Die Affäre um Julian Reichelt beschäftigt erneut den Medienkonzern Axel Springer. Ein Medienbericht will aus konzerninternen Nachrichten von Konzernchef Mathias Döpfner zitiert haben. Mittlerweile hat sich auch der Springer-Chef selbst zu Wort gemeldet.

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Ein Medienbericht über angebliche konzerninterne Nachrichten von Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner hat erneut für Wirbel rund um die Affäre um den früheren "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt gesorgt. Aus Springer-Kreisen verlautete nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstag als Reaktion, der Artikel bestehe aus "manipulativen SMS-Fetzen".

Die Wochenzeitung "Die Zeit" veröffentlichte am frühen Morgen einen langen Bericht über den Springer-Chef und berief sich nach eigenen Angaben auf Dokumente, die aus den vergangenen Jahren stammen sollen. Es handele sich um E-Mails und Chatnachrichten aus dem engsten Führungskreis des Medienkonzerns, viele seien vom Springer-Chef selbst. Die Zeitung listete Zitate auf. Auffällig ist, dass mehrere direkt von Döpfner an den damaligen "Bild"-Chefredakteur Reichelt gerichtet worden sein sollen. Die journalistische Marke "Bild" zählt zum Springer-Portfolio.

In den Zitaten, die "Die Zeit" samt den darin enthaltenen Rechtschreibfehlern aufführt, geht es zum Beispiel um abfällige Bemerkungen über Ostdeutschland. 2019 soll der Konzern-Chef laut dem Zeitungsbericht geschrieben haben: "Die ossis werden nie Demokraten. Vielleicht sollte man aus der ehemaligen ddr eine Agrar und Produktions Zone mit Einheitslohn machen."

Ostbeauftragter: "Herr Döpfner ist nach dieser Veröffentlichung nicht mehr tragbar"

Die Passagen in dem Artikel zu Ostdeutschland führten prompt zu Kritik bei Politikern. Der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Carsten Schneider, forderte gar die Ablösung des Springer-Chefs. "Herr Döpfner ist nach dieser Veröffentlichung an der Spitze eines Verlages mit dieser publizistischen Macht und mit Blick auf die wichtige Rolle der Medien für unsere Demokratie endgültig nicht mehr tragbar", sagte der SPD-Politiker dem Nachrichtenportal t-online.

Auch der Ostbeauftragte der Linksfraktion im Bundestag, Sören Pellmann, erklärte: "Döpfners Aussagen über die Ostdeutschen sind widerlich. Seinen Job sollte er nicht behalten dürfen." Die Ostbeauftragte der Grünen-Fraktion, Paula Piechotta, meinte: "Döpfners Aussagen verletzen, aber er ist definitiv nicht der einzige Westdeutsche, der so denkt." Solche Vorurteile "werden nur mit den neuen Generationen langsam aussterben".

Döpfner: "Keinerlei Vorurteile gegen Menschen aus dem Osten"

Mittlerweile hat sich auch Döpfner selbst geäußert. In einer am Donnerstag im Intranet von Springer veröffentlichten Erklärung schreibt er, er habe "natürlich keinerlei Vorurteile gegen Menschen aus dem Osten Deutschlands".

Er sei aber seit Jahrzehnten "enttäuscht und besorgt, dass nicht wenige Wähler in den neuen Bundesländern von ganz links nach ganz rechts geschwenkt sind". Der Erfolg der AfD beunruhige ihn. In seiner Erklärung äußerte sich Döpfner nicht zu deren Echtheit und sprach lediglich von "aus dem Zusammenhang gerissenen Text- und Gesprächsschnipseln".

"M" ist "ein Sargnagel der Demokratie"

In den Zitaten, die die Wochenzeitung veröffentlichte, geht es auch um Sympathie für die Politik des früheren US-Präsidenten Donald Trumps. Und anscheinend geht es laut Bericht auch um Kritik an Ex-Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Die "Zeit" zog ein Zitat heran, in dem von "M" die Rede ist. "Sie ist ein sargnagel der Demokratie." Es geht bei den Zitaten auch um eine Abneigung gegen Windräder. Die Zeitung schreibt zudem, dass Verlagschef Döpfner parteilich agiert habe. So soll er sich vor der vergangenen Bundestagswahl eine Pro-FDP-Berichterstattung in der "Bild" gewünscht haben.

Aus Springer-Kreisen hieß es weiter zu dem "Zeit"-Artikel, Döpfner sei ein meinungsstarker Verlagschef, der aus Prinzip immer Gegenmeinung und Widerspruch herausfordere und dafür immer mal wieder polemisiere. Man lasse sich an dem messen, was in den Publikationen des Verlags stehe, nicht an angeblichen Ausschnitten aus persönlichen Chats. Die Absicht des Artikels sei erkennbar: Er solle Unruhe stiften und vom Wesentlichen ablenken.

Reichelt-Affäre holt Axel Springer wieder ein

Mit dem Artikel holt die Affäre um Reichelt den Medienkonzern, der vor allem in den USA expandieren will, erneut ein. Reichelt musste im Herbst 2021 seinen Posten als Chefredakteur von Deutschlands größter Boulevardzeitung räumen und den Konzern verlassen. Hintergrund seines Karriere-Endes bei "Bild" waren Vorwürfe des Machtmissbrauchs in Verbindung mit einvernehmlichen Beziehungen zu Mitarbeiterinnen gewesen. Der Journalist selbst hatte später von einer "Schmutzkampagne" gegen ihn gesprochen und hatte Vorwürfe zurückgewiesen.

Der Medienkonzern hatte im Frühjahr 2021 ein internes Verfahren gegen den Journalisten zur Überprüfung der Vorwürfe angestoßen und war dabei zunächst zum Schluss gekommen, ihm eine zweite Chance zu geben. Ein Medienbericht der US-Zeitung "New York Times" griff den Fall dann im Oktober 2021 erneut auf, Springer zog unmittelbar darauf einen Schlussstrich und entband Reichelt von seinen Aufgaben.

Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" berichtete unabhängig von der "Zeit"-Berichterstattung unter Berufung auf eigene Informationen, dass Springer seit geraumer Zeit rechtliche Schritte gegen Reichelt prüfe. Der Medienanwalt von Julian Reichelt, Ben Irle – der auch in der "Zeit"-Berichterstattung zitiert wird -, teilte auf dpa-Anfrage wiederum mit, man prüfe seinerseits "strafrechtliche Verfolgbarkeiten von Verhaltensweisen und zivilrechtliche Inanspruchnahmen sämtlicher Beteiligten".

Der "Zeit"-Bericht erschien wenige Tage vor der in der Medienbranche mit Spannung erwarteten Veröffentlichung des neuen Buches von Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre. Es soll sich bei dem belletristischen Werk "Noch wach?", das am 19. April erscheint, um einen Schlüsselroman rund um das Medienhaus Springer handeln.

Stuckrad-Barre wurde Teil der Berichterstattung der "New York Times" im Oktober über Springer, die den Weggang Reichelts mit auslöste. Döpfner zog mit einer in dem Artikel zitierten privaten Kurznachricht, die er an Stuckrad-Barre verschickt hatte, Kritik aus der Medienbranche auf sich. Der Springer-Chef hatte Reichelt darin als letzten und einzigen Journalisten in Deutschland bezeichnet, der noch mutig gegen den "neuen DDR-Obrigkeitsstaat" aufbegehre. Fast alle anderen seien zu "Propaganda Assistenten" geworden. Springer hatte die Kurznachricht als Ironie eingeordnet. (dpa/mbo)  © dpa

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