Was verbinden Sie mit dem Mauerfall? Das wollten wir von Ihnen anlässlich unserer Reportagereihe "Grenzgänger" wissen. Sie sind unserem Aufruf zahlreich gefolgt und haben uns viele rührende, spannende, aber auch witzige Geschichten von Ihnen geschickt. Die schönsten können Sie hier lesen.

Drei Tage sind vergangen, seit unsere Story "#Grenzgänger" online gegangen ist. In der Zwischenzeit haben uns zahlreiche Leserbeiträge über den Mauerfall erreicht. An dieser Stelle vielen Dank dafür! Wir freuen uns sehr über Ihre Geschichten und haben jede einzelne aufmerksam gelesen. Leider können wir nicht alle veröffentlichen. Dafür lesen Sie heute fünf ausgewählte Mauer-Erinnerungen unserer Leser.

Schreiben Sie uns auch weiterhin ihre Gedanken über den Mauerfall. Wie haben Sie den Tag erlebt? Wo waren Sie damals? Was hat sich seitdem für Sie verändert? Und was bedeutet Ihnen der 9. November 1989 heute? Teilen Sie Ihre Geschichten mit uns! Twittern Sie unter dem Hashtag "#Grenzgänger", schreiben Sie uns bei Facebook oder schicken Sie uns eine Mail an redaktion@1und1.de. Am kommenden Montag veröffentlichen wir weitere Mauer-Storys von Ihnen.

+++ Antje Rakels: "So Mami, jetzt biste im Westen" +++

Ich war damals 26 Jahre alt, verheiratet und hatte ein kleines, acht Monate altes Baby. Ich lebte im Ostteil von Berlin, in Berlin Köpenick. Mein Mann nahm an den Montagsdemos teil, ich blieb zu Hause. Einer musste das Baby versorgen und mit in den Hexenkessel wollten wir sie nicht nehmen.

Aber als die Mauer fiel, wollte auch ich dabei sein. Ich packte alles ein, was ich für den Knirps brauchte, legte sie in den Kinderwagen - und ab zur Sonnenallee.

Da stand ich nun mit meinem Kinderwagen inmitten von hunderten Menschen. Der Kleinen ging es gut in ihrem Wagen. Sie schlief. Und nichts tat sich. Ich weiß heute nicht mehr, wie lange wir gestanden haben. Es tat sich einfach nichts.

Auf einmal ging ein Riesenruck durch die Menschenmassen. Die Menge schob sich vorwärts. Ich war gefangen in diesem Pulk von Menschen und wurde einfach mitgerissen. Plötzlich wurde der Kinderwagen hochgehoben und über die Köpfe der Menschenmenge nach vorne gereicht. Die wildfremden Menschen haben mich gemeinsam mit meinem Kinderwagen Richtung Grenze geschoben. Auf Westberliner Seite haben sie den Kinderwagen wieder auf den Boden gestellt. Einer sagte zu mir: "So Mami, jetzt biste im Westen."

Mein schlafendes Baby hatte gar nicht bemerkt, dass es mehrere hundert Meter in einer luftigen Höhe von 2,50 Meter über hunderte von Menschenköpfen getragen wurde. Gott sei Dank ist damals nichts passiert.

Heute ist das immer noch eine spannende Geschichte für meine Kinder. Drei von ihnen wurden im vereinten Deutschland im schönen Rheinland-Pfalz geboren.

+++ Antje Moldenhauer: DDR-Flucht über Ungarn +++

Ich finde es immer wieder spannend, die Geschichten der damaligen DDR-Bürger zu hören. Viel ist damals passiert und es gibt noch so viele unerwartete Geschichten. Ich kann nicht verstehen, warum man immer wieder nur die Flucht aus Prag zeigt. Ich selbst bin im August 1989 in Ungarn ins Lager gegangen. Zuerst hatten wir uns bei der Botschaft gemeldet. Doch sie war für Flüchtlinge geschlossen. Dort erhielten wir aber den Tipp, uns noch ein paar Tage weiter unauffällig im Hotel aufzuhalten, aber schon den Pass der Bundesrepublik zu beantragen. Das war damals in einer Kirche in Budapest möglich.

Nach drei weiteren Tagen im Hotel haben wir uns dann doch entschieden, ins Aufnahmelager zu gehen. Dort mussten wir feststellen, dass es überfüllt war. Wir kamen einen Tag später nach Zanka in eine Art Ferienlager für Jugendliche am Balaton. Wir hörten in den wenigen Tagen so viele Geschichten, dass diese ein ganzes Buch füllen könnten. Rührende Erlebnisse oder große Aufreger. Gerne würde ich mehr Berichte sehen und hören oder selbst meine Erlebnisse über Flüchtlinge und deren Schicksale aus Ungarn erzählen. Irgendwie fing dort alles an. Und dann erst kam Prag.

