Ein Hakenkreuz an der Decke einer Schulkantine, eine Straße mit dem Namen eines NS-Politikers: Im Alltag finden sich noch immer Symbole aus der Zeit des Nationalsozialismus. Wie kann das passieren? Und wie soll man damit umgehen?

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Zwei Orte in Deutschland, zwei ähnliche Diskussionen: Im Turm der Protestantischen Kirche im pfälzischen Herxheim am Berg schlägt seit Jahrzehnten eine Glocke mit einem Hakenkreuz und der Aufschrift "Alles fuer's Vaterland - Adolf Hitler".

In einem Schulgebäude im niedersächsischen Ocholt sind Hakenkreuze Teil einer Deckenmalerei. Heiraten oder Lernen unter dem Symbol des dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte?

Immer wieder wird in Deutschland darüber diskutiert, wie man mit den Relikten der NS-Zeit umgehen soll.

Spuren in Sprache, Gesetzen - und an Gebäuden

Denn die Nazi-Herrschaft hat Spuren hinterlassen. Das gilt für die Sprache, etwa für Wörter wie Sippenhaft oder Sonderbehandlung, die von den Nationalsozialisten geprägt wurden.

Das gilt für Gesetze, etwa für den Unterschied zwischen Totschlag und Mord, der noch heute in Paragraf 211 des Strafgesetzbuchs festgelegt ist. Aber das gilt eben auch für in Stein und Stahl gehauene Relikte.

Die sind häufig Teil von Gebäuden, die in den 1930er oder 1940er Jahren gebaut wurden. "Sehr stark symbolträchtige Zeichen haben die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg weggesprengt", erklärt Dr. Axel Drecoll, Leiter der Dokumentation Obersalzberg beim Institut für Zeitgeschichte, im Gespräch mit unserer Redaktion.

"Viele Gebäude sind aber weitergenutzt worden. Das entsprach in den 50er Jahren einer pragmatischen Haltung, weil man nicht ohne diese Bausubstanz ausgekommen wäre."

Die größten Gebäude aus der NS-Zeit sind etwa das Olympiastadion, der Flughafen Tempelhof und der heutige Sitz des Bundesfinanzministeriums in Berlin, aber auch Teile des VW-Werks in Wolfsburg, die Feriensiedlung Prora auf Rügen oder mehrere Gebäude in der Münchner Innenstadt.

Selbst in viel älteren Bauwerken wie dem Kölner Dom hinterließen Bauarbeiter in der NS-Zeit Spuren.

Im November 2017 legte ein Baggerfahrer hat im Hein-Klink-Stadion in Hamburg-Billstedt bei Aushub-Arbeiten ein riesiges Hakenkreuz aus Stahlbeton frei.

Das Hakenkreuz sollte schnellstmöglich entfernt werden. David Erkalp, CDU-Abgeordneter in der Hamburger Bürgerschaft, zeigt sich damals entsetzt über die "fürchterliche Nazi-Hinterlassenschaft".

"Respektlosigkeit vor Opfern des Nationalsozialismus"

Weniger auffällig sind die vielen Funktionsgebäude, die in der Nachkriegszeit weitergenutzt wurden. So sind auch die Hakenkreuze im Deckengemälde der Schule in Ocholt zu erklären.

Das frühere Schullandheim war Ende der 30er Jahre entstanden. Schon in den 80ern hatte die Gemeinde erwogen, die Malereien zu verdecken. Dann entschied man, sie als zeithistorisches Dokument zu erhalten und eine Hinweistafel anzubringen.

Das Gleiche soll bald auch an der Kirche in Herxheim am Berg passieren, in der die "Hitler-Glocke" schlägt. Dafür hat sich auch die rheinland-pfälzische Landesdenkmalpflege ausgesprochen.

Erinnern und Erklären statt Entfernen - dieser Weg ist nicht unumstritten. Es zeuge von einer "tiefen Respektlosigkeit vor allen Opfern des Nationalsozialismus", dass die Glocke in Herxheim bleibe, teilte Josef Schuster mit, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Das Geläut ist kein Einzelfall. Auch im niedersächsischen Schweringen etwa gibt es eine umstrittene Kirchenglocke mit einem Hakenkreuz. Dort schafften Unbekannte Fakten: Anfang April wurde das Symbol abgeschliffen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Sachbeschädigung.

Verwendung gesetzlich verboten

Doch ist ein Hakenkreuz im öffentlichen Raum nicht auch ein Fall für die Justiz? Paragraf 86a des Strafgesetzbuchs sieht eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren für das Verwenden von verfassungswidrigen Symbolen vor.

"An öffentlichen Gebäuden sollen sich keine Hakenkreuze befinden - da sollen sie entfernt werden, um nicht als Hoheitszeichen missverstanden zu werden", erklärt Christoph Safferling, Professor für Strafrecht an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, gegenüber unserer Redaktion.

Strafbar sind die verfassungsfeindlichen Symbole allerdings nur, wenn sie zu politischen Zwecken gezeigt werden. Mit dem Kapitel der NS-Zeit müsse man sich auseinandersetzen, sagt Safferling: "Eine Kirchenglocke zum Beispiel kann auch ein historisches Dokument sein. Dann darf es aber nicht unkritisch stehengelassen werden."

Historiker Axel Drecoll ist dagegen, Gegenstände aus der NS-Zeit einfach zu zerstören: "Es handelt sich dabei um Quellen der Zeitgeschichte." Doch er gibt auch zu bedenken: "Die Ideologie sollte auch über Gegenstände im Alltag verankert werden. Wenn diese noch heute im Alltag benutzt werden, ist das sehr heikel."

Namenspaten für Straßen

Ganz besonders gilt das für die Namen von Straßen und Plätzen. "Eine Straße nach einer Person zu benennen, war und ist ein Ehrenzeichen", erklärt Drecoll. "Wenn eine Straße noch heute den Namen einer NS-Persönlichkeit trägt, ist das problematisch."

Viele dieser fragwürdigen Ehrenzeichen haben Stadtverwaltungen in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten durch Umbenennungen bereits beseitigt. Doch längst nicht alle: In Koblenz trägt eine Straße noch immer den Namen des früheren nationalsozialistischen Politikers Friedrich Syrup.

Auch der Name von Wernher von Braun steht auf Straßenschildern in mehreren deutschen Städten: Der Raketen-Ingenieur machte in der Zeit des Nationalsozialismus Karriere und war SS-Mitglied.

Sportfunktionär Carl Diem taucht ebenfalls noch auf Straßenschildern und damit in vielen Adressen auf. Der NSDAP trat er zwar nie bei, machte aber ebenfalls unter den Nationalsozialisten Karriere.

1945 soll er zum "finalen Opfergang für den Führer" aufgerufen haben. In Neufahrn bei München ist die Gemeinde Ende März von der Carl-Diem-Straße abgerückt: Sie soll ab Juli den Namen von Fußball-Legende Fritz Walter tragen.

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