Die Marienstraße 54 in Hamburg-Harburg - nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 Deutschlands bekanntestes Haus. Hier hatten Todespilot Mohammed Atta und seine Komplizen gewohnt und studiert. Über Nacht wurde die beschauliche Straße zur «Terrorstraße».

Hamburg (dpa) - Alles beginnt mit einer falschen Adresse: Um 18.35 Uhr am Abend des 12. September 2001 schickt die Polizei einen Funkstreifenwagen zum Martin-Leuschel-Ring Nr. 54 in Hamburg-Harburg. Eigentlich war von einer Martinstraße die Rede, aber die gibt es nicht. «Hausnummer definitiv nicht vorhanden, Lage ruhig, bislang keine Pressevertreter festgestellt», heißt es vom Leuschel-Ring zwölf Minuten später. 19.10 Uhr schließlich gibt Polizeisprecher Jörg Lauenroth den entscheidenden Hinweis ans Lagezentrum weiter: eine Anschrift, ebenfalls in Harburg: Marienstraße 54. Diesmal ist die Hausnummer vorhanden - und die Presse schon da.

Hier, in dem unscheinbaren Mehrfamilienhaus haben sie gewohnt, als Mohammed Atta, Ramzi Binalshibh und Said Bahaji vor zehn Jahren mit ihren Komplizen die bislang schlimmsten Terroranschläge der Welt ausheckten. Hier, in der 58 Quadratmeter großen Wohnung in der ersten Etage des vierstöckigen Nachkriegsbaus haben sie gebetet, gelernt und - gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Hamburger Terrorzelle - die Anschläge vom 11. September in den USA geplant. Drei Zimmer, Küche, Bad dienten Atta und seinen Komplizen als Quartier in dem Arbeiterviertel, in dem sie ein unauffälliges Leben führten.

Atta, der als Kopf der Gruppe galt, saß im American-Airlines-Flug 11, der Maschine, die das World Trade Center in New York als erste traf. Um 8.46 Uhr Ortszeit lenkte er das Flugzeug in den Nordturm der Twin Towers. Die Anschläge der Al-Kaida-Terroristen, die an jenem Dienstag mit vier Flugzeugen die USA angriffen, kosteten etwa 3000 Menschen das Leben.

Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD), damals Innensenator, war gerade im Einwohnerzentralamt. «Es ging um Einbürgerungen und um ausreisepflichtige Straftäter», erinnert er sich an den 11. September. «Gegen drei klingelte mein Handy. Der Führungsdienst der Polizei war dran. Der Nordturm des World Trade Center brenne. Möglicherweise habe es einen Anschlag gegeben.»

Noch lange habe er am Abend mit seiner Frau darüber geredet, sagt er. «Viele in der Hamburger Polizei, die wie ich abends in ihren Wohnungen mit den Familien über die Anschläge in New York sprachen, ahnten nicht, dass wir die folgende Nacht gemeinsam im Polizeipräsidium in Alsterdorf verbringen würden.» Es sei gegen Viertel nach sechs am nächsten Abend gewesen, als er von der Spur nach Hamburg erfuhr.

An den Tag, als Polizei und Presse Unruhe ins Viertel brachten, kann sich Angelika Bergeest noch genau erinnern. «Die Anschläge waren ja schon schlimm genug, aber plötzlich waren wir hier mittendrin», sagt die 44-Jährige. Die Frau mit den blonden Haaren leitet einen Kinderladen in der Marienstraße. Rund 60 Kinder betreut ihr Team bei den «Marienkäfern» - etwa ebenso viele Schritte sind es bis zur ehemaligen Atta-Wohnung. Nur durch einen Durchgang mit bunten Bildern, auf denen farbenfrohe Hände und Füße und eine knallgelbe Sonne den Weg weisen - schon steht man vor dem Kinderladen im Hinterhof. Und Leiterin Bergeest muss nur mit dem Stuhl von ihrem Schreibtisch zum Fenster rollen, schon sieht sie die Rückwand der Nr. 54. «Dass die von ihrer Wohnung aus immer auf uns schauen konnten, war im Nachhinein schon ein komisches Gefühl», sagt sie.

