• Zwei Kinder haben in Freudenberg nach bisherigem Ermittlungsstand die zwölfjährige Luise getötet.
  • Die Justiz stößt bei dem Fall an ihre Grenzen, denn die mutmaßlichen Täterinnen sind noch zu jung für eine Strafe.
  • Auf viele Fragen wird es wohl keine Antworten geben.

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"Fassungslos – sprachlos – hilflos": Drei Worte stehen auf einer Seite im Kondolenzbuch für die getötete zwölfjährige Luise in der evangelischen Kirche Freudenberg. Sie drücken gut aus, was viele Menschen in der kleinen Stadt bei Siegen in Nordrhein-Westfalen gerade fühlen. Seit dem Wochenende trauert die Stadt um die zwölfjährige Schülerin, die nach dem Besuch bei einer Freundin auf dem Heimweg in einem Waldstück getötet wurde. Und am Dienstag nun die Nachricht: Die mutmaßlichen Täterinnen sind selbst noch Kinder. Ein zwölf- und ein 13-jähriges Mädchen haben gestanden, Luise mit zahlreichen Messerstichen getötet zu haben. Die Kinder kannten sich.

Wer mit den Menschen in der Freudenberger Innenstadt spricht, stößt immer wieder auf die eine Frage: Warum? Warum musste die Schülerin sterben? Und warum begingen zwei Kinder wohl eine so grausame Tat?

Die Ermittlungsbehörden halten sich mit Antworten auf diese Fragen sehr zurück. Die mutmaßlichen Täterinnen müssten geschützt werden – gerade weil sie noch Kinder seien, betonte der Leitende Oberstaatsanwalt in Koblenz, Mario Mannweiler.

Nur so viel sagt er: "Was für Kinder möglicherweise ein Motiv ist für eine Tat, würde sich einem Erwachsenen möglicherweise nicht erschließen." Angesichts der vielen Stichverletzungen bei dem Opfer liege jedenfalls die Vermutung nahe, "dass irgendwelche Emotionen eine Rolle gespielt haben".

NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst fordert Präventionsarbeit

Dass Kinder unter 14 Jahren Gewalttaten wie schwere Körperverletzung, sexuellen Missbrauch, Totschlag oder Mord begehen, kommt eher selten vor. 2021 ist die Zahl der tatverdächtigen Kinder in diesem Bereich gegenüber dem Vorjahr bundesweit angestiegen (7.477 zu 7.103). Verglichen mit 2019 gab es 2021 jedoch einen Rückgang um rund zehn Prozent.

Bei den Delikten gegen das Leben sind die absoluten Zahlen äußerst niedrig: 2021 gab es in diesem Bereich bundesweit 19 tatverdächtige Kinder, darunter vier Mädchen. Die Zahlen schwanken von Jahr zu Jahr stark, in den vergangenen 20 Jahren lagen sie jährlich zwischen vier und 21 Tatverdächtigen. Zur Einordnung: Laut Statistischem Bundesamt lebten in diesem Jahr rund 8,5 Millionen Kinder unter 14 Jahren in Deutschland.

NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) sprach am Dienstag von einem beunruhigenden Anstieg in Nordrhein-Westfalen. "Wir müssen diese Entwicklung nicht nur genau beobachten, wir müssen sie untersuchen, Ursachen finden und Präventionsarbeit leisten", betonte er. "Die Tat von Freudenberg wird Spuren über den schrecklichen Tod von Luise hinaus hinterlassen." Was diese Tat in der Orts- und der Schulgemeinschaft auslöse, lasse sich bestenfalls erahnen, sagte Wüst.

Staatsanwalt: "Die eigentliche Arbeit fängt jetzt erst an"

Am Tatort war am Dienstag noch einmal die Polizei im Einsatz. Von der Tatwaffe fehlt noch immer jede Spur. Der Ort, an dem die Leiche von Luise gefunden wurde und wo sie wohl auch getötet wurde, liegt abgelegen im Wald an der Landesgrenze von Rheinland-Pfalz zu Nordrhein-Westfalen. Freudenberg ist einige Kilometer entfernt. Handys haben hier keinen Empfang. Das Gelände ist unwegsam, nur ein Radweg führt durch das Tal. Eigentlich hätte Luise gar nicht hierher gehen müssen, um nach Hause zu kommen. Was die drei Mädchen hierhergeführt hat, auch dazu sagen die Ermittler nichts.

Strafrechtlich wird der Tod von Luise jedenfalls keine Folgen haben. Kinder unter 14 Jahren sind grundsätzlich nicht strafmündig – selbst bei einem so schlimmen Verbrechen wie Mord oder Totschlag. "Wir legen diesen Fall jetzt in die Hände der Jugendbehörden", sagte Staatsanwalt Mannweiler. Die beiden mutmaßlichen Täterinnen seien "in einem geschützten Raum in der Obhut des Jugendamtes". Nun seien Psychologen, Psychiater und auch die Eltern gefragt. "Die eigentliche Arbeit, die fängt jetzt erst an." (Marc Herwig, Jens Albes und Alexandra Stober, dpa/tas)

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