Seit Tagen läuft die Suche nach dem verschwundenen Tauchboot "Titan". Doch langsam schwindet die Hoffnung, die Besatzung noch lebend bergen zu können. Denn der Sauerstoff wird knapp. Der Crew droht einem Arzt zufolge kein schöner Tod.

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Noch ist völlig unklar, was mit dem Tauchboot "Titan" im Atlantik passiert ist. Es wird seit Sonntagvormittag (Ortszeit) vermisst. Mit fünf Menschen an Bord war es auf dem Weg zum Wrack der 1912 gesunkenen "Titanic" in rund 3,800 Metern Tiefe getaucht. Etwa eine Stunde und 45 Minuten nach Beginn des Tauchgangs riss der Kontakt zum Mutterschiff ab.

Fieberhaft läuft seitdem die Suche nach der Titan. Denn sellbst wenn es noch intakt sein sollte, setzt der vorhandene Sauerstoffvorrat Grenzen für ein Überleben an Bord.

"Es gibt schönere Tode", sagt Lungenfacharzt Rainer Schädlich der Deutschen Presse-Agentur (dpa). "Der Prozess dauert lange, da sich der Sauerstoff langsam aufbraucht und zusätzlich CO2 durch Atmung entsteht."

Lungenfacharzt: Sauerstoffmangel löst keinen "milden Tod" aus

Üblicherweise enthält Luft etwa 21 Volumenprozent Sauerstoff (O2). Steigt der Anteil an Kohlendioxid, sinkt der von O2. "Sinkt der Sauerstoffgehalt unter 15 Volumenprozent, wird die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit zunehmend vermindert", so Schädlich, der Facharzt für Innere Medizin, Lungen-und Bronchialheilkunde, Allergologie und Umweltmedizin in Straelen ist.

Zwar hätten Tauch- und U-Boote Kohlendioxid-Filter, um das Gas aufzufangen, erklärt Professor Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Aber: "Sind die Kapazitäten der Kohlendioxid-Filter erschöpft, dann steigt das Kohlendioxid an."

Bei zunehmendem Sauerstoffmangel kommt es demnach zu Kopfschmerzen sowie zu Übelkeit, Erbrechen, Müdigkeit, aber auch Atemnot, Verwirrtheit, Schwindel und Benommenheit bis zur Apathie.

"Die bei einem Sauerstoffmangel auftretenden Symptome, insbesondere die Atemnot, können sehr unangenehm sein. Insofern würde ich nicht von einem milden Tod sprechen."

Wie lang der Sauerstoff hält, lässt sich nicht genau sagen

Wie schnell der Sauerstoff verbraucht werde, hänge stark von Atmung und Aktivität der Menschen an Bord ab, sagt der Hamburger Intensivmediziner. Wenn man so wenig wie möglich tue oder schlafe, sei der Verbrauch wesentlich geringer als bei hektischem Tun oder Panik.

Beim Tauchboot komme hinzu, dass es womöglich tief unten in eisiger Kälte liege. Wenn es auch im Inneren der "Titan" kalt sei, könnten die Menschen an Bord aufgrund des Muskelzitterns einen erhöhten Sauerstoffverbrauch haben.

Das bei Sauerstoffmangel am schnellsten geschädigte Organ sei das Gehirn, so Kluge. Selbst wenn im Zustand der Bewusstlosigkeit eine Rettung erfolge, drohten irreversible Schäden. "Eine zeitnahe Sauerstoffgabe kann in einzelnen Fällen schwere Schäden vermeiden."

Titan kann unter Wasser nicht mit Sauerstoff befüllt werden

Selbst wenn die Titan bald gefunden würde, könnte es für die Crew denoch bereits zu spät sein. Denn Experten zufolge kann es unter Wasser nicht mit frischem Sauerstoff versorgt werden.

"In dieser Tiefe gibt es wirklich keine Möglichkeit, Sauerstoff hineinzubekommen", sagte der Meeresforscher Tom Dettweiler am Donnerstag dem US-Sender CNN. "Es gibt keine Öffnung oder ähnliches, durch die Sauerstoff eindringen könnte."

Die einzige Lösung wäre, die "Titan" so schnell wie möglich nach oben zu bringen, die Luke zu öffnen und zu den Menschen zu gelangen, betonte Dettweiler, der 1985 an der Suche und dem Fund des "Titanic"-Wracks beteiligt war.

Wenig Hoffnung für "Titan"-Crew

Aber: Das Tauchboot aus großer Tiefe an die Oberfläche zu bringen, würde vermutlich mehrere Stunden dauern, betonte der Forscher. Eines der größten Probleme sei es, die für eine Ortung und Rettung nötige Ausrüstung zum Suchgebiet zu bringen. "Es ist alles sehr groß, sehr schwer, es musste in Frachtflugzeugen hingeflogen werden." Es handele sich um einen "gewaltigen Aufwand".

Lungenfacharzt Schädlich sieht für die Männer auf der "Titan" aus historischer Sicht nicht viel Anlass zu Hoffnung: "In der Geschichte gesunkener U-Boote sind mehr Männer gestorben als überlebt haben", sagte er.

Ihr Todeskampf habe verschiedene Phasen: "Am Anfang versuchen sie noch hektisch, die mechanischen Probleme zu lösen. Es folgt eine ruhigere Phase angespannten Schweigens und Nachdenkens." Dann kämen die ersten Symptome, später Bewusstlosigkeit und der Tod. (dpa/thp)

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