+++ Michael Löffelbein: Geschichte eines ehemaligen DDR-Grenzers +++

Ich war 1985/86 DDR-Grenzsoldat im Harz. Diese Grenze war, wie es manche Grenzanlagen in der Welt auch heute noch sind, ein Beweis aus Stahl und Beton für politische Machtinteressen, welche sich überhaupt nicht an Menschen orientieren. Trotzdem gab es Menschlichkeit auf beiden Seiten, die den Beweis lieferte, dass dieser Zaun zumindest im Geist gern überwunden wurde.

Meine Mauer-Story spielte sich an einem ruhigen, sonnigen Sonntag ab. Wir waren auf einem kleinen Grenzbahnhof im Einsatz. An diesem Tag fuhren keine Züge aus oder nach Westen. Dafür war die hessische Grenzpolizei vor Ort. Wie immer machten wir Meldung an unsere Vorgesetzten über diese "Feindbewegung". Wir überbrückten unsere Langeweile, indem wir diese Polizisten beobachteten.

Wir standen erhöht auf einer Brücke, welche über die Gleise verlief, hatten eine gute Sicht. Auch die West-Grenzbeamten beobachteten uns durchs Fernglas. Der Abstand zwischen uns betrug etwa einen Kilometer Plötzlich begann der Grenzbeamte aus Hessen, seine Ausrüstung auf die Schienen zu legen. Er legte seine Pistole, seine Thermosflasche, seine Brotdose und andere Kleinigkeiten auf die Gleise. Den Spaß machte ich mit. Ich legte meine Kalaschnikow auf das Geländer der Brücke, ebenso meine Thermosflasche und meine Brotdose. Wir beobachteten uns gegenseitig mit den Ferngläsern.

Zum Glück hatte ich einen Mann mit mir auf Streife, der diesen Spaß mitmachte. Ich hätte verdammt Ärger bekommen können, wenn er gepetzt hätte (Anm. d. Redaktion: Jegliche Kontaktaufnahme von DDR-Grenzern mit BRD-Grenzer stand unter Strafe) Nach ein paar Minuten räumten wir unsere Sachen wieder zusammen.

Zu gern würde ich diesen Beamten der Grenzpolizei Walkenried heute einmal treffen. Wir Grenzer im Osten hatten herzlich gelacht und viel Spaß. Die beiden auf der anderen Seite, denke ich, auch.

+++ Margarete Golsteijn: Wiedersehen mit den Kindern nach 18 Jahren +++

Ich war von 1968 bis 1972 politisch inhaftiert. Meine beiden Kinder wurden während meiner Untersuchungshaft zwangsadoptiert. Im Mai 1972 wurde ich nach Westdeutschland entlassen. Meine beiden Kinder habe ich bis zum Mauerfall nicht mehr gesehen. Sie wurden getrennt, bei verschiedenen Familien großgezogen.

Als die Mauer fiel, war ich überglücklich. Ich habe sie gesucht und endlich gefunden. Im Februar 1990 haben wir uns das erste Mal wiedergesehen.

+++ Marita Blümel: Wie eine Primaballerina über die Grenze +++

Ich habe die ostdeutsche Grenze in Bad Sachsa bei meinen Eltern erlebt. Zuvor sind sie vom Westen (Aachen) nach Osten umgezogen. Mein Vater war Ostpreuße. Er hatte eine unbändige Sehnsucht nach dem Osten und wollte so nah wie möglich ran an seine Heimat.

Wir Kinder waren damals Mitte/Ende 20 und fanden es nur öde. Der Ort war am Rande des Harz. Egal, ob wir im Winter mit Langlaufskiern unterwegs waren oder im Sommer am Brocken wandern gingen - überall stieß man auf die Grenze. Man sah die Grenzer in ihren Häuschen sitzen - auf der anderen Seite die Leute und die Kühe. Aber rüber konnten wir eben nicht.

Dass ich irgendwann über diese Grenze gehen darf, hätte ich zu unseren Lebzeiten niemals erwartet. Als ich am 10. November in der Zeitung las, dass die Mauer auf ist, bin ich natürlich sofort hin. Das wollte ich sehen. Endlich einfach hinüberspazieren. Ich habe noch die Reste des Todesstreifens gesehen und bin wie eine Primaballerina darüberspaziert. Dieses Glücksgefühl kann man nicht beschreiben. Dass wir das erleben durften. Unglaublich. Und vor allen Dingen so friedlich.

Meine Geschwister und ich haben die Ex-DDR noch einige Male besucht und die Städte bewundert, die schöner denn je geworden sind. Man kann fast neidisch werden, wie viel Geld geflossen ist, um die ehemals heruntergekommenen Dörfer und Städte zu verschönern. Aber eine Stadt wie Dresden kann man nur bewundern.

Heute gilt eher ein Sprichwort: Willst du ein Ostgefühl haben, musst du nach Westen fahren. Das ist die traurige Wahrheit, wenn man heute Duisburg, Gelsenkirchen etc. besucht. Der Soli müsste längst anderen Städten zukommen.

Ihre Geschichte in unserer Story "#Grenzgänger"

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Die Leserbeiträge wurden an manchen Stellen gekürzt und unter journalistischer Sichtweise redigiert. Der Sinn der Texte wurde aber nicht verändert.