Auch nach 25 Verhandlungstagen bleibt die wichtigste Frage im Prozess um Oscar Pistorius weiter ungeklärt: Hat Südafrikas Paralympics-Star seine Freundin Reeva Steenkamp absichtlich erschossen oder nicht? Welche Erkenntnisse sich im bisherigen Verlauf des Prozesses ergeben haben, erörtern wir hier.

Deutlich mehr als 2.000 Seiten umfasst das Gerichtsprotokoll mittlerweile. Doch gänzlich schlüssig ist daraus bislang wohl niemand geworden. Bis zum 5. Mai wird der Prozess vorerst ausgesetzt, einerseits wegen der Osterpause, andererseits wegen eines Antrags von Staatsanwalt Gerrie Nel, der terminliche Gründe dafür angegeben hatte. Genug Zeit also, um Bilanz zu ziehen.

Das Kreuzverhör

Dass es einfach werden würde, hat niemand erwartet. Doch Beobachter waren teilweise geschockt, wie verletzlich der ansonsten stählern wirkenden Profisportler Oscar Pistorius im Zeugenstand auftrat. Mehrmals musste er sich übergeben oder sackte weinend in sich zusammen. "Ich bin mir nicht sicher", lautete häufig die Antwort des Angeklagten Sprint-Stars. Pistorius klagte so auffallend oft über Gedächtnislücken oder widersprach sich selbst, dass Staatsanwalt Nel ihn irgendwann der Lüge bezichtigte – wofür ihn die Richterin Thokozile Masipa prompt abmahnte.

Ankläger streut Zweifel an Aussage des Experten der Verteidigung.

"Pitbull gegen Pistorius" nannte die Süddeutsche Zeitung die aggressive Verhörmethode Nels. Emotionalen Druck aufbauen, Unsicherheiten schaffen, durch Wiederholung zermürben und immer wieder Einschüchtern – das war fünf Tage lang Nels Taktik. Dass dieser Mann beileibe kein Anfänger mehr, sondern seit über 30 Jahren als Staatsanwalt im Dienst ist, überrascht nicht.

Die Zeugen

Als ersten Zeugen rief Verteidiger Barry Roux nicht etwa Pistorius selbst, sondern den Pathologen Jan Botha in den Zeugenstand. Nach BBC-Informationen war Botha zwar nicht bei der Autopsie von Reeva Steenkamp dabei, aber er war bei einem anderen Fall - dem Mord an dem einflussreichen Minen-Eigentümer Brett Kebble - an der Aufklärung beteiligt. Botha hat zudem bereits an etwa 25.000 Autopsien teilgenommen.

Und der Pathologe hatte tatsächlich einiges zu sagen. So herrscht zwischen ihm und dem staatlichen Gutachter Chris Mangena Uneinigkeit darüber, wo genau in der Toilette Steenkamp zum Zeitpunkt des ersten Schusses gewesen sein mag. Als sie auf die Einschusswunden zu sprechen kamen, musste Botha allerdings zugeben, kein Ballistik-Experte zu sein. Darüber hinaus war er nicht wie die staatlichen Experten vor Ort. Seine Einschätzung basiert dementsprechend auf Bildern vom Tatort.

Ein von Oscar Pistorius bestellter Pathologe hat entschieden, nicht im Mordprozess gegen den südafrikanischen Sprintstar auszusagen. Die Entscheidung gilt als weiterer Rückschlag für die Verteidigung des Angeklagten. Auf die Frage, ob er in den Zeugenstand treten werde, sagte Reggie Perumal der Nachrichtenagentur AFP: "Nein (...). Sie wissen, dass ich im Moment nichts weiter sagen kann." Es wird vermutet, dass Perumal nicht aussagen will, um die Thesen der Staatsanwaltschaft nicht weiter zu untermauern.

Von Forensiker Roger Dixon forderte Staatsanwalt Nel eindeutige Aussagen, wo es momentan nur Wahrscheinlichkeiten gibt. Entsprechend wirkten Dixons Antworten unsicher und zerstreut. Und dann wieder dasselbe Spiel wie bei Botha: Auch Dixon muss zugeben, dass er nicht bei allen relevanten Rekonstruktionsversuchen anwesend war, dass die Versuche teilweise mit anderer Munition als der von Pistorius durchgeführt wurden weil Pistorius' Munition nicht aufzutreiben war, dass Fotos vom Tatort zu unterschiedlichen Zeiten aufgenommen wurden, dass der Toningenieur kein forensischer Experte sondern Musikproduzent war und dass keine Dezibel-Messungen der Versuchs-Schüsse vorgenommen wurden.

Nicht zuletzt musste Dixon bekennen, dass die baugleiche Pistole während der Schussexperimente nach jedem Schuss blockiert hatte und einzeln wieder entsichert werden musste. Diese Bemerkung stellt Pistorius' grundlegende Verteidigungs-Theorie in Frage: Im Glauben, auf einen Einbrecher zu schießen, hat Pistorius nach eigener Aussage in schneller Folge viermal gefeuert, ohne Schreie zu hören.

Der Tathergang

Der erste Schuss verletzte Steenkamp an der Hüfte, woraufhin sie rückwärts fiel. Darüber herrscht Einigkeit. Ob sie beim zweiten Schuss – in den Arm – noch hinter der verschlossenen Toilettentür war oder nicht, ist umstritten. Pathologe Botha glaubt aufgrund von Splitterverletzungen, dass Steenkamp nach dem dritten Schuss (in die linke Hand) gegen einen Zeitschriftenständer gestürzt sein muss, bevor der vierte und letzte Schuss ihren Kopf traf. Gutachter Magena glaubt, Steenkamp habe nach dem ersten Schuss in einiger Entfernung zur Tür auf dem Ständer gekauert und sei anschließend tödlich verletzt worden. Die wichtigste Frage in diesem Zusammenhang aber lautet: Hatte Reeva Zeit zu schreien oder nicht? Laut vorangegangener Zeugenaussagen gab es nur vor dem vierten Schuss eine kurze Pause.

Von der Beantwortung dieser Frage hängt ab, ob Pistorius seine Freundin fahrlässig oder vorsätzlich getötet hat. Für Letzteres droht Pistorius eine lebenslängliche Haftstrafe.

Zu welchem Ergebnis Richterin Masipa kommen wird, ist noch völlig unklar. Wahrscheinlich ist, dass die Urteilsverkündigung nicht wie geplant am 16. Mai fallen wird. Davor ist Pistorius' Verteidiger Barry Roux am Zug: Er will 14 bis 17 Zeugen befragen, um die Glaubwürdigkeit seines Mandanten wiederherzustellen.