Großbaustellen in Deutschland: Kostenexplosionen, Verzögerungen, Katastrophen

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Von
Sebastian Henke

Am 5. September 2006 kam es zum ersten Spatenstich am Berliner Flughafen. 2012 sollte er in Betrieb gehen. Fertig ist er immer noch nicht. Großbauprojekte sind komplex, teuer und folgen dem sprichwörtlichen Motto "erstens kommt es anders und zweitens als man denkt". Manche laufen rund, andere katastrophal. Ein Resümee bekannterer und unbekannterer Großbaustellen Deutschlands ...

Das Negativbeispiel für Großbaustellen schlechthin ist der immer noch nicht fertiggestellte Willy-Brandt-Flughafen Berlin-Brandenburg, besser bekannt als BER. 2006 war Spatenstich, 2012 hätte der Betrieb regulär aufgenommen werden sollen. Nach einer Bauzeit von 14 Jahren sollen die ersten Flieger nun 2020 vom Flughafen Berlin-Brandenburg abheben.
Großbaustellen wie hier am Stuttgarter Hauptbahnhof fordern Städte über viele Jahre heraus. Die Debatten um Stuttgart 21, die Verlegung des oberirdischen Kopfbahnhofs in die Tiefe, waren ursächlich für den von Dirk Kurbjuweit 2010 geprägten Begriff "Wutbürger", als Zigtausende Stuttgarter gegen das Mammutprojekt auf die Straße gingen.
Ein Streitpunkt waren die explodierenden Kosten der Baumaßnahmen, die bis 2019 abgeschlossen sein sollten. Die berechneten Kosten für Stuttgart 21 lagen zu Baubeginn 2010 bei etwa 4,1 Milliarden Euro. Januar 2018 beläuft sich der Finanzierungsrahmen auf 8,2 Mrd. Euro. Die geplante Bauzeit verlängert sich um mindestens zwei Jahre.
Der neue Stuttgarter Durchgangsbahnhof ist essentieller Bestandteil der "Magistrale für Europa" zwischen Paris und Budapest. Wie hier beim Bau der Filstalbrücke wird die Strecke für Hochgeschwindigkeitszüge ausgebaut. So sollen Züge auf der Strecke Stuttgart-Wien fast zwei Stunden schneller ankommen. Zwischen Stuttgart und Paris sollen Reisende fast drei Stunden einsparen.
Bereits fertiggestellt ist nach elfjähriger Bauzeit seit 2006 der Berliner Hauptbahnhof. Für den Bau mitten im Wasser der Spree ist der Fluss zwei Jahre lang umgeleitet worden. Die Baukosten stiegen von geplanten 700 Millionen Euro auf 1,2 Milliarden. Problem ist auch die Instandhaltung des Glasbaus. Allein der Wechsel eines der 15.000 Dachfenster kostet etwa 10.000 Euro.
Berlin, zum Dritten: Das Berliner Stadtschloss, das ab Ende 2019 das Humboldt Forum beherbergt. Was von dem Hohenzollern-Schloss nach dem Krieg übrig war, ließ die DDR-Führung sprengen. Der Wiederaufbau des Schlosses kostete nach aktuellen Angaben knapp 600 Millionen Euro. Davon trugen private Spenden 105 Millionen bei.
Der 51 Kilometer lange Abwasserkanal Emscher soll die Schmutzwässer von 2,26 Millionen Einwohnern des Ruhrgebiets aufnehmen und zu den Klärwerken leiten. Mit dem in 40 Metern Tiefe verlaufenden Kanal kann der Fluss revitalisiert werden. Nach elf Jahren Bauzeit soll 2020 der gut eine Milliarde Euro teure Kanal in Betrieb gehen.
Die Waldschlösschenbrücke über die Elbe bei Dresden kostete 181 Millionen Euro und einen Unesco-Weltkulturerbe-Titel. Allerdings steht dort auch der profitabelste Blitzer Dresdens, da die Brücke zwischen Mai und Oktober bei Dunkelheit nur mit Tempo 30 befahren werden darf, um die ansässige Fledermausart "Kleine Hufeisennase" nicht zu gefährden.
Der Bahnknoten Halle ist bereits an die neue Schnellfahrstrecke München–Berlin angeschlossen, auf der ICEs mit bis zu Tempo 300 fahren. Dies verkürzt die Fahrtzeit München-Berlin um etwa zwei Stunden. Die Ostseite des etwa 750 Millionen Euro teuren Hauptbahnhofs ist schon fertig, seine Westseite soll Ende 2019 eröffnet werden.
