Der Mordprozess gegen Oscar Pistorius nähert sich seinem Ende. Nach dem Hauptzeugen vom Vortag unterstützen auch die Nachbarn des ehemaligen Sprintstars die Version der Verteidigung. Die Zeugen berichten von verzweifelten Schreien eines Mannes.

Am Montag musste der Prozess vertagt werden, da die Verteidigung nur zwei Zeugen vorladen konnte. Pistorius' Anwalt Barry Roux konnte seinen Patzer am nächsten Verhandlungstag zumindest etwas ausbessern, da alle bisherigen Zeugen die Haltung von Oscar Pistorius unterstützen. Die tödlíchen Schüsse auf Reeva Steenkamp am Valentinstag 2013 seien ein Unfall gewesen. Der südafrikanische Sportler soll seine Freundin für einen Einbrecher gehalten haben.

Pistorius-Prozess: Wichtige Zeugen stützen Version des Angeklagten.

Michael Nhlengethwa, ein direkter Nachbar von Pistorius, muss als Erstes in den Zeugenstand. Er kennt den Athleten seit seinem Einzug in die Wohnanlage 2009. Eng befreundet seien sie jedoch nicht gewesen. Reeva Steenkamp habe er erst kurz vor deren Tod kennen gelernt. Sie habe ihn gleich umarmt und einen positiven Eindruck auf ihn gemacht, erzählt Nhlengethwa. "Die solltest du behalten", habe er zu Pistorius gesagt.

In der Tatnacht wurde Nhlengethwa von seiner Frau geweckt, weil diese einen Knall gehört habe. Da sie nicht wusste, woher das Geräusch kam, habe er zuerst in seinem Haus nachgesehen. Als er sah, dass dort nichts passiert war, hörte er einen Mann laut schreien. "Das Schreien, das wir hörten, war von einer Person, die verzweifelt war und vielleicht in Gefahr", schildert der Zeuge. Wer das war, wusste er zunächst nicht. "Die Person schrie 'Nein, bitte, nein'. Meine Frau wollte nicht, dass ich das Haus verlasse, also rief ich den Sicherheitsdienst an."

Erst als der Wagen des Sicherheitsdienstes bei Pistorius' Haus ankam, habe er sich entschlossen, nach draußen zu gehen. Auf dem Anwesen seines Nachbarn traf er Johan Stander, den Manager der Wohnanlage, der am Montag bereits vor Gericht ausgesagt hatte.

Dann sah Nhlengethwa Oscar Pistorius neben einer Frau knien und weinen. "Ich konnte sehen, dass es schlimm war. Ich konnte nicht zuschauen", sagt er vor Gericht. "Ich hörte aber wie Oscar immer wieder sagte: 'Helfen Sie ihr, bitte, bitte!'" Er habe den Ärzten die Eingangstür geöffnet und sei ein paar Minuten später wieder nach Hause gegangen. Nach seinen Angaben sprach er weder in der Tatnacht noch seither mit Pistorius.

Der Prozess um Oscar Pistorius geht in die entscheidende Phase.

Seine Frau, Eontie Nhlengethwa, bestätigt die Aussage ihres Ehemannes. Oscar Pistorius und sie seien gute Nachbarn gewesen, aber keine Freunde. Steenkamp habe sie nie getroffen. In der Tatnacht sei sie wegen eines lauten Knalls aufgewacht. Dann habe sie eine männliche Stimme nach Hilfe rufen hören. "Ich hatte große Angst", sagt sie. Als der Sicherheitsdienst draußen vorfuhr, sei sie bereits wieder im Bett gewesen.

Die dritte und letzte Zeugin an diesem Tag, Rika Motshuane, ist ebenfalls eine Nachbarin von Pistorius. Sie erzählt von ähnlichen Erlebnissen in der besagten Nacht wie das Ehepaar Nhlengethwa. Die Nachbarin Motshuane sei von den Schreien eines Mannes aufgeweckt worden. "Das Weinen war sehr laut. Es kam mir so vor, als wäre es in meinem Haus", sagt sie.

Ihr Mann und sie hätten sich aber nicht getraut nachzusehen, auch als sie das Auto des Sicherheitsdienstes vor dem Haus von Pistorius bemerkten: "Mein Mann und ich lagen dann im Bett, wach, und fragten uns, was da wohl passiert sein könnte." Schüsse habe sie aber nicht gehört.

Mit der Vernehmung der Nachbarn versucht die Verteidigung, ihre Version vom Geschehen zu bekräftigen. Alle drei bestätigen auf Nachfrage, dass sie keine Frauenschreie gehört hätten. Außerdem könnten die von den Zeugen gehörten panischen Rufe eines Mannes ein Indiz für Pistorius' Verzweiflung über die Verwechslung von Steenkamp mit einem Einbrecher sein. Verteidiger Roux kündigt an, bis nächsten Dienstag den Fall zum Abschluss zu bringen.

Am Montag hatte der Hauptzeuge der Verteidigung, Johan Stander, ebenfalls zugunsten von Oscar Pistorius ausgesagt. Stander war der Manager der Wohnanlage, in der der Sprintstar lebte. Gemeinsam mit seiner Tochter erreichte er als erste Person den Tatort. "Ich sah und spürte an diesem Morgen die Wahrheit. Pistorius hatte alles versucht, damit sie am Leben bleibt", sagte der Zeuge bei seiner Vernehmung.