Mit der Freilassung des Entführers von Jan Philipp Reemtsma beginnt ein erbittertes Katz- und Mausspiel mit der Polizei. Denn die Lösegeld-Millionen bleiben verschwunden, nur der aus dem Gefängnis entlassene Entführer Thomas Drach weiß, wo die Beute liegt. Dass das Geld jemals wieder ans Tageslicht kommt, ist nicht sehr wahrscheinlich - immer wieder verschwanden in der Geschichte Beute-Millionen spurlos. Wir zeigen die spektakulärsten Fälle.

Mit dem Absprung über die ausklappbare Hecktreppe einer fliegenden Boeing 727 verschwand der mysteriöse Unbekannte ins Reich der Legende. D.B. Cooper nannten die Ermittler den Flugzeugentführer später, der mit seinem Raubzug 200.000 US-Dollar erbeutet hatte, die nach heutigen Maßstäben etwa 1,1 Millionen Dollar wert wären. Am 24. November 1971, dem Vorabend von Thanksgiving, hatte Cooper 36 Passagieren und sechs Crew-Mitgliedern die Feiertags-Vorfreude gründlich verdorben.

Auf einem Linienflug von Oregon nach Seattle drohte er dem Flugpersonal, die Maschine mit einer Bombe in die Luft zu sprengen, sollten seine Forderungen nicht erfüllt werden. Mit einer Aktentasche voller roter Zylinder und verschlungenen Drähte verlieh er seiner Forderung so viel Nachdruck, dass die Behörden ihm glaubten - und nachgaben. Nach der Landung in Seattle ließ Cooper die Passagiere im Austausch gegen das Geld und vier Fallschirme frei.

Gemeinsam mit den beiden Piloten und einer Flugbegleiterin ließ er das Flugzeug wieder starten und Richtung Mexiko fliegen. Nur dass er selbst und das Lösegeld dort nie ankamen. Gegen 20.11 Uhr sprang Cooper mit einem Fallschirm und dem Lösegeld ab - und wurde nie wieder gesehen. Ebenso wie ein Großteil des Lösegelds: Lediglich ein kleiner Teil der registrierten Scheine tauchte wieder auf. Am 13. Februar 1980 fand ein kleiner Junge bei einem Picknickausflug mit seiner Familie drei Bündel mit 20-Dollar-Noten, insgesamt 5.800 Dollar, am Ufer des Columbia River im US-Staat Washington.

Wie das Geld dahin gelangt war, darüber rätselt das FBI noch heute. Manche Theorien besagen, D.B. Cooper habe den Absturz nicht überlebt und sei mitsamt dem Geld in den im Herbst eiskalten Fluss gestürzt. Andere glauben, dass er sich mit dem Geld ein schönes Leben machte - und die einzige Fährte selbst gelegt hat, um das FBI zum Narren zu halten. 40 Jahre später ist es äußerst unwahrscheinlich, dass die Wahrheit je ans Licht kommen wird.

21 Millionen D-Mark: ein Festessen für die Würmer

Wohin mit dem Lösegeld? Diese Frage stellt sich für erfolgreiche Entführer immer wieder. Gelingt es ihnen, die erpressten Millionen vor der Polizei zu verstecken, ist auch ein Gefängnisaufenthalt erträglich. Eine Freilassung erfolgt wie im Falle Reemtsma auch dann, wenn die inhaftierten Entführer schweigen und sich auf einen goldenen Lebensabend freuen. Pech nur, wenn das Versteck nicht hält, was es verspricht. Wie im Fall der Entführer des Millionenerben Richard Oetker.

Am 14. Dezember 1976 wurde der damalige Student Richard Oetker vom Parkplatz der Universität Weihenstephan in Freising entführt. Für das Leben seines Sohnes zahlte Richard Oetkers Vater ein Rekord-Lösegeld von 21 Millionen D-Mark in 1.000-Mark-Scheinen. Zwei Jahre später wurde Dieter Zlof als Täter festgenommen - und zu 15 Jahren Haft verurteilt, die er in der Hoffnung auf das Lösegeld geduldig absaß.

Wahrscheinlich hätte er seine Strafe nicht ganz so ruhig verbüßt, hätte er geahnt, wie die Zeit den erbeuteten Millionen zusetzte. Als er das in der Nähe von München fünfzig Zentimeter unter der Erde vergrabene Geld nach seiner Freilassung wieder ausgrub, war aus dem Schatz ein Festessen für die Würmer geworden. Die Zersetzung der Millionen war so weit fortgeschritten, dass Zlof und ein Komplize schließlich den Großteil des Geldes mit einem Komplizen im elterlichen Kamin verbrannten.

Als Zlof ein paar weniger verschimmelte Scheine in London umtauschen wollte, wurde er prompt erneut verhaftet: wegen Geldwäsche.

9.6 Millionen an der Börse pulverisiert

Doch auch wenn das Versteck gut gewählt ist und die Entführer nach dem Gefängnis ungesehen an ihre Beute gelangen, ist das Geld noch nicht in Sicherheit. Denn die schlimmsten Feinde der Millionen sind die Kriminellen selbst. Drei maskierte Männer entführten am 23. Dezember 1987 direkt vor der Familienvilla im baden-württembergischen Ehingen gleich beide Kinder des Drogerie-Unternehmers Anton Schlecker. Der Vater konnte die Lösegeldsumme herunterhandeln: auf 9,6 Millionen D-Mark, praktischerweise genau die Summe, auf die er versichert war. Die Täter konnten mit dem Geld entkommen und wurden erst zehn Jahre später im Sommer 1998 festgenommen, ebenfalls in Ehingen, in unmittelbarer Nähe des Tatorts.

Sie hatten durch Banküberfälle auf sich aufmerksam gemacht. Denn das Lösegeld hatte sich bis zur Verhaftung praktisch in Luft aufgelöst: den größten Teil hatten die Täter bei Immobilien- und Wertpapier-Spekulationen verloren, auf ganz legale Weise.

Existieren die Reemtsma-Millionen noch?

Nach der Freilassung des Entführers von Jan Philipp Reemtsma aus dem Gefängnis hofft die Polizei, dass er sie nun doch noch zu den verschwundenen 15,3 Millionen Euro Lösegeld führt. Doch vielleicht ist auch dieses Geld inzwischen längst verloren, verschimmelt, aufgeweicht oder von unfähigen Komplizen am Finanzmarkt verzockt.