Die drei Attentäter der Terroranschläge von Paris sind tot, doch noch immer sind viele Fragen offen. Gibt es Komplizen? Steckt ein Terrornetzwerk dahinter? Und hätten die Anschläge verhindert werden können? Ein Überblick.

Wer waren die Attentäter?

Die Brüder Chérif (32) und Saïd Kouachi (34) sollen für die Attacke mit zwölf Toten auf die Redaktion des Satire-Magazins "Charlie Hebdo" am Mittwoch verantwortlich sein. Die beiden starben beim Ende der Geiselnahme in einer Druckerei in Ort Dammartin-en-Goële nordöstlich von Paris. Amedy Coulibaly (32) soll am Donnerstag eine Polizistin erschossen haben. Einen Tag später überfiel er einen jüdischen Supermarkt, wobei vier Menschen starben. Die Polizei stürmte das Gebäude und tötete den Geiselnehmer. Zudem wird vermutet, dass Coulibaly bei einem vorherigen Überfall einen Jogger lebensgefährlich verletzt haben könnte.

Alle drei sollen einen islamistischen Hintergrund gehabt haben. Chérif Kouachi und Amedy Coulibaly haben sich 2010 im Gefängnis kennen gelernt. Ihre beiden Partnerinnen sollen in engem Kontakt miteinander gestanden haben, die Polizei spricht von 500 Telefongesprächen im vergangenen Jahr. Bei ihren Terroranschlägen haben sich die drei Männer abgestimmt, behauptete Coulibaly bei einem Interview während der Geiselnahme mit dem Fernsehsender BFMTV.

Die Attentäter von Paris beriefen sich auf beide Organisationen.

Zu seinen Motiven befragt, nannte er unter anderem den Einsatz Frankreichs in der Koalition gegen den Islamischen Staat (IS): "Ihr greift das Kalifat an, wir greifen euch an." Coulibalys Familie stammt ursprünglich aus Mali. Auch dort ging das französische Militär gegen Islamisten vor.

Wegen bewaffneter Raubüberfälle und Drogenhandels saß Coulibaly mehrere Jahre im Gefängnis. In der Haft ist er auch zum Islam übergetreten und hat sich radikalisiert. Seine neun Schwestern und seine Mutter distanzierten sich öffentlich von seinen Taten. "Wir teilen diese extremen Ideen absolut nicht", schrieben sie in einer Stellungnahme.

Die Brüder Kouachi wuchsen in einem französischen Waisenhaus auf und lebten jahrelang als Kleinkriminelle und Gelegenheitsjobber in Paris, berichtet die "Süddeutsche Zeitung". In dieser Zeit gerieten sie auch immer tiefer in die Islamisten-Szene. 2005 wollte Chérif als Dschihadist in den Irak-Krieg ziehen, wurde jedoch vor der Ausreise verhaftet. Im Gefängnis hielt er weiterhin Kontakt zu Fanatikern.

Hatten die drei Männer Komplizen?

Die französische Polizei sucht derzeit nach möglichen Helfern und Komplizen, wie vermutlich Hayat Boumeddiene, die 26-jährige Freundin von Coulibaly. Sie ist am 2. Januar in die Türkei gereist und von dort am 8. Januar weiter nach Syrien, teilten die türkischen Behörden mit. Sie könne bewaffnet und gefährlich sein, warnten französische Sicherheitskräfte. Auch sie soll von islamistischen Ideen überzeugt und damit bereits der Polizei aufgefallen sein. Die Lebensgefährtin von Chérif Kouachi, Izzana H., ist bereits in Polizeigewahrsam.

Der französische Premierminister Manuel Valls sagt: "Es gibt ohne Zweifel einen Komplizen." In Bulgarien wurde bereits ein möglicher Helfer festgenommen.

Medienberichten zufolge könnte auch eine ganze Terrorzelle mit weiteren sechs Personen hinter den Attentaten stecken. Die drei Männer aus Paris hatten Kontakt zu Djamel Beghal, einem mutmaßlichen Al-Kaida-Kämpfer. Zumindest Chérif Kouachi gehörte auch zur Islamistengruppe "Buttes-Chaumont", die unter anderem Kämpfer in den Irak geschickt haben soll. Außerdem gab es Beziehungen zur Al-Kaida-Terrorgruppe auf der Arabischen Halbinsel (Aqap), die früher bereits zum Mord am Herausgeber von "Charlie Hebdo" aufgerufen hatte.