Sonderlich aufgefallen seien ihr und ihren Mitarbeiterinnen Atta oder die Anderen nie. «Hier wohnen ja immer viele Studenten, auch viele aus dem Ausland», sagt Bergeest. Die TUHH, die Technische Universität Hamburg-Harburg, ist schließlich nur ein paar Straßen entfernt. Seit 1978 gibt es die Universität, seit zehn Jahren müssen sich die Menschen dort nun damit abfinden, zumindest hierzulande in einem Atemzug mit den Terroranschlägen vom 11. September genannt zu werden.

Dort studierten auch Mitglieder der Atta-Truppe, darunter Mounir El Motassadeq. Der Marokkaner stand als Helfer der Todespiloten in Hamburg im weltweit ersten Prozess um die Attentate vor Gericht und verbüßt in der Hansestadt nach langem juristischen Tauziehen eine 15-jährige Haftstrafe.

Anführer Atta, der in den 90er Jahren aus Ägypten nach Deutschland kam, studierte an der TUHH bis 1999 Stadtplanung. Etwa ein Kilometer liegt zwischen seiner einstigen Wohnung in der Marienstraße und dem Campus. Dort, in einem Dachgeschoss des Uni-Komplexes, in das auch der Student Atta immer wieder kam, arbeitet nach wie vor sein Professor Dittmar Machule.

Der Experte für Stadtplanung betreute die Diplomarbeit des Studenten, den er nur als Mohammed El Amir kannte, und der über die Altstadt des syrischen Aleppo forschte. Als Machule am Abend des 12. September daheim, mit Bier und Zeitung auf dem Fußboden vorm Fernseher sitzend, das Bild seines Diplomanden auf dem Bildschirm sah, schlich ihm «ein kaltes Grauen durch den Körper». «Auch wenn das Foto einen Gesichtsausdruck zeigte, den ich von Mohammed El Amir überhaupt nicht kannte.»

Plötzlich fanden sich die Marienstraße und die TU im Mittelpunkt der weltweiten Medienaufmerksamkeit wieder - «Die Krieger aus Pearl Harburg» titelte etwa das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» später. Der Schock darüber, dass drei der Attentäter und mehrere mutmaßliche Helfer über Jahre hier gelebt hatten, saß tief in der Hansestadt. Auch beim Verfassungsschutz. «Wir waren an der Szene dichter dran, als wir es selber geahnt haben. Wir hatten aber nicht den Hauch einer Ahnung, was die vorhatten», sagt der damalige Chef der Hamburger Verfassungsschützer, Reinhard Wagner.

Viele Bewohner der Marienstraße, die lange den Trubel um die zeitweise bekannteste Wohnung Deutschlands in ihrer Nachbarschaft erdulden mussten, wollen über die Ereignisse von damals heute nicht mehr reden. «Geht es um den 11. September? Nicht schon wieder!», stöhnt ein Mann, der gerade aus der Hausnummer 54 kommt. Seinen Namen will er nicht mehr nennen - viel zu oft seien sie hier schon in den Medien gewesen. Seit 34 Jahren lebe er hier, auch zu der Zeit, als es für Mohammed Atta und seine Truppe das «Haus der Unterstützer» war. Vor zehn Jahren habe er noch für eine Versicherung gearbeitet und dort - auf der Arbeit - auch von den Anschlägen erfahren. Inzwischen sei er Rentner und genieße die wieder eingekehrte Ruhe in der Marienstraße.

Auch Albrecht Mentz ist inzwischen Pensionär. Und auch er wird den 11. September 2001 sein ganzes Leben nicht vergessen. Es war sein letztes Verfahren vor der Pensionierung - und es war wohl sein wichtigstes. Mentz leitete als Vorsitzender Richter am Hanseatischen Oberlandesgericht den Prozess gegen Motassadeq. Dem Freund und Unterstützer der Atta-Gruppe wurden Beihilfe zum Mord in mehr als 3000 Fällen und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen.

