Was angesichts der weißen Flitzer mit rotem Streifen gerne vergessen wird: Auch in Deutschland werden Hochgeschwindigkeitszüge von einem Menschen gefahren. Andreas Petzold (43) ist ICE-Lokführer und trägt jeden Tag die Verantwortung für mehrere hundert Fahrgäste. Im Interview spricht er über seinen Arbeitsalltag, die Problematik von Langsamfahrstellen und die Grenzen der Technik.

Herr Petzold, in Spanien ist ein Hochgeschwindigkeitszug höchstwahrscheinlich wegen menschlichem Versagen entgleist. Wie verhält es sich mit dem ICE? Übernimmt im deutschen High-Tech-Zug die Arbeit komplett der Computer?

Andreas Petzold: Die Technik hat auch in einem hochmodernen ICE nur eine unterstützende Funktion. Den Zug fährt der Lokführer, der zum Beispiel in den Tempomat eine bestimmte Geschwindigkeit eingibt, aber in der Regel auch oft per Hand fährt, was erheblich Energie sparen kann. In dem Moment, wo die Technik außer Betrieb ist, liegt die ganze Verantwortung für die Fahrt eines ICE auf den Schultern des Lokführers, das gilt zum Beispiel für offene Bahnübergänge oder auch für Langsamfahrstellen, die noch nicht in unsere elektronischen Systeme aufgenommen sind.

Angenommen, Sie kennen eine dieser Langsamfahrstellen nicht. Stehen die auch in Ihrem Computersystem oder könnten Sie mit Ihrem Zug dort auch ungebremst hineinfahren?

Bei Langsamfahrstellen, die noch nicht im System sind, ist der Fahrdienstleister verpflichtet, dem Lokführer am letzten Haltepunkt davor einen schriftlichen Befehl zu übermitteln, an dieser Position langsam zu fahren. Das kann aber auch 200 km vor dieser Langsamfahrstelle sein. Zwischen Hamburg und Berlin ist beispielsweise mein letzter Halt Hamburg-Hauptbahnhof. Da muss ich dann einen Befehl bekommen und mir das dann merken, bis wir die Position erreicht haben.

Können Sie auch durch Telefonanrufe abgelenkt werden? Dürfen Sie während der Fahrt ans Telefon gehen?

Das hängt davon ab, wer anruft und in welcher Lage sich der Zug befindet. Angenommen ich befinde mich auf einer geraden Strecke und habe eine gute Sicht und keine Störungen, dann könnte ich gut rangehen und sagen, ich melde mich, wenn ich in Frankfurt-Hauptbahnhof Pause habe. Fahre ich allerdings in einen Bahnhof rein, fahre ich auf Langsamfahrstellen zu, fahre ich auf Stellen zu, wo ein Geschwindigkeitswechsel ist, dann kann und darf ich nicht ans Telefon rangehen. Wichtig ist, das alles gilt nur für Dienstgespräche, Privatgespräche sind streng verboten.

Kann man sagen, außerhalb der wenigen überwachten Hochgeschwindigkeitsstrecken könnten auch deutsche ICE zu schnell in die Kurve fahren, wenn der Lokführer nicht aufpasst?

Dies kann nur theoretisch im Störungsfall passieren, wenn die Elektronik gestört ist. Bei Baustellen zum Beispiel erfolgt beim Durchfahren der Weichenstraße keine weitere Überwachung, der Lokführer muss anhand seiner Streckenkunde und seiner Dienstvorschriften genau wissen, wann der Zug wieder auf Fahrplangeschwindigkeit beschleunigt werden kann - siehe den fürchterlichen Unfall in Brühl vor einigen Jahren.

Der spanische Lokführer soll während der Fahrt mit dem Zugchef telefoniert haben. Haben auch Sie während der Fahrt eine Verbindung zum Zugpersonal?

Das ist sogar notwendig, da wir aufgrund des Sicherheitskonzeptes auf einer Schnellfahrstrecke zwingend eine Verbindung haben müssen, zum Beispiel für den Fall das jemand eine Notbremse zieht oder dergleichen. Es gibt auch Durchsagen, die ich zu tätigen habe, um das Zugpersonal zu bestimmten Handlungen auf zu fordern. Wir haben immer feste Sprechverbindung.

Andreas Petzold (43) Jahre arbeitet seit 1994 als Lokomotivführer bei der Deutschen Bundesbahn, später bei der Deutschen Bahn AG. Seit 1998 wird er im Hochgeschwindigkeitsdienst eingesetzt. Er ist Mitglied der Lokomotivführer-Gewerkschaft GDL.