Die Suche nach HSV-Mitarbeiter Timo Kraus läuft weiter auf Hochtouren. Sein Verschwinden ist kein Einzelfall. Welche Personengruppen häufiger verschwinden als andere, wie viele Vermisste wieder auftauchen – und was oft die Hintergründe sind.

HSV-Marketingmanager Timo Kraus ist weiter spurlos verschwunden, bei seinem Verschwinden handelt es sich nicht um einen Einzelfall.

Tausende Menschen verschwinden in Deutschland jedes Jahr. Und das in Zeiten von Smartphones samt Ortungsmöglichkeiten, Videoüberwachung und Tracking bei Taxis.

Wie kann das sein? Wie viele Fälle gibt es? Und was sind die Hintergründe? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wie viele Fälle gibt es im Jahr?

Das Bundeskriminalamt (BKA) führt die Datei "Vermi / Utot". Sie enthält die Daten sämtlicher in Deutschland gemeldeter aktueller Vermissten-Fälle, unbekannter Leichen, nicht identifizierter hilfloser Personen sowie die dem BKA gemeldeten ausländischen Fälle.

Im April 2016 waren demnach in der Datei "Vermi / Utot" circa 16.000 in Deutschland als "vermisst" gemeldete Personen gespeichert. In dieser Zahl sind sowohl Fälle enthalten, die sich innerhalb weniger Tage aufklären, als auch Vermisste, die bis zu 30 Jahren verschwunden sind.

Täglich werden nach Angaben des BKA etwa 250 bis 300 Fahndungen neu erfasst und gelöscht. Erfahrungsgemäß erledigen sich knapp 50 Prozent der Vermissten-Fälle innerhalb der ersten Woche. Binnen Monatsfrist liegt die sogenannte Erledigungs-Quote bei über 80 Prozent.

Medienberichten zufolge werden deutschlandweit jährlich rund 100.000 Personen als vermisst gemeldet. Mitunter handelt es sich um Wiederholungsfälle, etwa bei depressiven Menschen.

Knapp zwei Drittel aller Vermissten sind laut BKA männlich, etwa die Hälfte Kinder und Jugendliche. Zudem gibt es wohl ein Stadt-Land-Gefälle. So werden zum Beispiel alleine in München pro Jahr 2.200 Menschen als vermisst gemeldet.

Was sind die häufigsten Hintergründe?

Probleme in der Schule, Streit mit den Eltern, Liebeskummer, die Hintergründe sind vielfältig, die meisten Personen tauchen freiwillig unter. "Nur ein Prozent aller Vermisstenfälle sind wirklich Kapitalverbrechen", erklärte der Düsseldorfer Autor Peter Jamin einst der "Rheinischen Post".

Jamin hatte nach aufwendigen Recherchen das Buch "Vermisst - und manchmal Mord" veröffentlicht. 15 Prozent der Vermissten sind seinen Recherchen zufolge Menschen, die geistig verwirrt sind. Meist verschwänden Menschen in Konfliktsituationen, zum Beispiel ausgebrannte Manager oder Studenten im Prüfungsstress.

"20 Prozent sind demente und kranke Leute. Erwachsene, gesunde Menschen sind selten dabei. Nicht jeder, der seiner Frau wegläuft, ist ein Fall für die Polizei", sagte Kriminalhauptkommissar Günter Lederer, der Co-Chef der Vermisstenstelle der Münchner Polizei, der "Bild"-Zeitung.

Mitunter sind finanzielle Probleme der Antrieb. Häufig wisse das Umfeld nicht, wie es um die finanzielle Lage bestellt sei, erklärte Marcus Lentz von der Hanauer Detektei Lentz "t-online.de". "Bei finanziellen Problemen ist oftmals die Scham zu groß oder die Lage erscheint zu aussichtslos, um Hilfe zu suchen."

Viele nutzten eine Flucht als den bequemsten Weg in ein neues Leben, das gelte etwa auch im Fall einer unglücklichen Ehe, meinte der Detektiv. Manchen Betroffenen fehle dann schlicht der Mut, für klare Verhältnisse zu sorgen.

Wie läuft die Suche?

Wird eine Person als vermisst gemeldet, erfolgt die Sachbearbeitung durch die örtlich zuständige Polizeidienststelle. Durch die Eingabe der Personendaten in eine Software wird der oder die Vermisste automatisch in besagte Datei "Vermi / Utot" aufgenommen, hierauf haben das BKA sowie die 16 Landeskriminalämter Zugriff.

Ist ein deutscher Staatsbürger im Ausland verschwunden oder wird er/sie dort vermutet, arbeitet das BKA mit Interpol zusammen. Falls eine Vermisstensache nicht aufgeklärt wird, bleibt die Personenfahndung bis zu 30 Jahren bestehen.

"Es ist nicht so, dass ein Vermisstenfall irgendwann ad acta gelegt wird. Jeder Vermisstenfall wird einem Sachbearbeiter bei der Kriminalpolizei zugeteilt. Die Fälle werden turnusmäßig überprüft. Wenn neue Hinweise kommen, wird an diesen Fällen weiterermittelt", sagte Ernst Wager, Polizeisprecher Oberpfalz, hierzu dem "BR".

Wie groß ist die Chance, dass Vermisste wieder auftauchen?

Groß. Der Anteil der Personen, die länger als ein Jahr vermisst werden, bewegt sich bei nur etwa drei Prozent. Ein Beispiel: Im Jahr 2012 galten laut BKA insgesamt 6.319 Kinder als vermisst, davon wurden bis September 2015 6.300 Fälle aufgeklärt. Dies entspricht einer Aufklärungsquote von fast 100 Prozent.

"Wirklich verschwunden bleiben im Jahr zwei oder drei Leute. Kinder und Jugendliche werden meist schnell aufgegriffen. Es gibt Streuner, die waren schon 20, 30 Mal weg", erklärte Kriminalhauptkommissar Lederer auf die Frage, wie viele Fälle seine Münchner Behörde löse. "Es gibt natürlich Unglücksfälle und Suizide. Aber manche wollen einfach eine Auszeit nehmen. Jeder darf sich frei bewegen."