Dass der Prozess im Kampf gegen den Terrorismus viel verändert hat, glaubt Mentz allerdings nicht. «Er hat aber vielleicht zur Aufklärung der Dinge etwas beigetragen.» Dann überlegt er kurz und fügt hinzu: «Das hat er ganz sicher.» Über die Anschläge, welche er im Büro eines Kollegen verfolgt habe, sagt er: «Das war unvorstellbar grauenhaft und sprengt im Grunde jede Dimension dessen, was man sich als Terrorakt hatte vorstellen können.»

Jahrelang hat auch Machule nach Erklärungen, nach einer Antwort gesucht. Einer Antwort auf die Frage: «Wie ist es dazu gekommen, dass aus dem Mohammed El Amir, dem fleißigen, sympathischen und engagierten Studenten, der Mohammed Atta, ein Massenmörder, ein radikaler und gehirngewaschener Mensch, der solch ein Verbrechen begeht, wurde?» Er selbst habe ihn ja als einen ganz anderen Menschen erlebt - «und nicht als die Person, die hinter dem fratzenhaften Bild, das die Amerikaner als erstes gezeigt haben, steht».

«Das war ein Veränderungsprozess, der in vielen Menschen theoretisch denkbar ist und schon hundertmal in der Geschichte passiert ist», erklärt er. «Wenn Menschen, die im Alltag Probleme haben, die Dinge erleben, die nicht in einem geordneten, vertrauten, zukunftsträchtigen Rahmen passieren, sondern hin- und hergeworfen werden - im Kopf und auch in ihrer persönlichen Biografie. Wie solche Menschen dann plötzlich einen Anker finden, von dem sie teilweise selbst überzeugt sind oder durch charismatische Persönlichkeiten hingezogen werden, wie sie in ihrem Denken und letztlich auch Handeln in einen Strom geraten, aus dem sie nicht mehr herauskommen. Wenn da nicht eine große Gegenkraft ist.» Gequält habe er sich mit der Frage, ob er hätte etwas merken können.

Doch inzwischen klingt Machule beruhigt und ganz entschieden: «Nein, wir haben es nicht erkennen können. Es hat niemand gesehen und es hat niemand geahnt. Und es gibt auch im Nachhinein keine Anzeichen, die man damals hätte interpretieren können - das ist für mich inzwischen sonnenklar.»

Obwohl eigentlich längst im Ruhestand, geht er noch immer jeden Tag zur Uni. Dort, wo Atta eine Islam AG ins Leben gerufen hatte, wird man indessen aufatmen, wenn der Jahrestag der Anschläge vorbei ist. «War die Uni Basis der Terrorzelle?», lauteten damals die Schlagzeilen - der Campus erlangte traurige Berühmtheit. Allein drei der vier Piloten - neben Atta auch noch Marwan Alshehhi und Siad Jarrah - hatten hier studiert. Äußern will man sich dazu längst nicht mehr. «Es ist doch alles gesagt», heißt es aus der Pressestelle.

Attas Wohnung in der Marienstraße 54 stand nach den Anschlägen mehr als ein Jahr lang leer. Der Makler berichtete von zahlreichen Absagen - keiner wollte an dem «deutschen Unort», von dem manche Medien schrieben, leben. Ein Berliner Künstler hatte nach etwa einem Jahr mit einem «Space Clearing» in den ehemaligen Räumen der Terrorzelle für Aufsehen gesorgt, kurze Zeit später dann zogen doch wieder die ersten Studenten ein. Seitdem wechselten die Mieter, was in der Studentengegend rund um die TU aber ohnehin keine Seltenheit ist.

Der langjährige Bewohner der Marienstraße lebt nach wie vor gern dort, meint aber: «Irgendwie hat das Haus seit damals einen Knacks bekommen.» Aus dem Nachbarhaus links schaut eine Frau aus dem Fenster. «Ich habe damals nix gesehen», sagt sie und verrät nur, dass sie Maria heißt und 60 Jahre alt ist. Mehr wolle sie nun wirklich nicht mehr sagen, meint sie und zieht die Gardine zu.