Vielen haben die Worte gefehlt – und fehlen noch immer – angesichts der dramatischen Entwicklungen rund um Flug 4U9525. Der Stand der Ermittlungen wirft auch für uns in der Redaktion zahlreiche Fragen auf, wie mit den Informationen umzugehen ist. Wir möchten unsere Abwägungen und Diskussionen an dieser Stelle transparent machen und erläutern.

Update, 27. März, 18 Uhr: Nach intensiven Diskussionen haben wir uns entschlossen, den Namen des Co-Piloten nun auch zu nennen – und Bilder von ihm kenntlich zu machen. Warum? Im Laufe des heutigen Tages haben sich die Hinweise auf eine psychische Erkrankung des Co-Piloten erhärtet. Nach Quellen mehrerer Medien wurde dies unabhängig voneinander bestätigt. Wir haben uns vergewissert, dass die Quellen glaubhaft sind. Damit zeichnet sich ein Motiv für die Tat von Andreas Lubitz ab. Aus dem Opfer wurde ein Täter. Ein Mörder. Wir wissen, dass es nach wie vor nicht 100 prozentig sicher ist, dass sich der Absturz genau so abgespielt hat. Wir müssen nach der aktuellen Faktenlage aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen. Damit verschiebt sich unsere Abwägung und das öffentliche Interesse an dem Täter überwiegt über das nach wie vor unstrittige Persönlichkeitsrecht der Hinterbliebenen.

Wir wissen, dass nicht alle diesen Schluss teilen. Auch in unserer Redaktion ist diese Sichtweise kein Konsens. Wir halten Sie über unsere Überlegungen weiter auf dem Laufenden.

Unsere ursprünglichen Überlegungen:

Nennen wir den kompletten Namen des Co-Piloten?

Nein. Bei der Nennung des kompletten Namens des Co-Piloten sind verschiedene Aspekte abzuwägen. Rein rechtlich ist das Persönlichkeitsrecht des Co-Piloten mit seinem Tod erloschen, damit wäre eine Namensnennung in dieser Hinsicht in Ordnung. Aber: Auch die Hinterbliebenen des Co-Piloten haben ein Persönlichkeitsrecht. Sie sind unverschuldet in diese Situation geraten und der Schutz ihrer Identität ist ein hohes Gut. Auf der anderen Seite gibt es ein unbestreitbares, hohes öffentliches Interesse am Co-Piloten. Die Frage, wer dieser Mann ist, und was seine Motive waren, ist eine Kernfrage bei der Aufklärung des Absturzes. Wir glauben aber zum jetzigen Zeitpunkt, dass wir dieser Kernfrage auch nachgehen können, ohne den Namen komplett nennen zu müssen.

Zeigen wir ein Foto des Co-Piloten?

Ja. Offenbar hat der Co-Pilot das Flugzeug absichtlich und bei vollem Bewusstsein zum Absturz gebracht. Damit gibt es ein sehr großes öffentliches Interesse an der Person. Aber:

Warum ist das Gesicht des Co-Piloten unkenntlich gemacht?

Über die Motive und den Hintergrund des Co-Piloten ist noch wenig bekannt. Wir wollen hier noch weitere Erkenntnisse der Behörden und Recherchen abwarten. Sollte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit feststehen, dass der Co-Pilot als Täter einzustufen ist, würden wir sein Gesicht auch kenntlich machen. Das öffentliche Interesse an der Person eines Täters würden wir in diesem Fall höher gewichten als das Persönlichkeitsrecht der Hinterbliebenen, da mit einem Foto nicht unmittelbar die Identität der Hinterbliebenen offen gelegt wird – anders als beispielsweise bei der vollen Namensnennung.

Zeigen wir Verwandte und Trauernde?

Wir zeigen die Trauer um die Opfer des Flugs 4U9525. Aber wir bemühen uns, nur Bildmaterial zu nutzen, bei dem die Angehörigen und Trauernden nicht zu erkennen sind. Für uns ist die Trauer um die Opfer ein wichtiger Aspekt bei der Berichterstattung und für die Bewältigung des Absturzes. Aber die Persönlichkeitsrechte der Angehörigen oder Trauernden überwiegen in diesem Fall.

Aber die anderen machen es doch auch?

Tatsächlich argumentieren manche Medien in ihren Entscheidungen, z.B. Angehörige teilweise in Großaufnahmen zu zeigen, damit, dass viele andere (vor allem internationale) Medien dies auch tun. Für uns ist dies kein Maßstab. Wir glauben, dass die Abwägung zwischen den unterschiedlichen rechtlichen, aber auch medienethischen Aspekten jede Redaktion für sich entscheiden muss. Wir möchten auch nicht über die Entscheidungen anderer Redaktionen urteilen, wir wissen, wie schwer die Abwägung ist.

In den vergangenen Stunden wurde in unserem Newsroom sehr viel diskutiert. Und auch die oben genannten Abwägungen sind nur ein Abbild des aktuellen Standes. Wir werden weiter diskutieren, weiter abwägen. Wir werden Entscheidungen möglicherweise ändern, vielleicht sogar erkennen müssen, Fehler gemacht zu haben. Wir werden Sie aber in jedem Fall darüber an dieser Stelle informieren.