Auch Tage nach den sexuellen Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof gibt es viele ungeklärte Fragen. Inzwischen sind mehrere Verdächtige bekannt. Der Verdacht: organisierte Kriminalität. Was in der Silvesternacht tatsächlich passierte, bleibt währenddessen weiterhin zum Großteil unklar. Eine Übersicht darüber, was bisher bekannt ist - und was nicht.

WAS WIR WISSEN:

  • Am Silvesterabend versammelten sich nach Polizeiangaben etwa 1.000 Männer auf dem Bahnhofsvorplatz und warfen mit Feuerwerkskörpern um sich. Viele waren betrunken und völlig enthemmt. Die Stimmung war insgesamt aggressiv. Die Polizei räumte den Platz gegen 23:30 Uhr vorübergehend.
  • Es bildeten sich kleinere Männergruppen, die Frauen umzingelten, sexuell belästigten und ausraubten. Nach Aussagen von Zeugen, Opfern und Polizeibeamten sollen die Männer "dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum" stammen und zwischen 15 und 35 Jahren alt gewesen sein.
  • Inzwischen ist die Anzahl der Anzeigen bei der Polizei auf mehr als 121 gestiegen (zudem etwa 50 Anzeigen in Hamburg). Davon haben drei Viertel einen sexuellen Hintergrund, wie eine Polizeisprecherin sagte. Nach den Vernehmungen der Opfer habe sich ein klareres Bild der Taten ergeben. Viele Frauen gaben in den Gesprächen - zum Teil auf Nachfrage der Beamten - an, dass sie auch angefasst worden seien. Zwei Frauen gaben laut Polizeipräsident Wolfgang Albers an, vergewaltigt worden zu sein.
  • Die Ermittler hätten bislang insgesamt 16 Verdächtige ausgemacht, die mit den Taten in Zusammenhang stehen könnten, sagte ein Polizeisprecher am Donnerstag. Die meisten Verdächtigen seien zwar noch nicht namentlich bekannt, aber auf Bild- oder Videoaufnahmen klar erkennbar. Festnahmen gab es bisher jedoch keine. Die fünf Männer, die am 3. Januar im Kölner Hauptbahnhof verhaftet worden waren, haben nach bisherigen Ermittlungen nichts mit den Übergriffen zu tun. Hier geht es laut Polizei um reine Taschendiebstähle, die erst am Tag der Festnahme passiert seien.
  • Der Fokus der Polizei bei der Suche nach den Tätern liegt auf Videomaterial von Überwachungskameras.
  • Vor allem die Kölner Polizei sieht sich heftiger Kritik ausgesetzt, weil sie zu spät auf die aggressive Menschenmenge vor dem Kölner Hauptbahnhof reagiert haben soll und erst zwei Tagen nach den Übergriffen über die Vorfälle informierte. Inzwischen kümmert sich laut Medienberichten ein 80-köpfiges Sonderermittlungsteam um die Übergriffe.
  • Es gibt bisher keine Beweise, dass es sich bei den Tätern um Flüchtlinge handelt. Das betonte Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) in der Pressekonferenz am Dienstag. Des Weiteren zog Reker mit einer Verhaltensempfehlung an Frauen Spott auf sich: "Es ist immer eine Möglichkeit, eine gewisse Distanz zu halten, die weiter als eine Armlänge betrifft", hatte sie vor Journalisten auf die Frage geantwortet, wie man sich als Frau besser schützen könne.
  • Da es sich bei den meisten Tätern wohl um Ausländer handelt, diskutieren Politiker seit den Vorfällen über schärfere Abschiebungsregelungen. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) selbst brachte eine mögliche Verschärfung der Vorgaben für straffällige Asylbewerber ins Gespräch.

Eiligst erarbeiten Stadt und Polizei nach den Übergriffen auf geschätzt 100 Frauen in der Silvesternacht in Köln einen Maßnahmenkatalog für den Karneval.

WAS WIR NICHT WISSEN:

  • Wer die Täter sind. NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) zufolge haben die Ermittler drei Verdächtige ermittelt. Die Beweisführung gestalte sich der Polizeisprecherin zufolge als sehr schwierig, was vor allem an der Gemengelage liege. Es war dunkel, die Täter konnten in der Menschenmasse untertauchen. Es werde nach den Worten der Sprecherin "verdammt schwierig", Täter zu überführen. Genau das jedoch ist der entscheidende Punkt - denn ohne ermittelte Täter sind oben genannte Erkenntnisse nicht viel wert.
  • Ob es sich um eine organisierte Bande handelt oder sich die Täter vorab verabredet haben - dazu hat die Polizei noch keine Erkenntnisse. "Es scheint allerdings seltsam, dass das alles zufällig passiert ist", sagte die Sprecherin. Auch Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) hält einen Zusammenhang zwischen den Taten in Köln und Hamburg für möglich: "Das Ganze scheint abgesprochen gewesen zu sein." Auch dieser Aspekt ist wichtig. Vor allem, wenn man über mögliche Konsequenzen der Kölner Ereignisse diskutieren möchte.
  • Ebenfalls unklar ist, ob die Übergriffe einer neuen Masche des Trickdiebstahls folgten, ähnlich der "Antänzer-Methode". Albers zufolge haben die Silvestervorfälle ein neues Ausmaß. Frühere Opfer der "Antänzer" seien in der Regel Männer gewesen, das habe sich nicht im sexuellen Bereich abgespielt.
  • Ob es Zusammenhänge zu den Taten in Hamburg und weiteren Städten gibt, ist ebenfalls noch unbeantwortet. Die Polizeisprecherin sagte lediglich, das sei Gegenstand der laufenden Ermittlungen.

Mit diesen Methoden arbeiten die Taschendiebe:

(she/dpa)