Ein verpfuschtes Großbauprojekt von langwieriger Auswirkung ist das Kernkraftwerk Mühlheim-Kärlich (hier: 2014). 1986 in Betrieb genommen, musste das AKW wegen Baugenehmigungsfehlern 1988 wieder vom Netz gehen. Der Abriss soll bis 2025 abgeschlossen sein. Neben den Baukosten von 3,58 Milliarden Euro kommen für den Rückbau 725 Millionen Euro für 30 Monate Laufzeit.
Die Hamburger Elbphilharmonie sollte wie das Opernhaus von Sydney zum neuen Wahrzeichen der Hansestadt werden. Seit November 2016 steht das Konzerthaus, sechs Jahre später und mit 866 Millionen Euro mehr als elfmal so teuer als geplant. Doch schick sieht es schon aus, wenn sich die Abendsonne darin spiegelt.
Die als Kombilösung für Karlsruhe konzipierte Neugestaltung des Innenstadtverkehrs gibt der Fächerstadt ein neues Gesicht. Zukünftig fahren keine Straßenbahnen mehr durch die Fußgängerzone im Herzen der Stadt. Stattdessen sollen sie ab 2021 unterirdisch verkehren.
Das Schneidrad der Tunnelvortriebsmaschine an der künftigen Haltestelle Durlacher Tor. Auch in Karlsruhe steigen die ursprünglich angenommen Kosten des Großprojekts unter dem Motto "unten die Bahnen und oben das Leben" von 530 Millionen Euro mittlerweile auf über 1,2 Milliarden.
Eine der größten Baustellen Deutschlands ist derzeit das dritte Terminal für den Frankfurter Flughafen. Der für 14 Millionen Passagiere im Jahr konzipierte Bau soll 2023 in Betrieb gehen und 2,5 Milliarden Euro kosten. Bislang liegt das als modernstes Abfertigungsgebäude Europas geplante Bauwerk im Plan.
Weniger effizient geht es in Köln zu. Schon für den Dom brauchte die Karnevalshochburg 632 Jahre. Der Nord-Süd-Stadtbahn traut manch Kölscher Jeck Ähnliches zu. Sechs Jahre veranschlagten die Bauherren für die 6,6 Kilometer ab 2004. Jetzt gilt 2026 als frühester Termin. Sollte es dazu kommen. hätte man etwa 300 Meter im Jahr gegraben, 82 Zentimeter am Tag.
Der Grund: Baupfusch. Es häufte sich Desaster auf Desaster. Am 29. September 2004 neigt sich der Kirchturm von St. Johann Baptist im Severinsviertel. Schuld sind die Bauarbeiten unter dem Fundament. Der Turm muss durch massive Stahlträger gestützt und später wieder aufgerichtet werden. Weitaus schlimmer aber ist ein anderes Unglück ...
Am 3. März 2009 bricht unter dem Stadtarchiv das Erdreich ein. Das gesamte Kölner Stadtarchiv, eines der bedeutendsten Kommunalarchive Europas, versinkt in einem 25 Meter tiefen Loch. Das Gedächtnis einer 2.000 Jahre alten Stadt - vernichtet. Der Wiederaufbau des Stadtarchivs kostet mit 1,2 Milliarden Euro etwa doppelt so viel, wie für die gesamte Nord-Süd-Stadtbahn einst kalkuliert worden ist.
Bundesweit wenig bekannt ist die Modernisierung und Sanierung der Universität Bielefeld. Das Projekt soll inklusive der notwendigen Ersatzbauten rund eine Milliarde Euro kosten. Doch die Bauarbeiten ziehen sich hin. Ursprünglich peilte man 2026 an, inzwischen soll es bis zu zehn Jahre länger dauern. Das dürfte auch die Kosten in die Höhe treiben.
In München gab es vor dem Bau der zweiten S-Bahn-Stammstrecke vor allem archäologische Hindernisse. Wie hier am Marienhof mussten archäologische Ausgrabungen durchgeführt, Funde fachgerecht geborgen und dokumentiert werden. Unabhängig davon stiegen die geschätzten Kosten von zwei auf über drei Milliarden Euro. Statt 2024 soll die Strecke nun 2026 in Betrieb gehen.
Mit Datteln 4 sollte für eine Milliarde Euro Europas modernstes Steinkohlekraftwerk entstehen. Der Bau verzögert sich vor allem wegen Klagen und Baumängeln am Kessel. Die 2007 begonnenen Arbeiten werden daher vermutlich erst 2020 abgeschlossen sein. Geplant war 2011. Die Baukosten beziffern sich bislang bereits auf 1,2 Milliarden Euro.