Nach dem Mauerfall verlassen Tausende Ostdeutsche ihre alte Heimat, um in der Ferne die große Freiheit zu finden. Andere bleiben, um den Aufbruch vor Ort mitzugestalten – und manche kommen auch in eine nie gekannte Heimat zurück.

Eine Reportage
von Miriam Schönbach

Zittau. Bei "Kaffee-Kalle" treffen sich alle: Daheimgebliebene, Wiedergekommene, Neuentdecker und Touristen genießen in der Oktober-Spätherbstsonne eine der vielen duftenden Spezialitäten bei Kalle Steege auf dem Zittauer Markt. Nur wenige Schritte vom Trubel des Freitagmittags entfernt plätschert die Neiße. Der Grenzfluss näht am Dreiländerpunkt die drei Staaten Deutschland, Polen und Tschechien zusammen.

"Tal der Ahnungslosen hieß das früher hier. Für viele ist es bis heute die äußerste Ecke. Aber, wenn man den Kopf hochnimmt, sieht man mehr", sagt Kai Grebasch und bestellt sich einen Milchkaffee. Neben ihm am Tisch sitzt Annekathrin Kluttig. Sie sind ein Jahrgang. Die Wende hat ihre Biografien getrennt – inzwischen berühren sich ihre Lebenswege wieder.

Kai Grebasch und Annekathrin Kluttig.

Berührungen gab es bereits im Herbst 1989. Damals drücken Annekathrin Kluthig und Kai Grebasch noch die Schulbänke an unterschiedlichen Schulen. "Das Zittau der 1980er-Jahre war mehrere Schattierungen von Grau. Die Stadt war heruntergekommen. Anlässlich der 750-Jahr-Feier 1988 hatte man zwar die Fassaden gestrichen, dahinter bröckelte es aber", sagt die 44-Jährige. Die Westverwandtschaft von Grebasch beschwert sich beim "Dschungelurlaub im Osten" seinerzeit, dass sich binnen kürzester Zeit eine dicke Kohlestaubschicht auf den Bully legt.

Fassaden gestrichen, dahinter bröckelte es

Kein Wunder, der Tagebau Olbersdorf liegt direkt vor den Toren der Stadt, von polnischer Seite frisst sich der Tagebau Turow in die Landschaft. Das Kraftwerk Hirschfelde – heute ein Zittauer Ortsteil - macht aus der Braunkohle den nötigen Strom. Die Energie ist ein großer Arbeitgeber, dazu kommen große Textilbetriebe.

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Die Tuchmacher bestimmten das wirtschaftliche Leben Zittaus über Jahrhunderte. In den zum Teil noch heute geläufigen Bezeichnungen Weberviertel, Weberstraße, Webervorstadt oder Weberkirche lebt dieses wichtige Stück Handwerksgeschichte in der "Reichen", wie Zittau innerhalb des Oberlausitzer Sechsstädtebunds genannt wird, nach.

Die DDR-Planwirtschaft setzt diesem Reichtum zu. Der saure Regen zerstört die Wälder zwischen dem Zittauer Gebirge bis ins Isargebirge hinein. Die Unzufriedenheit wird immer größer. Anfang der 80er-Jahre kommen Annekathrin Kluttig und Kai Grebasch in die Schule, als die DDR mit 21.500 Ausreiseanträgen einen ersten Flucht-Höhepunkt erreicht. Patricia Steege gehört mit ihren Eltern zu der Gruppe derjenigen, die gehen.

An diesem Nachmittag kommt sie lachend ins Café ihres Mannes, grüßt die Kaffeetrinkenden. In Zittaus Kernstadt leben heute gut 20.000 Einwohner, da kennt jeder jeden. "Als meine Eltern erfuhren, dass ich geboren werden soll, stellten sie den Antrag zur Ausreise. Ich sollte in einem freien Land groß werden", sagt die 36-Jährige.

"Meine weißen Söckchen waren immer schwarz"

Ihre ersten Familienferien in Freiheit Westdeutschlands führen sie im VW-Bus nach Griechenland und Portugal. 1987 holt sie die Zittauer Großmutter aus der neuen Freisinger Heimat ab. Die Eltern müssen das Kind allein reisen lassen. "Es waren fünf tolle Wochen, aber ich erinnere mich noch an Seitenstechen, weil die Luft so schlecht war. Meine weißen Söckchen waren immer schwarz", sagt die studierte Biologin.

Sie fährt zurück gen Westen, Annekathrin Kluttig und Kai Grebasch aber merken, dass immer mehr aus der Nachbarschaft dem Land den Rücken kehren. Sie gehören zur Jungen Gemeinde. Ihre Eltern nehmen sie im Oktober 1989 in Zittau zu Montagsdemonstrationen mit. "Ich erinnere mich an das mulmige Gefühl, als es am Gebäude der Staatssicherheit vorbeiging. Die Tragweite der Geschehnisse aber haben wir erst viel später verstanden", sagt der 44-Jährige.

Am 19. Oktober 1989 versammeln sich mehr als 10.000 Oberlausitzer in drei Zittauer Kirchen. Das Datum gilt für die Region als Beginn der friedlichen Revolution, die sich von Plauen, Leipzig und Berlin über das gesamte Land ausbreitete. Nur drei Wochen später fällt die Mauer am 9. November.

Der Tag stellt das Leben von Annekathrin Kluttig, Kai Grebasch und Patrica Steege auf den Kopf – in ganz unterschiedliche Richtungen. Die beiden Dagebliebenen landen zuerst in einer sogenannten Übergangsklasse an einer Erweiterten Oberschule und können ihr Abitur machen.