Steckt ein Terrornetzwerk hinter den Anschlägen?

Noch ist nicht geklärt, ob und wie die Attentäter von einem Terror-Netzwerk unterstützt worden sind. Die Brüder Kouachi hatten sich bei ihrem Angriff auf "Al-Kaida" berufen. Coulibaly dagegen bekannte sich in einem Video zum IS. Von beiden Terrorgruppen kursieren auch Bekennerschreiben im Netz. Eine Zusammenarbeit der Organisationen hatte es bisher nicht gegeben. "Die Ideologie ist die gleiche", sagt Albert A. Stahel, Professor für Strategische Studien an der Universität Zürich. Der IS ist aus Al-Kaida im Irak hervorgegangen. Der Unterschied bestehe vor allem in der Machtfrage: Ihre Anführer konkurrieren miteinander, Anhänger müssen auf ihnen einen Eid leisten.

Ihre Vorgehensweise bei und nach der Tat spricht eher gegen die Unterstützung durch ein erfahrenes Netzwerk. Eine lange Vorbereitung bedurfte es nicht, die Ausführung war relativ schlicht und zeigte vor allem Entschlossenheit und den Willen zu töten. Bei ihrer Flucht schienen die Terroristen keinen durchdachten Plan zu verfolgen. Einer der Attentäter auf "Charlie Hebdo" verlor sogar seinen Ausweis im Auto.

Auch fehlt der klare islamistische Bezug, mit denen sich Terrorgruppen meist hervorheben. Der IS machte besonders durch seine ausgeklügelte Propaganda auf sich aufmerksam. Die Brüder Kouachi gaben ihren Bezug zu Al-Kaida nur durch Ausrufe während der Tat und durch Telefonanrufe an Journalisten zu erkennen.

Vor allem die Waffen, die die Attentäter bei sich trugen, sprechen aber für eine Organisation im Hintergrund. Das umfassende Arsenal, unter anderem Kalaschnikows, soll auf dem Schwarzmarkt über 10.000 Euro wert sein. Es könnte aber auch aus Krisenregionen geschmuggelt worden sein.

Hätten die Anschläge verhindert werden können?

Alle drei Attentäter sind polizeibekannt. Der Supermarkt-Geiselnehmer Amedy Coulibaly war mehrfach im Gefängnis, aber hat wohl nie eine terroristische Ausbildung im Ausland durchlaufen. Cherif Kouachi wurde 2008 wegen Terrorvorwürfen zu drei Jahren Haft verurteilt. Sein Bruder und Mittäter Saïd Kouachi soll laut US-Informationen vor Jahren für ein Trainingsprogramm in den Jemen gereist sein.

Nicht zuletzt deswegen stehen die Namen der Attentäter offenbar auf der allgemeinen Terror-Beobachtungsliste TIDE der USA, auf der bekannte oder mutmaßliche Terroristen geführt werden. Zudem sollen sich ihre Namen auf der No-Fly-Liste befunden haben, die Flüge in die USA verwehrt. Warum die Islamisten dennoch durch das Netz der französischen Sicherheitsbehörden geschlüpft sind, ist unklar.

"Solche Daten müssten insgesamt gespeichert und abgeglichen werden", sagt Strategie-Experte Stahel. Er vermutet "Fahrlässigkeit auf französischer Seite". Normalerweise gebe es zwischen Organisationen wie Europol und der Nato Absprachen. Premierminister Manuel Valls kritisiert die französischen Geheimdienste. "Es gab gewiss ein Versagen", sagte er kurz nach den Anschlägen in einem Interview mit dem Fernsehsender BFM.

Prof. Dr. Albert A. Stahel ist Dozent für Strategische Studien an der Universität Zürich und Leiter des Institutes für Strategische Studien Wädenswil.
Mit Material der dpa