No jab, no job: Diese Regel einer US-Klinik in Houston hat ein Gericht bestätigt – mit Folgen für zahlreiche Mitarbeiter. Auch in einem deutschen Krankenhaus geht die Leitung offenbar gegen ungeimpfte Beschäftigte vor.

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In Deutschland war die Debatte über eine Impfpflicht für Pflegekräfte zuletzt etwas abgeflaut, in den USA dagegen haben entsprechende Regeln in einem Krankenhaus in Texas nun mehr als 150 Menschen den Job gekostet. Sie wurden entlassen oder haben gekündigt, nachdem ein Gericht Klagen gegen die Pflicht abgewiesen hat.

Der Streit darüber, ob und wie weit Gesundheitseinrichtungen ihre Mitarbeiter zu Impfungen verpflichten können, um Patienten und andere vor dem Coronavirus zu schützen, wurde landesweit beobachtet.

Die Klinik in Texas war die erste größere Gesundheitseinrichtung in den USA, die die Vakzine vorschreibt, auch der juristische Umgang damit in den USA gilt als Neuland.

Krankenhausmitarbeiter vergleichen Impfung mit medizinischen Experimenten

Die angestellten Klägerinnen und Kläger hatten ihre Situation mit der Teilnahme an unfreiwilligen medizinischen Experimenten in Konzentrationslagern verglichen.

Die US-Bezirksrichterin Lynn Hughes verurteilte diesen Vergleich und sagte, die in der Klage aufgestellten Behauptungen, die Impfstoffe seien experimentell und gefährlich, seien falsch. Außerdem könnten die Beschäftigten ja sonst auch woanders arbeiten.

"Wir wussten alle, dass wir heute gefeuert werden würden", sagte eine 39-jährige Krankenschwester, die gegen die Impfpflicht geklagt hatte. Sie hatte mehrere Jahre lang auf der medizinisch-chirurgischen Station des Houston Methodist Krankenhauses im Vorort Baytown gearbeitet und gab an, dass sie die Vakzinen nicht für sicher halte. Inzwischen habe sie aber einen neuen Job – bei einem ambulanten Pflegedienst.

Klinikchef Marc Boom hatte den Großteil seiner Beschäftigten zuvor gelobt. "Sie haben das Richtige getan. Sie haben unsere Patienten, Ihre Kollegen, Ihre Familien und unsere Gemeinde geschützt", schrieb er, fast 25.000 der mehr als 26.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien inzwischen vollständig immunisiert.

Dem Krankenhaus zufolge hatten zudem einige Mitarbeiter eine Ausnahmegenehmigung erhalten, auf die Impfung verzichten zu können, aus medizinischen Gründen wie aufgrund von Schwangerschaft, teilweise aber auch aus religiösen Gründen.

Deutsches Krankenhaus geht gegen ungeimpfte Mitarbeiter vor

Unterdessen könnte auch in Deutschland die Diskussion über eine Impfpflicht im Gesundheitswesen wieder an Fahrt aufnehmen. Wie der Sender SWR berichtet, verweigert das Klinikum Ludwigshafen ungeimpften Mitarbeitern die Übernahme von Führungsaufgaben.

Beschäftigten sei mit arbeitsrechtlichen Maßnahmen gedroht worden, in der Probezeit sei versucht worden, mehrere Menschen zu kündigen, heißt es in dem Bericht unter Berufung auf den Betriebsrat. Die Arbeitnehmervertretung will demnach zusammen mit der Gewerkschaft Ver.di gegen die Kündigungen vorgehen.

Auch die US-Investmentbank Morgan Stanley erwägt offenbar drastische Schritte gegen Nichtgeimpfte. Ab dem 12. Juli sollen Menschen, die nicht vollständig geimpft sind, laut einem Insider keinen Zutritt mehr zu den Büros der Firma haben.

Mitarbeiter, Kunden und Besucher müssten nachweisen, dass sie durchgeimpft seien, um die Räume der Bank in New York und Westchester betreten zu dürfen, sagte die Quelle der Nachrichtenagentur Reuters. Ungeimpfte und nicht vollständig geimpfte Angestellte müssten dann von zu Hause aus arbeiten.

Eine allgemeine Impfpflicht gibt es in Deutschland nicht. Die Freiwilligkeit wird jedoch immer mehr unterlaufen, wenn ein Impf- oder ein Genesungsnachweis immer häufiger zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben eingefordert wird.

Kann die Herdenimmunität erreicht werden?

Beim Umgang mit Impfskeptikern und Impfleugnern forderte der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, mehr Dialog. "Wenn wir nicht auch einen Teil dieser Gruppe vom Sinn der Impfung überzeugen, werden wir die Herdenimmunität nicht erreichen", sagte Montgomery dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

"Wer sich nicht impfen lässt, wird sich früher oder später mit dem Coronavirus infizieren", ergänzte er mit Blick auf die deutlich ansteckendere Delta-Variante.

Experten gehen davon aus, dass man aufgrund der ansteckenderen Delta-Variante eine Impfquote von 85 Prozent erreichen muss, um Ungeimpfte indirekt mitzuschützen.

Laut Robert Koch-Institut sind bislang erst 31,6 Prozent der Bevölkerung vollständig gegen das Coronavirus geimpft, 51,2 Prozent haben zumindest eine Impfung.

Ob der Anteil von 85 Prozent je erreicht wird, ist unklar: Kinder, für die es keine allgemeine Impfempfehlung und auch nur teilweise überhaupt zugelassene Vakzinen gibt, machen 17 bis 18 Prozent der Bevölkerung aus.  © DER SPIEGEL