Weg mit dem "Woandershin-Gefühl"

Der Abschluss eröffnet dem Sohn von Selbstständigen – Grebaschs Eltern hatten eine private Textilreinigung – einen ganz neuen Weg. "Ich wollte raus dem kleinen Zittau in die Großstadt. Ich wollte einfach nur weg mit diesem Woandershin-Gefühl", sagt der Mitarbeiter der Stadtverwaltung. Nach der Wende gehen Millionen von Menschen auf der Suche nach einem besseren, chancenreicheren Leben in den Westen oder in große Städte – und denken nicht daran, wieder zurückzukommen.

Den Oberlausitzer zieht es 1994 ins bunte Berlin-Kreuzberg. Der Junge aus der Kleinstadt genießt den Trubel, das Gefühl der weiten, freien Welt, der unzähligen Möglichkeiten. Er studiert Geschichte, jobbt beim Studentenradio, macht ein Praktikum bei der Berliner Zeitung und stapelt Kisten für einen IT-Versender.

Er denkt gar nicht an Zurückkommen, während seine Mitschülerin längst noch tiefere Wurzeln in den Oberlausitzer Granit schlägt. Ihr Studien-Intermezzo in der Großstadt dauert nur zwei Semester. Fern der Heimat ist ihr alles zu groß, zu laut, zu anonym. Stattdessen beginnt die Zittauerin an der Fachhochschule vor der Haustür "Ökologie/Umweltschutz" zu studieren.

Neubeginn im Blaumann

Nebenbei stampft die 18-jährige Studentin mit Freunden einen neuen Jugendclub aus dem Boden. "Es war damals auf einmal hier in der Stadt so viel möglich. Die Verwaltung steuerte das Schiff mit Augenmaß", sagt sie. Sie zieht einen Blaumann an und nimmt den Hammer in die Hand, um den ehemaligen Klub der Werktätigen zu entkernen.

Eröffnungsparty ist Silvester 1993/94. Da sitzt auch Patricia Steege schon wieder auf gepackten Koffern. Ihre Mutter möchte zurück in die alte Heimat, die für die Tochter völlig neu ist. Die Westdeutsche ist eine Exotin für die Mitschüler in Zittau. Für sie ist damals klar, ihre ostdeutsche Zeit wird ein Intermezzo bleiben. Das Studium führt sie 2002 nach dem Abitur nach Frankfurt/Main. Ruhelos bleibt die Entwurzelte trotzdem.

Nach zahlreichen Umzügen findet die Neu-Zittauerin in Freiburg im Breisgau erst ihre große Liebe und dann die Möglichkeiten, die ihr der Osten scheinbar nicht bietet: Sie macht sich mit einem Mikro-Fitnessstudio selbstständig und bekommt die "krasse Oberflächlichkeit der Menschen" zu spüren.

Kai Grebasch dagegen fühlt sich in den Weiten der Großstadt immer mehr verloren, 2005 kehrt er für einen Job in die Heimat zurück. Für die Stadt Görlitz koordiniert er die Kulturhauptstadt-Bewerbung. Die Oberlausitzer Stadt verliert 2010 gegen den Ruhrpott. Sein Wissen bringt er nun für eine neue Bewerbung um den europäischen Titel für Zittau ein.

Patricia und Kalle Steeg.

Kalle Steege legt schnell die Schürze ab und übergibt das Café für einen Augenblick an seine Frau. Er braucht frische Orangen für den Saft aus dem kleinen Laden gleich gegenüber vom "Kaffee-Kalle". Patricia Steege kommt gern nach der Arbeit als Projektassistentin in der "Hillerschen Villa" in den Treff am Zittauer Markt.

Im soziokulturellen Zentrum kümmern sich sie und ihre Kollegen mit der "Netzwerkstatt" um Demokratiebildung und Aufklärung. "Ich habe zum ersten Mal das Gefühl, dass ich etwas Sinnvolles mache", sagt die frisch zugezogene Zittauerin. Ihr Mann fragt sie nach dem ersten Besuch ihrer "Immer-wieder-Heimat-auf-Zeit", ob sie mit ihm in Deutschlands äußersten Zipfel ziehen würde. Nach dem ersten kategorischen "Nein" fühlt sich die Idee aber immer besser an.

"Wende hat unsere Biografien durcheinandergewürfelt"

"Kalle hat diesen Landstrich sofort als Region begriffen. Er sieht keine Grenzen", sagt Patricia Steege. Für sie, ihren Mann, Annekathrin Kluttig und Kai Grebasch bietet dieser letzte Zipfel Deutschlands 30 Jahre nach dem Fall der Mauer so viel Potenzial. Sie spüren, dass zum Beispiel durch die Kulturhauptstadtbewerbung auch das Selbstbewusstsein der Zittauer zurückkehrt.

"Die Wende hat unsere Biografien durcheinandergewürfelt. Viele aus unserem Jahrgang sind nicht mehr da, auch weil es für sie wenig Chancen auf Arbeit gab. Sie mussten weggehen. Aber das Zuhause-Gefühl verschwindet doch nicht", sagt die Umwelttechnik-Ingenieurin Annekathrin Kluttig.

Der Milchkaffee ist ausgetrunken, der Zittauer Barista ist zurück an seiner Maschine. "Ost und West sind für mich und meine Generation keine Kategorie mehr. Wir sind zusammengewachsen. Für die Generation davor, war es vielleicht schwierig, die Marktwirtschaft in Lichtgeschwindigkeit zu lernen. Aber jedes Alter sollte doch zumindest den Mut haben, über den Tellerrand zu schauen", sagt Patricia Steege.

Dann verabschieden sich die Dagebliebene, die Wiedergekommenen und der Neuentdecker. Was bleibt, ist bei "Kaffee-Kalle" in Zittau der Duft der großen weiten Welt.

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