften für den sogenannten "Islamischen Staat" (IS) reißen nicht ab: Die Terrororganisation verliert weiter Gebiete, Kämpfer und Geld. Manche stimmen schon einen Abgesang auf die Dschihadisten an, andere sehen in der vermeintlichen Schwäche eine Gefahr. Steigt in Europa die Wahrscheinlichkeit von Terroranschlägen?

"Wenn ein wildes Tier stranguliert wird, kämpft es wild, tritt um sich und schreit, um den Tod zu verhindern. Es hofft, einen Ausweg zu erzeugen, um nicht zu sterben." Man kennt solche Sätze aus Dokumentationen über Wölfe, Löwen & Co. Aber Clint Watts, Terrorexperte am Foreign Policy Research Institute in Philadelphia, bezog sich mit seiner Einschätzung auf den sogenannten "Islamischen Staat" (IS).

Terrormiliz wird zurückgedrängt. UN warnt deswegen vor Anschlägen.

Durch die Rückschläge der letzten Monate - darunter der Verlust strategisch wichtiger Orte wie Sindschar, Ramadi und Palmyra - gerieten die Dschihadisten enorm unter Druck. Aktuell ist der IS durch einen Teilverlust seiner libyschen Hochburg Sirte sowie Angriffe auf seine inoffizielle syrische Hauptstadt Rakka weiter in die Defensive geraten.

Außerdem trocknet die US-geführte Allianz zunehmend erfolgreich die Finanzströme der Terrorgruppierung aus: Der Sold der Kämpfer musste bereits erheblich gekürzt werden. Wie werden die Dschihadisten auf diese Rückschläge reagieren?

Terror soll Rekruten anlocken

Experten befürchten vor allem in Europa weitere Terroranschläge - wie zuletzt in Pakistan, dem Irak und der Türkei. "Die Gruppe muss dringend Zeichen des Erfolges präsentieren, um internationale öffentliche Unterstützung sicherzustellen", analysierte Experte Watts nach den Brüsseler Anschlägen im März im Magazin "Foreign Policy". Auch der Buchautor Bruno Schirra glaubt, dass die selbsternannten Gotteskrieger durch äußeren Terror von ihren inneren Gebietsverlusten ablenken wollen.

Deutschland werde – wie Paris und Brüssel – früher oder später von einem Anschlag getroffen werden, prophezeite Schirra kürzlich im Gespräch mit unserer Redaktion. Erst vor wenigen Tagen waren vier mutmaßliche IS-Unterstützer festgenommen worden, die mit einem Attentat in der Düsseldorfer Altstadt beauftragt worden war. Eine geheime IS-Spezialeinheit mit dem Namen "Externe Operationen" soll ausdrücklich für die Rekrutierung von Attentätern und die Planung von Anschlägen in Europa ins Leben gerufen worden sein.

Das sei "eine Strategie, die der IS nun verfolgt, um - gerade durch zivile Opfer - weiter auf sich aufmerksam zu machen", sagte uns der Nahost-Experte Günter Meyer. Auf potenzielle neue Rekruten üben tödliche Anschläge, die für sie Macht und Stärke symbolisieren, häufig eine enorme Faszination aus.

Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande bestätigte dieser Tage, dass die EM 2016 durch den Terror bedroht sei. Die Sicherheitslage ist seit Monaten angespannt. Wir haben mit einem vielgereisten deutschen Fußball-Fan über die Sorgen vor einem Terroranschlag gesprochen, aber auch über mögliche Ausschreitungen durch Hooligans und das richtige Verhalten während des Turniers.

500 Tote durch Anschläge

Islam-Kenner Schirra, Autor des Buches "ISIS – Der globale Dschihad. Wie der 'Islamische Staat' den Terror nach Europa trägt", äußert sich angesichts der zunehmenden Terrorgefahr über den angeblichen Niedergang des IS eher skeptisch. Selbst der potenzielle Verlust von Rakka und seiner irakischen Machtbasis Mossul käme für den Experten keiner entscheidenden Schwächung gleich. Warum?

Der "Islamische Staat" habe sich in Ägypten, Jemen, Libyen und vielen anderen Ländern etabliert. "Sein Gedanke, Unsicherheit und Terror zu verbreiten, ist in der Welt. Die territorialen Verluste stärken den Gedanken eher noch", vermutet Schirra. Nichtsdestotrotz befindet sich der IS durch Gebietsverluste und finanzielle Einbußen in einer Krise, die sich nach Berichten negativ auf die Kampfmoral seiner Söldner auswirken soll. Wie groß die Krise tatsächlich ist, darüber streiten die Beobachter.

Von ihrer Gefährlichkeit hat die Miliz jedenfalls wenig eingebüßt. Allein in den vergangenen sechs Monaten starben bei IS-Attentaten in elf Ländern mehr als 500 Menschen. Die Gefahr durch "komplexe, mehrstufige und internationale Angriffe" habe sich erhöht, sagt Jeffrey Feltman, der Politikchef der Vereinten Nationen.

IS: Ramadan zu Anschlägen nutzen

Der Zusammenhang zwischen den militärischen Niederlagen und der Zunahme von Terrorakten wird jedoch nicht von allen Beobachtern geteilt. "Die Anschläge im Ausland sind schon lange Teil der Politik des IS", sagte uns der Friedensforscher Jochen Hippler. Sie seien von Anfang an ein wichtiges Mittel gewesen, um ausländische Kämpfer zu werben. In der Phase der großen Erfolge, aber auch noch in der derzeitigen Schwächephase.

Klein beigeben wollen die Dschihadisten ganz offensichtlich nicht: Nach Angaben des Bundesamtes für Verfassungsschutz hat der "Islamische Staat" dazu aufgerufen, den Fastenmonat Ramadan zu Anschlägen im Westen zu nutzen. Die Fußballstadien bei der Europameisterschaft in Frankreich gleichen nicht umsonst Hochsicherheitszonen.

Schon in der Vergangenheit hatte die Miliz auf Rückschläge offensiv reagiert. Durch die Einführung neuer Gefechtstaktiken in Syrien, die Ausweitung der Kampfzonen im Irak sowie neue Propagandamethoden zur verstärkten Rekrutierung in der afrikanischen Sahelzone. Und eben durch die Forcierung von Terroranschlägen.