Immer wieder werden Rettungskräfte und die Polizei von Schaulustigen bei Einsätzen behindert, die lieber das Smartphone zücken als zu helfen. Die ORF Sendung "Thema" ging der Frage nach, was an Unfällen so faszinierend ist, dass viele offenbar nicht wegsehen können.

Vergangene Woche verunglückte in Wien ein Bauarbeiter so schwer, dass er starb. Die Polizei war hauptsächlich damit beschäftigt, Schaulustige wegzuschicken, die Berufsrettung und Feuerwehr massiv behinderten. Die ORF Sendung "Thema" nahm diesen Vorfall zum Anlass, sich mit dem Phänomen Gaffer zu beschäftigen.

Noch ein anderer, erschütternder Vorfall mit Gaffern machte Schlagzeilen. Mehr als 300 Schaulustige scharten sich vor einigen Tagen an der Wiener U-Bahn Station Reumannplatz um einen Sterbenden. Nicht um zu helfen, sondern um den Todeskampf des am Boden liegenden zu fotografieren und zu filmen.

Eltern lassen Kinder zusehen

"Sie müssen sich vorstellen, der Platz war voller Leute. Trotz Blaulicht und Folgetonhorn hatten wir keine Chance, zum Patienten zu kommen. Wir hatten massive Probleme in Ruhe arbeiten zu können", schildert Michael Mareder von der Wiener Berufsrettung die Ereignisse in der Sendung "Thema".

"Ich sehe dann zwischendurch beim Arbeiten, wie Köpfe oder Hände mit dem Handy nach vorne gestreckt werden und uns blockieren. Der Patient liegt am Boden und kämpft um sein Leben", so Mareder.

Einige der Gaffer sollen sich sogar über die Absperrung beschwert haben, die sie daran gehindert hat, dem Sterbenden noch näher zu kommen.

Außerdem erzählt Mareder: "Was mich bei diesem Einsatz am meisten gestört hat, war, dass sogar Elternteile ihre Kinder zuschauen haben lassen, während der Patient auf der Trage gelegen ist und wir an dem Patienten gearbeitet haben." Er warnt: "Das brennt sich in Kinderköpfe ein."

Das Geschäft mit dem Unfall-Foto

Doch warum können diese Leute nicht wegschauen und halten alles auch noch mit dem Smartphone fest? "Ich glaube dass viele, die sich dieses Horrorszenario anschauen, wahrscheinlich so etwas wie eine gewisse Angstlust verspüren. Sie vergessen dabei, dass sie oder er der nächste sein kann", so Psychologin Brigitte Lueger-Schuster in "Thema".

Manche der Fotos, die von den Gaffern gemacht wurden, sind sogar in Zeitungen erschienen. So genannte "Leserreporter" werden für ihre Aufnahmen von Unfällen und Bränden mit bis zu 50 Euro entlohnt.

"Da kommt dann auch noch der Faktor dazu: Morgen bin ich dann berühmt für mein Foto und außerdem ein bisschen reicher.", so Psychologin Lueger-Schuster.

Immer wieder posten die Gaffer ihre Fotos und Videos von Verletzen und Sterbenden auch in sozialen Netzwerken.

Strafen für Unbelehrbare?

Innenminister Herbert Kickl überlegt, dem Phänomen einen Riegel vorzuschieben. Er kann sich "Strafmandate für Unbelehrbare" vorstellen.

Für die Polizei wäre es aber aus praktischen Gründen schwierig, die Gaffer zu bestrafen. "Wenn die Polizisten Erste Hilfe leisten, dann sind zwei, vielleicht vier Kollegen am Vorfallort, die haben dann keine Zeit, die Identitäten feststellen von 100 Schaulustigen, um hier Verwaltungsstrafen auszustellen", gibt Revierinspektor Paul Eidenberger zu bedenken.

"Ich glaube nicht, dass Menschen in dieser emotionalen Aufregung, in der sie sich befinden, tatsächlich daran denken, dass sie eine Strafe bekommen könnten. Man muss da eher präventive Maßnahmen setzen, das heißt, man muss die Kinder und Jugendlichen, alle die in Erste Hilfe Kurse gehen, darüber aufklären, was da passiert", erklärt Psychologin Brigitte Lueger-Schuster.

Ein Youtube-Video über Gaffer beeindruckt Millionen Menschen. Der ADAC spricht sich für Gefängnisstrafen für schwere Behinderungen von Einsatzkräften und Gaffen bei Unfällen aus.