Die Bundesregierung und der Freistaat Bayern machen nach massivem Druck aus In- und Ausland ernst mit der Aufklärung des Münchner Kunstfundes. 590 Bilder könnten NS-Raubgut sein und werden in der kommenden Woche im Internet veröffentlicht. Mit Cornelius Gurlitt dringt Bayern auf eine einvernehmliche Lösung. Zudem berichtet die "Süddeutsche Zeitung", dass der damals zuständige bayerische Kunstminister Wolfgang Heubisch (FDP) von der Beschlagnahmung der Bilder erst aus den Medien erfuhr.

Cornelius Gurlitt wurde am Dienstagmorgen vor seiner Wohnung in München-Schwabing gesichtet - mit einem Koffer im Schlepptau. Angeblich war er auf dem Weg zum Arzt nach Würzburg. Nachfragen zu dem in seiner Wohnung gefundenen "Kunstschatz" beantwortete er nicht.

Der massive Druck aus dem In- und Ausland zeigt Wirkung: Die Bundesregierung und der Freistaat Bayern machen ernst mit der Aufklärung des Münchner Kunstfundes. Demnächst sollen alle Werke aus möglichem NS-Raubgut veröffentlicht werden.

Dass die bei Cornelius Gurlitt bei Steuerermittlungen beschlagnahmten Bilder bisher unter Verschluss gehalten wurden, hatte internationale Kritik ausgelöst. Der bayerische Justizminister Winfried Bausback (CSU) sagte der "Süddeutschen Zeitung": "Es ist richtig, dass die politische Brisanz des Bilderfundes über eine lange Zeit nicht richtig erkannt wurde."

Heubisch erfährt von Bilderfund aus den Medien

Der 2012 zuständige bayerische Kunstminister Wolfgang Heubisch (FDP) sagte der "Süddeutschen Zeitung", er habe seinerzeit von dem Fund "nicht den blassesten Schimmer gehabt" und erst aus den Medien davon erfahren: "Ich hab' als erstes gedacht: Ist denn heute der 1. April?" Für den Freistaat Bayern sei der Fall "eine Katastrophe". Der Zeitung zufolge war die Bayerische Staatsgemäldesammlung von den Ermittlern über den Bilderfund informiert worden, hatte aber Heubisch nicht unterrichtet, weil bereits Berlin mit der Erforschung der Herkunft der Bilder beauftragt worden war.

Der Freistaat Bayern dringt auf eine Verständigung mit dem Kunsthändlersohn Gurlitt über die bei ihm beschlagnahmten 1.400 Bilder. Bausback sagte der "Süddeutschen Zeitung", es sei im Interesse aller, "wenn es zu einer einvernehmlichen Lösung käme". Es gehe "um die Verantwortung der Bundesrepublik Deutschland für die Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus".

Die Erforschung der Herkunft der Bilder müsse "jetzt auf breiter Front mit vereinten Kräften" erfolgen, sagte der Minister. Geklärt werden müsse, welche Bilder Nazi-Raubkunst seien. Wenn Eigentümern von Bildern, die in der NS-Zeit enteignet wurden, jetzt Verjährung entgegengehalten werde, sei das schwer erträglich. "Wir schauen uns deshalb genau an, ob für den Fall der Enteignung von Kunstwerken durch das NS-Unrechtsregime jedenfalls für bösgläubige spätere Erwerber eine Berufung darauf ausgeschlossen werden sollte", sagte Bausback.

590 Bilder des Münchner Kunstfunds werden veröffentlicht

In Gurlitts Münchner Wohnung waren im Februar 2012 rund 1.400 Bilder beschlagnahmt worden, darunter Werke von Dix, Chagall und Matisse. Rund 590 Bilder könnten NS-Raubgut sein. Diese sollen von kommender Woche an im Internet zu sehen sein, wie die Leiterin der Taskforce "Schwabinger Kunstfund", Ingeborg Berggreen-Merkel, am Donnerstagabend in Berlin ankündigte. Eine erste Liste von 25 Bildern mit möglichem Nazi-Raubkunst-Hintergrund war Anfang der Woche auf www.lostart.de veröffentlicht worden.

"Mit der Veröffentlichung auf lostart.de kann die Herkunft der (...) sichergestellten Kunstwerke so rasch und transparent wie möglich festgestellt werden", erklärte Berggreen-Merkel.

Die Staatsanwaltschaft erhält zahlreiche Anfragen von Nachkommen jüdischer Verfolgter und anderer Anspruchsteller. Alle Anfragen würden geprüft und beantwortet, sagte ein Sprecher am Donnerstag. Wenn ein gesuchtes Bild nicht in der Sammlung sei, gehe die Bearbeitung schnell. In anderen Fällen seien längere Nachforschungen erforderlich.

Mit Gurlitt steht die Staatsanwaltschaft zurzeit nicht in Kontakt. "Wir wüssten aber, wo wir ihn erreichen könnten, wenn wir Kontakt haben wollten", sagte der Sprecher der Ermittlungsbehörde. Einen Anwalt habe sich Gurlitt nicht genommen. "Es ist sein gutes Recht, nichts zu sagen." Gurlitt habe die beschlagnahmten Kunstwerke bisher nicht zurückgefordert. (dpa/tfr)