Im Schweizer Kanton Graubünden kam es zu einem gewaltigen Bergsturz. Tonnenweise Geröll krachten ins Tal. Acht Wanderer werden vermisst. Wie kam es zu dem Naturereignis und war es vorhersehbar? Ein Experte gibt Auskunft.

Herr Hipp, welche Ursache vermuten sie für den gewaltigen Felssturz in der Schweiz?

Tobias Hipp: Es gibt mehrere Gründe für Bergstürze. Der Hauptgrund ist, dass sich die Gletscher am Wandfuß zurückziehen. Die Gletschermassen stabilisieren die Felsen am unteren Ende. Sie sind eine Art Stütze. Durch das Abschmelzen der Gletscher geht die Stabilisierung der Felswände verloren. Dazu kommt der Permafrost. Die Felswände sind in einer Höhe von 3.000 Metern gefroren. Wenn allerdings der Permafrost durch den Klimawandel anfängt, sich zu erwärmen, dann können solche großen Bergwände instabil werden.

Trifft das quasi auf jeden Berg zu?

Das ist nicht bei jeder Felswand der Fall. Da muss auch geologisch eine Störung vorliegen: Klüfte oder Risse müssen vorhanden sein.

Können sich solche Großereignisse vorhersagen lassen?

Es gibt zwar Frühwarnsysteme, die dafür sorgen können, dass Gemeinden rechtzeitig evakuiert werden können oder gefährdete Verkehrswege gesperrt werden. Eine konkrete Vorhersage wann genau ein Bergsturz zu erwarten ist, ist allerdings nicht möglich. Es war bekannt, dass die Nordwand des Piz Cengalo instabil ist. Bereits 2012 kam es zu einem ähnlichen Ereignis mit einem Volumen von zirka einer Million Kubikmeter. Das aktuelle Ereignis wird auf vier Millionen Kubikmeter geschätzt.

Welche konkrete Warnung gab es für die Region?

Für den Ort gab es eine Warnung für den Murgang, der durch den Bergsturz ausgelöst wurde. Das ist ein Strom aus Schlamm und Geröll, der talwärts fließt. Er wird detektiert. Deshalb konnte das Dorf Bondo evakuiert werden.

Wieso waren dann Wanderer in diesem Gebiet unterwegs?

Genaues kann ich dazu nicht sagen. Meines Wissens waren in der Region auf jeden Fall bestimmte Sperrzonen ausgewiesen. In Gebieten, wo man wusste, dass da ein Felssturz drohen kann. Wo die Wanderer genau unterwegs waren, kann man zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen.

Können Bergwanderer erkennen, dass ein Abgang unmittelbar bevorsteht?

Das was da am Piz Cengalo passiert ist, war höhere Naturgewalt. Großereignisse, wo ganze Bergflanken abgehen, kann der Bergsteiger oder Bergwanderer vorher nicht erkennen und dann umgehen. Dafür gibt es keine Vorzeichen. Das Einzige was man tun kann, ist, sich auf die Warnung der Behörden zu verlassen und entsprechend zu verhalten.

Was kleinere Ereignisse anbelangt wie Fels- beziehungsweise Steinschlag oder Murgänge, gibt es allerdings ein paar Dinge, auf die man achten kann und soll.

Ein solch gewaltiger Bergsturz verblüfft. Wie häufig kommen solche Ereignisse vor?

Großereignisse wie in der Schweiz gibt es immer wieder.

Wo sind die Hotspots, wo droht Gefahr?

Es gibt mehrere Regionen, die bekannt sind. Das ist der Piz Cengalo. Außerdem gibt es eine große Felsflanke oberhalb des Aletschgletschers im Berner Oberland, die instabil ist und sich talwärts bewegt. Auch das Jungfraujoch in den Berner Alpen wird vermessen sowie im Allgäu der Hochvogel. Dort ist auf deutsch-österreichischer Grenze der Bäumlerweg vom Tannheimer Tal her gesperrt, weil der Hochvogel am Gipfel einen Riss hat.

Der Riss wird immer größer. Für die Regionen in den österreichischen und Schweizer Alpen kenne ich kein konkretes Beispiel. Aber auch da gibt es Regionen, die gefährdet sind.

Für Bereiche, die akut gefährdet sind, gibt es Informationen und ausgewiesene Sperrgebiete. Das müssen die Wanderer und Bergsteiger respektieren. Bergwanderer und -steiger sollten auch die Gefahren von Steinschlag und Murgängen nicht unterschätzen. Gerade im Hochalpinen Gebiet nimmt die Gefahr nach Starkregen zu.

Tobias Hipp ist Geo-Wissenschaftler und Experte für Permafrost. Beim Deutschen Alpenverein ist er für die Projektleitung Alpine Raumordnung und Umweltschutz zuständig.